»Emil und Karl«

Wiener Walpurgisnacht

Wien 1938: Juden müssen die Trottoirs putzen. Foto: dpa

»Die vorbeikommenden Autos fuhren durch die Pfützen, aus denen das Wasser hoch spritzte. (...) Hin und wieder eilten Kinder, die sich verspätet hatten, zur Schule. Als Emil die Kinder sah, musste er tief seufzen. Karl verstand ihn sofort. Diese Kinder waren fröhlich, sie planschten mit ihren Gummigaloschen in den Pfützen.«

Emil und Karl sind nicht fröhlich. Die beiden Neunjährigen streunen durch Wien, verstecken sich, treffen auf den verrückten Hans, der immer wieder lacht wie irre. Aber Emil ist nicht der Anführer einer Bande von Detektiven, und es ist auch nicht witzig, wie bei Kästner. Nein, es ist lebensgefährlich: Emil ist Jude, sein Vater ist ermordet worden. Karls Vater ist schon einige Jahre tot, nun wurde seine Mutter abgeholt, von finsteren Gestalten in langen Mänteln: »Sie rissen die Mutter von ihm weg. Man konnte ihre Schreie draußen hören, aber niemand kam zu Hilfe.«

SA-Leute Die Geschichte der beiden Jungen spielt in einem unmenschlich gewordenen Wien: 1938. Nachdem die Männer Karls Mutter abholen und er in der stillen Wohnung allein ist, geht er zu Emil, seinem besten Freund, und erfährt, dass dessen Vater erschlagen wurde und verbrannt. Als die Jungen zu Karls Nachbarin gehen, ist auch die weg, ihre Wohnung ausgeräumt. Sie übernachten im Keller, wo sie der Hausmeister, überrascht und ihnen Essen bringt. Am nächsten Tag wollen Emil und Karl in die Sonne, werden von SA-Männern festgehalten und gezwungen, mit anderen Wiener Juden zusammen die Straßenpflaster zu schrubben, mit den bloßen Händen.

Yankev Glatshteyns bitteres, düsteres Jugendbuch Emil und Karl erschien erstmals 1940 in New York auf Jiddisch. Glatshteyn (1896–1971) war einer der rührigsten jiddischen Autoren seiner Zeit. Er schrieb mehrere Romane, unzählige Gedichte, aber auch, für das »Morgn zhurnal«, Kolumnen gegen Hitler, Stalin und die westliche Apathie. Glatshteyn lebte seit 1914 in New York und studierte genau die Berichte über die Verfolgung der Juden in Deutschland. 1934 war er in das heimatliche Lublin gereist, seither wusste er auch aus erster Hand, was in Europa passierte.

In dem jetzt zum ersten Mal übersetzten Roman lernen Emil und Karl auf der Flucht die unterschiedlichsten Menschen kennen: Mitläufer, die sich an den Juden bereichern, wie Emils Nachbarin, die sofort die Kleider aus dem mütterlichen Schrank stiehlt, oder den ständig betrunkenen Bahnwärter Friedrich, der sich vom jüdischen Schneider einen Anzug mitnimmt – von dem er allerdings sagt, er hänge jetzt bei ihm »wie ein Gehenkter«.

Sie treffen auch auf anständige Menschen, ängstliche, die sich dann doch nicht zu helfen trauen, aber auch mutige, die sich nachts heimlich treffen, um Widerstand zu leisten. Wie den irren Hans, ein ehemaliger Varietékünstler, der sich aber nur verrückt stellt. Bis er erkannt und verraten wird, von einem, der gefoltert worden war. Oder Mathilde, die die Jüdin Bertha einfach anspricht und ihr hilft. Und als Bertha fragt: »Woher weißt du, dass du mir trauen kannst?«, antwortet sie: »Das ist ganz einfach, du hast geschwiegen, als ich dich angesprochen habe. Schweigen sagt eine Menge.«

kindertransport
Das Buch endet damit, dass Emil und Karl zum Bahnhof gebracht werden, zum ersten Kindertransport ins Ausland. Aber nicht einmal das ist ein Happy End: Denn Emil und Karl werden getrennt. Emil fährt mit dem ersten Zug weg. Ob Karl sich auch retten kann und das Mädchen, das neben ihm steht, erfährt der Leser nicht.

Emil und Karl
ist ein gutes Buch, weil es wenig erklärt, einfach nur erzählt. Die Fassungslosigkeit der Jungs, deren Welt zusammenbricht, ihre wachsende Freundschaft, die Wiener, die johlend das Quälen der Juden begleiten, die Kinder, die andere Kinder verprügeln, weil sie Juden sind, die Angst der Menschen – das alles wird so einfach und folgerichtig aus Karls Sicht berichtet, dass die Bilder unmittelbar im Leser entstehen, ohne Pädagogik, ohne Zeigefinger, ohne Nutzanwendung. »Warum machen sie es?«, fragt Karl einmal. Aber darauf gibt es keine Antwort.

Yankev Glatshteyn: »Emil und Karl«. Roman. Deutsch von Niki Graca und Esther Alexander-Ihme. Die Andere Bibliothek, Berlin 2014, 152 Seiten, 18 €

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