Literatur

Wer war Hans Habe?

Unser Autor porträtiert den Romancier, Journalisten und Antirassisten in einem neuen Buch

von Marko Martin  15.11.2022 11:25 Uhr

Hans Habe wurde 1911 als Janos Békessy in Budapest geboren und starb 1977 in Locarno. Foto: Picture-Alliance/KEYSTONE

Unser Autor porträtiert den Romancier, Journalisten und Antirassisten in einem neuen Buch

von Marko Martin  15.11.2022 11:25 Uhr

Er nannte sich Hans Habe, wurde jedoch 1911 in Budapest als Janos Békessy geboren. Seine Eltern waren zum Katholizismus übergetretene Juden, die nach Ende des Ersten Weltkrieges mit ihm nach Wien flüchteten. Dort baute sich der Vater eine Existenz als Journalist und Zeitungsgründer auf. Modern gemachte, bildstarke, doch zutiefst obskure Blätter, deren Fahnen – so erinnert sich Stefan Heym in seinen Memoiren – »an begüterte Leute geschickt wurden mit freundlichen Grüßen des Herausgebers und der Anfrage: Wie viel zahlst du, wenn ich das nicht drucke?«.

Der Möchtegern-Pressemogul Imre Békessy war der Prototyp eines Revolver-Journalisten. Und hatte sich besonders in Karl Kraus einen unversöhnlichen Gegner gemacht, der in seiner Fackel unermüdlich anschrieb gegen die Korruptionsstruktur jener Blätter. Irgendwann hatte Kraus sogar Erfolg, und sein legendärer Ausruf »Jagt den Schuft aus Wien!« besiegelte nach unzähligen Affären, Prozessen und polizeilichen Untersuchungen das Ende von Békessys Medienmacht.

1952, einen Weltkrieg und zahlreiche gesellschaftliche Zusammenbrüche später, schoss sich die westdeutsche Illustrierte »Stern« dann auf Békessys Sohn Hans Habe ein und titelte: »Jagt den Schuft aus Deutschland!« Nun war deren Chef Henri Nannen freilich kein Karl Kraus, sondern hatte, so legen es neueste Erkenntnisse nahe, offenbar im Zweiten Weltkrieg im Auftrag der SS an antisemitischer Propaganda mitgewirkt. Während Habe – 1940 zuerst als Kriegsfreiwilliger in der französischen Armee und danach als Lieutenant der US Army – mehrfach sein Leben riskiert hatte im Kampf gegen die Nazis. Damals war der Remigrant Chefredakteur der neu gegründeten »Münchner Illus­trierten« und auch als Romancier erfolgreich. Wurzelte die »Stern«-Attacke womöglich in den Denunziationen alter Nazis, die nicht müde wurden, Hans Habe als »Morgenthau-Boy« zu beschimpfen, obwohl dieser doch schon kurz nach Kriegsende öffentlich gegen eine Kollektivschuld-These argumentierte und dabei sogar einen Konflikt mit der amerikanischen Militäradministration in Kauf genommen hatte? Oder war es womöglich Neid, da Habe bereits in jungen Wiener Jahren ein prominenter Journalist gewesen war – freilich nicht im trüben Universum seines Vaters, dessen Namen er nicht tragen mochte und der sich nach Kraus’ Zorn-Ausruf flugs davongemacht hatte nach Paris.

FLUCHT 1940 war ihm im besetzten Frankreich die Flucht aus einem NS-Kriegsgefangenenlager gelungen; sein kurz darauf geschriebener Erfahrungsbericht Ob tausend fallen wurde dann in den USA ein großer Erfolg und 1943 in Hollywood unter dem Titel The Cross of Lorraine verfilmt, mit Gene Kelly und Peter Lorre – gleichfalls Emigrant mit slowakisch-ungarischen Wurzeln, ursprünglich László Loe­wenstein – in den Hauptrollen. Während zu dieser Zeit Habe bereits wieder an der Front kämpfte, zuerst in Nordafrika und dann in Italien, wo er an der riskanten »Operation Avalanche« teilnahm, der Landung der 5. US Army im Golf von Salerno.

»Umtriebig« lautet seit jeher die schmallippige deutsche Vokabel für solches Engagement, und als ungeheuer »umtriebig« empfanden wohl so manche dann auch das Folgende: Noch ehe Nazi-Deutschland kapituliert hatte, war vonseiten der Amerikaner an den im Camp Sharpe in »psychological warfare« ausgebildeten Lieutenant der Auftrag ergangen, die Neugründung einer entnazifizierten und freien deutschen Presse zu planen – nachdem seine zuerst in Luxemburg stationierte Einheit bereits zahllose Flugblätter zur Information kriegsmüder Wehrmachtssoldaten entworfen und hinter die feindlichen Linien gebracht hatte. Unter Habes Ägide war nach Kriegsende die bald schon renommierte »Neue Zeitung« in München gegründet worden – mit Erich Kästner als Feuilletonchef und Robert Lembke, von den Nazis zuvor als »Halbjude« verfolgt, als Leiter des Ressorts Innenpolitik.

In den darauffolgenden Jahren entstanden, wiederum in kurzen Abständen, weitere packende Zeitromane, die nun von den deutschen Nachkriegsjahren erzählten und mitunter zuerst in den USA erschienen, jedoch bereits vor hiesigem Erscheinen in bundesdeutschen Blättern vorabgedruckt wurden. All das mag jenen ein Dorn im Auge gewesen sein, für die Remigranten ohnehin Ruhestörer waren und die von den Amerikanern initiierte »re-education« ein Gräuel. Folglich musste etwas in Habes schillerndem Privatleben gefunden werden, um den Attacken den Anschein des Apolitischen zu geben. Was der Autor seinen Feinden übrigens auch leicht machte.

Der »Stern« wollte 1952 den »Schuft« aus Deutschland hinausjagen.

Inzwischen zum fünften (doch nicht letzten Mal) verheiratet, hatte 1948 in Mexiko die Trauung stattgefunden, noch bevor die Scheidung vom Vortag rechtsgültig geworden war. Worauf die Ex-Ehefrau Numero vier Habe der »Bigamie« bezichtigte und 1952 dem »Stern« belastendes Material übergab und so Henri Nannen die Munition für seine Attacke. Es kam zu einem Prozess, in dessen Verlauf ein Freundeskreis um Fritz Kortner zwar Geld für Habe sammelte, der jedoch desillusioniert in die USA zurückkehrte und dort bald in große finanzielle Schwierigkeiten geriet.

AUTOBIOGRAFIE Als er im Jahr darauf zurückkehrt, hat er im Gepäck bereits einen Gutteil eines autobiografischen Manuskripts, das dann als Buch über 500 Seiten Umfang haben und unter dem Titel Ich stelle mich erneut ein Publikumserfolg wird. Doch konnte das gut gehen – bereits mit 43 Jahren die eigene Lebensgeschichte auszubreiten? Weshalb nicht, wenn man so viel zu erzählen hatte wie Habe und sich gleichzeitig nicht scheute, die eigenen Komplexe aufzuarbeiten: Der übermächtige dubiose Vater, das Geltungsbedürfnis des Sohnes, Genialisches im Bund mit Talmi und Hybris, die permanente Einsamkeitserfahrung des antitotalitären Intellektuellen, später dann das riesengroße fremde Amerika – und dazu all die Liebschaften und Ehefrauen, die dem Autor nach eigenem Bekunden Glück schenkten und Unglück bescherten. Indessen: »Aber schuld war ich selber, der ich Spiegelbilder aufrichtete vor meiner Eitelkeit.«

Wer also war dieser Hans Habe, dessen Erzähl-Elan selbst Hemingway und Thomas Mann gelobt hatten, der Erika Mann als »der liebe Hansi« galt, dessen Israel-Bericht Wie einst David höchstes Lob von Max Horkheimer erfuhr, während wiederum Robert Neumann, der spätere Nachbar im idyllischen Locarno, schüttelreimte »Das Wasser stinkt, die Luft ist rein/Hans Habe muß ertrunken sein«? Was war das für einer, erklärter Verächter von Joseph McCarthy, dem Ku-Klux-Clan und der Gruppe 47, Roosevelt- und Kennedy-Sympathisant und Gegner der APO?

»SPRINGER-MANN« »Wir haben ihn gehasst«, sagt heute Hans Christoph Buch, geboren 1944 und damit einer jener Schriftsteller, die in den Jahren um 1968 begonnen hatten, die literarische Bühne zu betreten. »Aber nicht aus Konkurrenzneid, denn weder in der APO- noch in der Suhrkamp-Welt tauchte Habe auf, der in ›Bild‹ und ›BamS‹ Kolumnen schrieb, mit dem Wort ›neue Nazis‹ allzu sorglos um sich schmiss und dann irgendwann sogar eine ›Ode auf Axel Springer‹ schrieb, die viele in unserer Generation, falls wir solches überhaupt wahrnahmen, mit hämischem Gelächter quittierten. Ob Vietnam-Krieg, den Habe zu rechtfertigen schien, oder die Nobelpreise für Heinrich Böll und Willy Brandt, die die undogmatischen Linken unter uns ja begrüßten, der vermeintliche ›Springer-Mann‹ aber wütend angriff: Nichts wollten wir mit einem solchen Typ zu tun haben. Die Konservativen, so unser damaliger Blick, halten sich also einen rabulistischen Unterhaltungsromancier, eine anachronistische Krawallschachtel.« Und setzt dann hinzu: »Und nichts wussten wir vom Hans Habe des Exils, von der Flucht und den Armee-Jahren, nichts von den frühen Romanen, von der ›Stern‹-Attacke nach dem Krieg, und natürlich auch nichts von den Büchern, in denen er schon ganz früh den Rassismus auch innerhalb der westlichen Demokratien beschrieben und verurteilt hatte. Tja …« (…)

Hans Habes Roman Tödlicher Friede erzählt von jenen 16 Tagen zwischen Mitte September und Mitte Oktober 1938, in denen sich das Schicksal der Tschechoslowakei entschied – was hier in der Wiedergabe freilich eine sprachliche Ungenauigkeit ist, denn es waren ja die Westmächte, die in dieser Zeit entschieden, Hitler »Schicksal« spielen zu lassen, seine Erpressungen hinzunehmen, aufgeschobene Drohungen als Konzilianz zu missdeuten und tatsächlich zu glauben, das Opfern der CSR bringe »Peace For Our Time«. Mit der Detailkenntnis des Völkerbund-Korres­pondenten und den Instrumenten eines bereits in jungen Jahren überraschend versierten Erzählers wird in dramatischen Szenen beschrieben, in welchen Etappen sich der Verrat vollzog – und das ausgerechnet an jenem Land, das als die einzig funktionierende Demokratie Mittelosteuropas gelten konnte.

Er verachtete Joseph McCarthy, den Ku-Klux-Klan und die Gruppe 47.

Es beginnt damit, dass das britische Außenministerium bekannt gibt, man habe an die Mitarbeiter in der Prager Botschaft Gasmasken verteilt. Auf Hitlers Ultimaten an Prag folgt eine hektische britische und französische Reisediplomatie, deren Hin und Her etwa über den Rhein durchaus skurrile Züge annimmt. Je mehr Leerlauf indessen, desto gelassener die Atmosphäre in Genf: Unsere Profis werden’s schon richten. (Und ungehört die leise Stimme eines jüdischen Exilanten, der als unbekannter zwangsemeritierter Professor dem Dritten Reich rechtzeitig entflohen ist und nun in seinem kargen Genfer Hotelzimmer zu sich selbst spricht: »Einer gewöhnt sich daran, Postbote zu sein, der andere Ultimaten zu senden. Statt rechtzeitig die Uniform des Soldaten anzulegen, gefällt sich der Westen.« Ohne es mit dem Parallelisieren allzu sehr zu strapazieren: unmöglich, bei solchen Sätzen nicht an die ununterbrochene europäische Reisediplomatie zwischen dem ersten Angriff auf die Ukraine 2014 und dem zweiten vom Februar 2022 zu denken.)

Außerdem, und auch das wird bei den Genfer Diner-Veranstaltungen, in Klubs und Cafés keineswegs nur hinter vorgehaltener Hand geraunt: Hat jener Hitler nicht irgendwie auch ein wenig recht, waren die Folgen des Versailler Vertrages nicht allzu bitter, ist die »Heimholung« der Sudetendeutschen nicht eher ein Akt der Konsolidierung als der Aggression, und täte man der – unter uns: ziemlich kleinen, unbedeutenden und bis 1918 ja nicht einmal existierenden – Tschechoslowakei nicht eher einen Gefallen, das Dritte Reich solcherart für »klare Grenzen« sorgen zu lassen, umso mehr Berlin nach einem solchen »Kompromiss« ja auch in zukünftiger Bringschuld gegenüber dem Westen sei, wolle es nicht sein Gesicht verlieren? (Man liest und reibt sich die Augen. Miloševics massenmörderisches »Einsammeln« der vermeintlich serbischen, Putins ebenso verbrecherisches »Einsammeln« der russischen Erde auf der Krim und im Donbass – einschließlich der westlichen »Experten«-Interpretation, same story, same shit.)

VÖLKERBUND Vergessen und Verdrängen, so beschreibt es Hans Habe, ist wie Steinewerfen ins Wasser: Es breitet sich aus, muss sich ausbreiten. Doch wer sieht hin, wer sah hin – und wo sonst in der Literatur aus und über jene Zeit ist eine Völkerbund-Szene wie diese erinnert? »Der spanische Außenminister, dessen Land seit mehr als zwei Jahren in Blut und Feuer untergeht, spricht von Menschlichkeit, von Witwen und Waisen, vom Bombardement offener Städte und den unschuldigen Opfern eines schrecklichen Krieges. Niemand beachtet ihn. Nicht nur die Angreifer, so ruft der Mann in den Saal – er blättert um –, tragen die Verantwortung, sondern auch ihre Komplizen, die Komplizen durch Duldung. Aber aus dem Saal kommt kein Echo, es ist voller Duldung und Komplizen. Die Gleichgültigkeit scheint den Redner zu erwürgen. Noch einmal versucht er, die Zuhörer aufzurütteln. Dreißig Tote und hundertvierzehn Verletzte, gestern, in Barcelona – sie sind tot, morgen werden Tausende sterben! In den Rängen der tschechoslowakischen Delegation sitzt jetzt ein hagerer grauhaariger Mann, allein in einer langen Bank. Er hat den Kopf in die Hand gestützt, und der oben, auf der Tribüne, wendet sich ihm zu: Das Opfer von gestern grüßt das Opfer von morgen. Der Saal, dessen Akustik weltberühmt ist, hat keine Akustik.«

Habe attackiert punktgenau – und keineswegs anachronistisch. (…) Selbst die Albträume, die ihn mitunter peinigen, sind konkret; so konkret, dass sie inzwischen Wirklichkeit beschreiben. So heißt es in seinem Buch Erfahrungen: »Ich sehe eine chinesische Schulklasse, alle heben die Fäuste, alle gleichzeitig, skandierend sagen sie auf, was man ihnen einbläut; Tausende Araber hüpfen wie hochgezogen an Tausenden von Schnüren von Marionettenspielern, fort sind die Kolonialherren und die neuen Kolonialherren tragen Generalsuniform; im Stechschritt marschieren die Kolonnen über den Roten Platz vor dem grauen Kreml …«

Die letzten Worte eines »Kalten Kriegers«? In Sachen Menschenrechte und Verteidigung. Habe macht keine Konzessionen, wohl aber Angebote. »Die Traurigkeit könnte uns einen«, schreibt er. Was, wenn seine Gegner auf der Linken – mit der Rechten hat er ohnehin nichts zu bereden – ihren gerechtfertigten Protest gegen den Vietnam-Krieg, das Schah-Regime, die griechischen Obristen und die lateinamerikanischen Juntas nicht etwa aufgeben oder mildern, sondern … ergänzen würden, um einen klaren Blick in Richtung Russland und bis nach China und Kuba? So viel Unrecht, Unterdrückung und Mord und deshalb, drängend und beinahe verzweifelt, noch einmal die Frage: »Könnte uns nicht zumindest einen, was eint, die Traurigkeit?«

Vorabdruck des gekürzten Auszugs mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
Marko Martin: »Brauchen wir Ketzer? Stimmen gegen die Macht. Porträts«. Arco, Wuppertal 2022, 470 S., 20 €. Das Buch erscheint am 6. Dezember.

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