André Heller

Wiener Geschichten

Zum 70. Geburtstag des österreichischen Chansonniers, Schriftstellers und Aktionskünstlers

von Helmut Kuhn  22.03.2017 10:40 Uhr

Chansonnier und Multimediakünstler André Heller Foto: dpa

Zum 70. Geburtstag des österreichischen Chansonniers, Schriftstellers und Aktionskünstlers

von Helmut Kuhn  22.03.2017 10:40 Uhr

Es gibt nur wenige Menschen auf dieser Welt, die wirklich authentisch sind. Der Vater aber, darauf hebt er immer wieder ab, ist die personifizierte Glaubwürdigkeit gewesen. »Wenn der Vater da war, hat er Schrecken verbreitet.« Bei den Philharmonikern etwa. »Als der Furtwängler reinkam, ist mein Vater aufgestanden, ans Dirigentenpult gegangen, hat ihm auf die Schulter geklopft und laut gesagt: ›Wir haben den Krieg nicht gewonnen, damit ein Nazi vor mir steht!‹«

Wenn André Heller seine eigenen Familiengeschichten erzählt, läuft er zu Bestform auf. Auf der Bühne des ausverkauften Berliner Ensembles hat der Wiener Chansonnier, Zirkusmagier, Schauspieler, Multimediakünstler und die lebende Legende André Heller vergangenes Jahr ein Novum präsentiert: André Heller, Enfant terrible der 60er‐ und 70er‐Jahre, schreibt im Alter von fast 70 Jahren mit Das Buch vom Süden seinen ersten Roman und geht damit ganz unaufgeregt – ohne Show und Spektakel wie sonst üblich bei ihm – auf Lesereise.

alt‐nazis Aber zunächst ist da immer wieder der Vater, der mit den Franzosen Deutschland eroberte. Später, im Konzert von Wilhelm Furtwängler, zückte der Vater einen Flachmann und gurgelte den Whisky. »Aus Desinfektionsgründen gegen die Nazis im Raum«, wie André Heller bei der Lesung im Berliner Ensemble nicht ohne Stolz berichtete. Man möchte ihm zujubeln, diesem Vater, der ihm damals komisch erschien. »Das ist aus heutiger Sicht charmant, hat uns aber bei den Nachbarn nicht gerade beliebt gemacht.«

Noch so eine Heller’sche Vater‐Geschichte: Ein Mann in der Wiener Nachbarschaft schlief, längst in der Nachkriegszeit, auf einem Kissen mit einem Hakenkreuz darauf. Der Vater zwang ihn mit vorgehaltener Waffe, die Nähte aufzutrennen und aufzuessen. Dann musste der Nachbar selbst auf sein Kissen sticken: »Ich bin ein Arschloch!« Und Hellers Vater sei, so Heller bei der Lesung, »regelmäßig bei der Frau des Mannes aufgekreuzt, um zu kontrollieren, ob er auch wirklich darauf schlafe«.

Ein Buch über den Süden also. Das war, so scheint es, die einzige Rettung. Mehr als eine Ortsangabe. Der Titel des Romans ist ein Lebenszustand, ein Sehnsuchtsgefüge. Er habe sehr lange an dem Text gearbeitet, sagt Heller. Als Jugendlicher habe er mit dem Schreiben begonnen, aber nie etwas veröffentlicht. Die elterliche Bibliothek habe ihn zu sehr eingeschüchtert. »Der Joyce war ja kein Depp.« Bis jetzt. »Ein Aderlass« sei das gewesen.

skandale Ein guter Beobachter und genauer Zeuge sei er, sagt Heller von sich selbst. Er begann, Figuren aufzuschreiben und Begebenheiten. Etwas sehr Langes sei es geworden, wie eine Ziehharmonika, und dann habe er 200 Seiten herausgenommen und alles noch einmal von 500 auf rund 350 Seiten gekürzt. Schade eigentlich.

Denn an dem Abend im Berliner Ensemble kommt der Magier wieder zum Vorschein. Der Magier, der schon immer vor allem im Wort gewesen ist. Er erzählt von der Zeit, »als ich mit 20 Popstar war und Denk‐Akne hatte«. Heller hatte eine tägliche Radiosendung, »und damals waren noch so viele Skandale unentjungfert«. So viele Dinge habe er damals schon aus der Nähe und quasi mit der Lupe beobachten können, mehr als manch anderer in seinem ganzen Leben – und glaubt es ihm sofort.

»Der Süden ist ein Wunsch vom Glück, wo die Figur beflügelter ist, wo er im Einklang ist, und wenn der Einklang ganz gut ist, gibt’s eine Liebesgeschichte«, sagt Heller und beginnt, Heller zu lesen: »Nur im Süden ist Rettung, alles ist leichter im Süden. Eines Tages werden die Physiker sagen, dass sie sich geirrt haben: Zehn Kilo in Salzburg sind nicht gleich zehn Kilo in Assisi.« Und der Julian Passauer, der Held seines Romans, bedauert auch gleich zu Beginn, »dass mit dem Ersten Weltkrieg die Zypressen aus Österreich verschwunden waren, dieser südliche Baum, und er Österreich also nicht mehr als seine Heimat wahrnahm«.

Auschwitz Das beginnt so charmant und leise wehklagend wie die ganze heiter‐leichte Elegie, die der Dr. Passauer versprüht, die schwermütigen, krachkomischen wie zutiefst bitteren Geschichten, die nun folgen. Die bitterste vielleicht liest Heller vor, die Geschichte eine jungen Oboisten aus Ungarn, der bei einem festlichen Abendessen unvermittelt die Geschichte der Deportation von 3000 Juden nach Auschwitz erzählt, »als uns auf Erden nichts mehr erwartete als der Tod. Verstehen kann es unter den Irdischen keiner, es sei denn, er wäre verrückt.«

Den beiden jüngsten Kindern aber – dem Ungarn und seinem kleinen Bruder – ermöglichte die Familie die Flucht. Wochenlang irren die Kinder voller Furcht vor allen Menschen umher, verwahrlosen, erkranken, verhungern fast. Bis sie eines Nachts vor einem Berg Pfirsichkerne auf dem Hof einer Saftfabrik stehen und der ältere Bruder beschließt, dem kleinen Bruder jegliche weitere Pein zu ersparen und ihn die Kerne ausschlürfen lässt, bis das Gift darin zu wirken beginnt: »die unaussprechlichste Qual aller unaussprechlichen Qualen, sein Sterben zu betreiben …«, wie es im Buch heißt. Sechs Stunden später war der kleine Bruder tot.

Dann schwieg der Ungar. »So, jetzt wisst ihr es alle«, sagte er der Gesellschaft. Wie er aber selbst gerettet worden sei? Rettung? »Rettung davon gibt es nicht.«

figuren Geschichten wie diese nehmen einem den Atem. Und davon hat Heller viele. »In den Jahren zu Hause kamen immer solche Figuren, die solche Geschichten erzählten«, erinnert sich Heller. Es ist jetzt so leise im Berliner Ensemble, dass man glaubt, den Autor fast schluchzen zu hören. »Ich habe so viel an Wundersamem, an Grauenhaftem, Bitterem gehört. Das hat mich geprägt. Ich habe viel gelagert da oben«, erklärt Heller und zeigt auf seinen Kopf, »dass ich’s weitergeben wollte in einem Buch.«

Heller erinnert sich an »diese Variationen des Weinens, diese Variationen der Schreie«, als sein Vater mit ihm zum Bahnhof geht, wo die Lokomotiven Kriegsheimkehrer ausspeien. Darunter auch viele Versehrte wie einer, den er später in einer dörflichen Festtagsjury wahrnimmt, welche die schönsten Krampfadern prämiert. »Da fragt ihn jemand: Warum sitzt du da in dieser Jury? – Ja, weil ich mir da Menschen mit Beinen anschauen kann.« Man möchte ihm zurufen: Bitte bewahren Sie auch diese Geschichte bald in einem Buch!

sammelsurium Ein Heller’sches Sammelsurium des 20. Jahrhunderts ist sein Buch geworden, eingebettet in einen Entwicklungsroman und eine altvordere, genaue, unterhaltsame Sprache, die direkt aus der österreich‐ungarischen Doppelmonarchie entsprungen scheint. Eine fast monarchistische Sprache. Er hat den Roman seiner Mutter gewidmet, betont Heller. Nach dem Lesen meinte die 101‐Jährige trocken: »Ich hätte das mit Füllfederhalter geschrieben. Die Buchstaben lieben Füllfeder.«

Man liebt diesen André Heller, dieses Buch, seinen »merkwürdigen« Vater, die Mutter. Man liebt alles an diesem merkwürdigen Abend, auch das Grausame, und das ist das Merkwürdigste von allem. Wenn Heller erzählt, verblasst alles. »Sonderlinge wie ich«, sagt er einmal. »Sonderling«, das ist ein schönes, treffendes Heller’sches Wort.

An diesem Mittwoch wird der Wiener Chansonnier, Schriftsteller, Aktionskünstler und Sonderling André Heller 70 Jahre alt.

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