Einspruch

Wichtiges Thema auf dünnem Eis

Adriana Altaras Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress

Einspruch

Wichtiges Thema auf dünnem Eis

Adriana Altaras meint, dass bei Berichten über sexuelle Übergriffe weder Herkunft noch Religion eine Rolle spielen

von Adriana Altaras  15.04.2021 09:13 Uhr

Die Schauspielerin Senta Berger ist eine sehr schöne Frau. Man kann sich gut vorstellen, dass sie, vor allem in ihrer Jugend, wiederholt Opfer übergriffiger Männer wurde. Davon erzählt sie in einem jüngst erschienenen »Zeit«-Interview. Sie hat während ihrer Laufbahn wiederholt sexuellen Missbrauch am Set und am Theater erlebt, sie nennt Namen und weiß sich inzwischen zu wehren.

Mir gefällt das. Jüngere Kolleginnen können von ihr lernen, wir alle sind aufgefordert aufzupassen, uns zu emanzipieren.

interview In dem Interview wird der amerikanische Produzent Darryl Zanuck erwähnt, wie auch der österreichische Schauspieler O.W. Fischer. Und Frau Berger erwähnt einen weiteren Vorfall mit dem »aus einer russisch-jüdischen Emigrantenfamilie stammenden« US-Schauspieler Kirk Douglas. Dieser habe sich, als sie sich weggedreht habe, mit den Worten gerechtfertigt: »Your people killed my people!« Wow, denke ich mir. Was für eine Geschichte.

Ich möchte nicht darüber nachdenken müssen, ob ein Mann, der sich strafbar macht, Jude ist oder nicht.

Diese Männer sind eklig und übergriffig. Kirk Douglas’ Rechtfertigung ist unsäglich. Aber Senta begibt sich auf dünnes Eis. Der jüdische Schauspieler?

Sofort triggert in meinem Kopf: Sind die Juden besonders übergriffig? Muss ich mich noch extra schämen? Harvey Weinstein, der jüdische Produzent. Dominique Strauss-Kahn, der jüdische Politiker. Jeffrey Epstein, der jüdische Geschäftsmann. Mir dreht sich der Magen um.

machtmissbrauch Ja, wir haben eine lange Liste an nicht sehr ehrenvollen Männern, die Machtmissbrauch ausgeübt haben. Ich bin froh, dass sie ihre Strafe bekommen haben. Aber ich möchte nicht darüber nachdenken müssen, ob ein Mann, der sich strafbar macht, Jude ist oder nicht.

Liebe Senta Berger, danke, dass Sie ein so mutiges Interview gegeben haben. Es wäre schade, wenn es vom Thema ablenkt. Ob einer Jude ist oder nicht, spielt keine Rolle. Es gibt weder Begründung noch Rechtfertigung für sexuellen Missbrauch.

Die Autorin ist Schauspielerin, Regisseurin und Schriftstellerin. Sie lebt in Berlin.

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