Interview

»Wie der Graf von Monte Christo«

Anne Sinclair Foto: Roberto Frankenberg

Interview

»Wie der Graf von Monte Christo«

Anne Sinclair über ihren berühmten Großvater Paul Rosenberg, große Kunst und Familiengeheimnisse

von Olivier Guez  11.02.2013 21:14 Uhr

Frau Sinclair, Sie sind die Enkelin des Pariser Galeristen Paul Rosenberg. Warum befassen Sie sich nun in einem Buch mit Ihrem Großvater?
Das muss am fortschreitenden Alter liegen, am Tod meiner Mutter vor einigen Jahren und an dem Bedürfnis, die Stücke meiner Identität wieder zusammenzufügen. Ich habe den Wunsch verspürt, meinen berühmten Großvater besser kennenzulernen, denn lange habe ich mich von der Geschichte dieses Zweigs meiner Familie ferngehalten. Ich wollte in meinem eigenen Berufsleben erfolgreich sein. Diese Konfrontation mit meiner französischen Identität hat in mir den Wunsch geweckt, mich näher mit meiner Familiengeschichte zu befassen.

Welches Bild hatten Sie von Ihrem Großvater, bevor Sie mit Ihren Recherchen begannen?
Das eines sehr mageren Herrn mit einer Zigarette in der Hand und einem Sprachfehler, der auf einen Schlaganfall zurückging. Er behandelte mich wie eine Große, obwohl ich ein Kind war. Wenn er in Paris war, nahm er mich zum Beispiel immer mit zu seinen Galeristenkollegen. Ich habe schöne Erinnerungen an Winter, die ich bei meinen Großeltern in New York verbrachte: an den Weihnachtsschmuck, den es damals, in den 50er-Jahren, in Frankreich nicht gab, an den Schnee im Central Park, die Western im Fernsehen ...

Und was denken Sie heute über Paul Rosenberg?
Er hatte das Gefühl, neben den Künstlern, die er umwarb, nichts Besonderes zu sein. Er empfand die typische Frustration der Vermittler gegenüber den Schöpfern. Außerdem war er risikofreudig. Statt sich damit zu begnügen, bequem Werke von Delacroix und Fragonard zu verkaufen, setzte er schon sehr früh, nämlich im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, auf die Impressionisten und dann auf die Modernen, obwohl er vor der Mitte der 1920er Jahre keinen einzigen Picasso verkaufte.

Rosenberg hatte Exklusivverträge mit Picasso, Braque und Matisse abgeschlossen. Was war sein Erfolgsgeheimnis?
Mein Großvater besaß ein außergewöhnliches Auge. Schon 1900, da war er noch ganz jung, schickte sein Vater – ebenfalls Galerist – ihn zur Ausbildung nach London. Und er hörte nie auf, Museen zu durchstreifen, blieb immer offen für Neues. Er war ein Visionär. In seiner Galerie trafen sichere Werte wie Renoir mit den neuen zusammen, um die er sich kümmerte. Dass er auch mit Renoirs handelte, bot den Käufern Sicherheit. Es zeigte ihnen, dass es keinen Bruch und man den modernen Malern vertrauen durfte.

Der Krieg bedeutete einen großen Bruch in der Lebensgeschichte Ihres Großvaters. Als Jude musste er nach der deutschen Besatzung Frankreichs 1940 fliehen.
Ja, das war äußerst schlimm für ihn. Aber er war nicht wütend. Sonst hätte er gegen die Kunsthändler prozessiert, die sich im Krieg sein Vermögen angeeignet hatten. Wie der Graf von Monte Christo wollte er selbst für Gerechtigkeit sorgen. Er machte sich eigenhändig auf die Suche nach seinen Bildern.

War er wütend auf Frankreich, das ihm während des Kriegs seine Staatsangehörigkeit aberkannt hatte?
Es verletzte ihn zeitlebens, dass sein Heimatland ihn ins Exil vertrieb. Andererseits empfand mein Großvater eine gewisse Verlegenheit, als ihm der Schrecken der Schoa in Gänze bewusst wurde. Schließlich hatte er weniger gelitten als so viele andere. Er selbst, seine Frau und sein Sohn blieben unversehrt. Mein Großvater war den Amerikanern dankbar, dass sie ihn aufgenommen und ihm erlaubt hatten, ein neues Leben zu beginnen.

Wie viele Gemälde wurden ihm während des Kriegs geraubt, und wie viele wurden niemals wiedergefunden?
Insgesamt wurden ihm 400 Gemälde gestohlen, davon sind bis heute noch 60 verschollen, irgendwo in Paris, in Deutschland oder Russland, das weiß niemand.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie noch vier Gemälde aus seiner Sammlung besitzen. Welche sind das?
Das sage ich nicht. Man sollte nicht alle seine Familiengeheimnisse preisgeben.

Mit der französischen Publizistin und Journalistin sprach Olivier Guez.

Anne Sinclair: »Lieber Picasso, wo bleiben meine Harlekine?«. Verlag Antje Kunstmann, München 2013, 208 S., 19,95 Euro

Anne Sinclair ist die Enkelin des Kunsthändlers und Galeristen Paul Rosenberg. 15 Jahre lang moderierte sie die populäre und mehrfach preisgekrönte Fernseh-Interviewsendung »Sept sur Sept«. Sie ist Autorin mehrerer Bücher und leitet die französische Ausgabe der Huffington Post.

Fernsehen

Adolf und seine »Akte«

Die fünfte Staffel von »Babylon Berlin« spielt 1933 zur Zeit von Hitlers Machtergreifung. Unterhaltung mit politischem Anspruch, aber stimmen die Fakten?

von Ayala Goldmann  24.09.2026

TV-Tipp

Jonah Hill in tollem Sportdrama: »Die Kunst zu gewinnen - Moneyball«

Film über ein Baseball-Team aus anderswo aussortierten Spielern

von Jan Lehr  24.09.2026

Engagement

Erstklassig, Digga!

Der Fußballverein Hannover 96 ist nun beim Projekt »Shalom, Digga« in Niedersachsen mit dabei

 24.09.2026

Buchpremiere

Hinter jedem Namen steht ein Schicksal: Ein Klassenfoto aus dem Jahr 1937 als Zeugnis jüdischen Lebens

Was wurde aus den Kindern auf einem Münchner Klassenfoto von 1937? Zwei Historikerinnen haben die Lebenswege der Schülerinnen und Schüler rekonstruiert. Ihr Buch erzählt von Verfolgung, Flucht, Überleben und Erinnerung

von Christiane Laudage  24.09.2026

Lesen!

»Leonard Cohen. 100 Seiten«

Dem Literaturwissenschaftler Oliver Kobold gelingt ein besonderes Porträt des Sängers

von Leon Stork  24.09.2026

»Imanuels Interpreten« (25)

Pancho Vladigerov: Meister der Klänge

Er studierte in Berlin, kooperierte mit Max Reinhardt und komponierte umwerfende Symphonien. Dennoch ist er fast nur in seinem Heimatland bekannt

von Imanuel Marcus  24.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  23.09.2026

Berlin-Wahl

»Die Linke ist keine antisemitische Partei, aber sie hat ein Problem mit Antisemitismus«

Der Comedian äußerte sich im Interview mit dem Tagesspiegel zur Berliner Wahl und zu einer progressiven linken Haltung zu Israel

 23.09.2026

Theater

Abgrund statt Parabel

In seiner Inszenierung von »Mephisto« spürt Frank Castorf den verborgenen Anziehungskräften des Faschismus nach und verzichtet dabei auf einfache Aktualisierungen

von Leon Stork  23.09.2026