Satire

Wir schalten um nach Teheran

Was gesagt werden muss: Wenn die Bombe fällt, ist Maybrit Illner mit ihrer TV-Talkrunde sofort zur Stelle. Foto: Fotolia / (M) Frank Albinus

Donnerstag, 24. Mai 2013, 6.37 Uhr. Blitzmeldung der Deutschen Presse-Agentur: »Iranische Raketen vom Typ Shahab 3 haben soeben den Großraum Tel Aviv bombardiert. Unklar ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt, ob bei dem Angriff nukleare Sprengsätze zum Einsatz kamen.«

selbst schuld Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 7.14 Uhr. Am Telefon Michael Lüders, Nahostexperte: »Letztlich hat sich Israel das selbst zuzuschreiben. Die Drohungen der Regierung Netanjahu haben den Iran in eine Angstpsychose versetzt. Teheran musste davon ausgehen, dass früher oder später Israel das Land und seine Bevölkerung vernichten würde. Juristisch könnte man von einer Art Putativnotwehr sprechen.«

WDR 2-Hörfunk, Morgenmagazin, 8.24 Uhr. »Liebe Hörerinnen und Hörer, wir wollten natürlich auch eine kritische Stimme aus Israel hören, den bekannten Journalisten und Friedensaktivisten Uri Avnery. Leider bekommen wir weder telefonisch noch per Internet Kontakt. Wir hoffen, dass wenigstens ihm nichts passiert ist.«

Phoenix-Sondersendung »Bomben auf Tel Aviv«, 9.36 Uhr. Zu Gast im Studio Bischöfin a.D. Margot Käßmann: »Das Allerwichtigste ist jetzt, Israel an alttestamentarischer Rache zu hindern. Sonst droht eine Eskalation der Gewalt, an deren Ende die ganze Welt in Flammen stehen könnte. Gerade wir Deutschen stehen aufgrund unserer Geschichte hier in der Pflicht.«

Süddeutsche Zeitung online, 10.47 Uhr: »Günter Grass hat angesichts der drohenden Kriegsgefahr im Nahen Osten ein neues Gedicht verfasst, das er der SZ, der New York Times, Le Monde, El Pais, La Repubblica, der Iswestija, der Peking Rundschau sowie 87 anderen führenden Zeitungen der Welt zum Abdruck zur Verfügung gestellt hat. Hier ein Auszug: ›Ich hab’s/ja gesagt/Aber keiner/wollte/auf mich hören./Jetzt habt Ihr den Salat./Ätsch!‹ (Mehr in unserer morgigen Druckausgabe).«

Meldung der Deutschen Presse-Agentur, 11.33 Uhr: »Sigmar Gabriel mahnt Israel zur Zurückhaltung.«

bedrohungsszenarien ZDF »Maybrit Illner spezial«, 12.30 Uhr: Zu Gast: Peter Scholl-Latour, Nahostexperte; Jakob Augstein, Herausgeber des »Freitag«; Michael Wolffsohn, Professor an der Bundeswehrhochschule München; Katajun Amirpur, deutsch-iranische Journalistin und Islamwissenschaftlerin. Wolffsohn: »Es war klar, dass das passieren würde. Ahmadinedschad hat immer wieder zur Vernichtung Israels aufgerufen.« Amirpur: »Hat er nicht. Das Zitat ist falsch übersetzt worden, wie ich in der Süddeutschen Zeitung vom 15. März 2008 nachgewiesen habe.« Wolffsohn: »Aber Iran hat Israel doch tatsächlich attackiert!« Amirpur: »Das tut überhaupt nichts zur Sache!« Augstein: »Nicht nur das Leben unschuldiger Iraner ist jetzt in Gefahr. Auch wir sind existenziell bedroht. Wenn Israel atomar zurückschlägt, könnte der nukleare Fallout Millionen Deutsche gefährden. Ist das am Ende die Rache für den Holocaust? Die Frage muss man stellen dürfen!« Scholl-Latour: »Was wir jetzt erleben, ist nichts wirklich Neues. Schon die Seldschuken haben während der Kreuzzüge im 11. Jahrhundert ...«

Eilmeldung der Deutschen Presse-Agentur, 13.21 Uhr: »Israel–Iran: Claudia Roth schlägt Heiner Geißler als Vermittler vor.«

Zeit online, 14.08 Uhr: »Die Grenzen der Selbstverteidigung« von Professor Christian Tomuschat, Humboldt-Universität Berlin, Mitglied der UN-Völkerrechtskommission: »Zwar gesteht die UN-Charta im Prinzip einem angegriffenen Staat – sogar Is- rael – das Recht zu, militärisch zu reagieren. In der juristischen Abwägung allerdings steht Israels subjektiv vielleicht verständlichem Wunsch nach Gegenschlag das eindeutig höherwertige Rechtsgut des Weltfriedens entgegen, das die Völkergemeinschaft jetzt gegen Israel durchsetzen muss.«

Meldung der Deutschen Presse-Agentur, 15.27 Uhr: »Am Rande der EU-Krisenberatung über das Frankreich-Hilfspaket hat Außenminister Westerwelle Israel und Iran aufgefordert, ihre Differenzen friedlich beizulegen. Westerwelle betonte dabei, dass Deutschland sich seiner besonderen Verantwortung für Israel bewusst sei. Er habe deshalb seinem israelischen Amtskollegen angeboten, eine begrenzte Zahl von Opfern des Bombardements in deutschen Kliniken kostenlos behandeln zu lassen.«

friedensdemo taz online, 16.13 Uhr: »Das bundesweite Netzwerk Friedenskooperative will heute Abend in mehreren deutschen Städten Kundgebungen gegen einen möglichen israelischen Militärschlag veranstalten. Die Demonstrationen stehen unter dem Motto ›Kein Blut für Tel Aviv.‹ Hauptredner auf der zentralen Kundgebung in Berlin wird der Schriftsteller Roger Willemsen sein.«

Achse des Guten, 17.02 Uhr: Henryk M. Broder postet eine E-Mail der Volkshochschule Neheim-Hüsten, die einen geplanten Vortrag des Autors absagt: »In der jetzigen angespannten Situation möchten wir kein Öl ins Feuer der Weltpolitik gießen.«

ARD-Pressemitteilung, 18.14 Uhr: »Aus aktuellen Gründen sendet Das Erste heute Abend einen Brennpunkt zum Thema ›Krise in Nahost: Droht die Apokalypse?‹. Die 15-minütige Sendung wird unmittelbar im Anschluss an ›Das große Fest der Volksmusik‹ gegen 22 Uhr ausgestrahlt.«

ZDF »heute«, 19 Uhr, Sendelaufplan: »1. Live-Schalte nach Berlin zur Friedensdemo (3 Min. 30); 2. Live-Interview Westerwelle Brüssel (3 Min. 30); 3. Reportage: Iraner in Deutschland in Angst (3 Min. 30); 4. Bericht aus Tel Aviv (1 Min. 30); Trainerwechsel bei Schalke (2. Min. 30); Wetter.«

ARD Tagesschau, 20.08 Uhr. Sprecher Jens Riewa bekommt eine Meldung hereingereicht: »Meine Damen und Herren, vor wenigen Minuten hat die iranische Luftwaffe auch Haifa bombardiert. Das meldet soeben die französische Nachrichtenagentur AFP. Mehr dazu in unseren Tagesthemen um 22.30 Uhr. Zurück ins Inland: In Schleswig-Holstein ist ein Geflügelbauer wegen Tierquälerei verurteilt worden.«

Dienstag, 22. Mai 2012, 8 Uhr: Der Wecker klingelt, der Autor wacht auf und schwört sich, in Zukunft nie wieder vor dem Schlafengehen das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung zu lesen. Man kriegt davon so seltsame Träume.

Stuttgart

Startschuss für die Jewrovision

Der jüdische Jugend-Musikwettbewerb hat begonnen. In der baden-württembergischen Landeshauptstadt treten heute 13 Teams aus ganz Deutschland auf

von Joshua Schultheis  15.05.2026 Aktualisiert

Jewrovision 2026

Die Nervosität steigt …

Schon bald gehen die Scheinwerfer an und 600 jüdische Jugendliche aus ganz Deutschland werden ihre Showacts zum Besten geben

von Nicole Dreyfus  15.05.2026

Kino

»Palästina 36«

In ihrer Doku geht die palästinensische Regisseurin Annemarie Jacir fahrlässig mit einem historischen Thema um

von Ralf Balke  15.05.2026

Gesangswettbewerb

ESC: Ein bisschen Aufregung in Wien

In Wien sollen Kaffeehäuser Patenschaften für die Teilnehmerländer übernehmen, doch ausgerechnet für Israel fand sich keines bereit

von Martin Krauss  15.05.2026

Wien

ESC-Finale: Noam Bettan tritt als Dritter auf

Unter ESC-Beobachtern gilt ein früher Startplatz traditionell als möglicher Nachteil im Rennen um den Sieg

 15.05.2026

Musik

Jay Beckenstein wird 75

Der jüdische Saxofonist aus Buffalo, der seine Jugend in Westdeutschland verbrachte, gründete eine der wichtigsten Fusion-Bands und bietet sanfte Klänge

von Imanuel Marcus  14.05.2026

Berlin

TU eröffnet neues Kompetenzzentrum für Antisemitismusforschung

Nach umfassendem Umbau stünden künftig rund 55.000 Bücher und Zeitschriften sowie etwa 11.000 visuelle Antisemitika für Forschung und Lehre zur Verfügung

 14.05.2026

Zahl der Woche

13 Gruppen

Fun Facts und Wissenswertes

 14.05.2026

Eurovision Song Contest

Die Leichtigkeit der anderen

Der Schoa-Überlebende Walter Andreas Schwarz vertrat Deutschland 1956 beim ersten Grand Prix Eurovision in Lugano. Seine Biografie prallte auf ein Publikum, das die Vergangenheit hinter sich lassen wollte

von Claudio Minardi  14.05.2026