Kino-Tipp

Van Gogh und die Ewigkeit

Überzeugt in der Rolle des van Gogh: der Schauspieler Willem Dafoe Foto: imago

Ziemlich am Ende des Films und ziemlich am Ende seines kurzen Lebens sitzt Vincent van Gogh einem Priester gegenüber, in der Heilanstalt von Saint-Rémy-de-Provence. Es ist eine Schlüsselszene, der ausführlichste Dialog dieses Films. Der Priester (Mads Mikkelsen) hat zu entscheiden, ob der Maler die Anstalt verlassen kann, und er macht kein Hehl daraus, dass er mit der Kunst des Niederländers wenig anfangen kann, ja, sie ziemlich hässlich findet.

Van Gogh, der selbst einmal Pfarrer war, im verarmten Kohlegebiet der belgischen Borinage, antwortet: »Gott hat mir eine Gabe gegeben. Ich kann nur malen, nichts anderes.« Und auf das Unverständnis seiner Zeitgenossen Bezug nehmend, sagt er: »Vielleicht bin ich ein Maler für Menschen, die noch nicht geboren sind.«

SEHERISCH Nicht umsonst heißt der Film im Original At Eternity’s Gate, sicherlich eine Anspielung auf den Umstand, dass man van Goghs Kunst erst nach seinem Tod erkannte; im Film wird einmal kurz die erste positive Kritik von Albert Aurier zitiert, die von einer Kunst spricht, die direkt an die Sinne geht. Aber Ewigkeit, das ist natürlich auch ein Verweis des Regisseurs Julian Schnabel – der selbst Sohn jüdischer Eltern ist – auf das christliche Heilsverständnis und auf Jesus Christus, ebenfalls unverstanden in seiner Zeit. Nicht umsonst hat van-Gogh-Darsteller Willem Dafoe ihn vor drei Jahrzehnten in Martin Scorseses Die letzte Versuchung Christi dargestellt.

»An der Schwelle zur Ewigkeit« überzeugt mit einem grandiosen Willem Dafoe in der Hauptrolle.

Und tatsächlich hat Julian Schnabels van Gogh etwas Seherisches, ein Mann, der darum bemüht ist, eins zu werden mit den Dingen oder sie sich anzuverwandeln, die verborgene und auch heilige Schönheit in ihnen zu erkennen. »Wenn ich einer Landschaft gegenübersitze«, sagt van Gogh einmal im Film, »dann sehe ich nichts anderes als die Ewigkeit.«

Julian Schnabel, der das Drehbuch zu diesem Film zusammen mit seiner Freundin Louise Kugelberg und Altmeister Jean-Claude Carrière schrieb, hat gut daran getan, van Goghs Kunst nicht in die Schemata und auch die zeitliche Ausdehnung eines gewöhnlichen Biopics zu pressen. Ihn interessieren die zwei letzten Jahre, van Goghs produktivste, als der Maler nach dem Scheitern in Paris auf den Rat seines Freundes Paul Gauguin hin in den Süden fährt, nach Arles. Gauguin (Oscar Isaac) und sein Bruder Theo (Rupert Friend), der ihn finanziell unterstützt, sind die wichtigen Beziehungen in seinen letzten Jahren; mit den Einheimischen versteht er sich nicht, sieht man einmal von seiner Wirtin (Emmanuelle Seigner) ab.

Auf die Korrelation von Genie und Wahnsinn, sonst ein beliebter Topos von Künstlerlebensläufen, verzichtet Schnabel.

GLÜCK Er male das Sonnenlicht, sagt van Gogh einmal zu einem anderen Patienten (Niels Arestrup) in der Heilanstalt. Vincente Minnelli hat in seinem van-Gogh-Biopic Lust For Life (1956) eine solche Szene eingebaut: Da öffnet Kirk Douglas als van Gogh morgens das Fenster und blickt auf ein lichtdurchtränktes weißes Blütenmeer. Auf solche Szenen verzichtet Schnabel zum Glück, ja, viele der Filmbilder wirken relativ fahl. Aber Schnabel und sein Kameramann Benoît Delhomme, haben viele Szenen aus der Perspektive van Goghs gedreht, mit einer ruhigen Handkamera, um die Vision des Künstlers umzusetzen, und sie haben sich die Freiheit genommen, den unteren Rand des Bildes auch verschwommen zu zeigen oder dessen Eindruck mit Filtern zu verstärken.

Auch auf die Korrelation von Genie und Wahnsinn, ein beliebter Topos von Künstlerlebensläufen, verzichtet Schnabel. Van Gogh war ein Einzelgänger, der aggressiv sein konnte und mit dem es seine Mitmenschen durchaus schwer hatten. Aber er war auch ein Workaholic, verbissen in seine Kunst, dessen Stil sich mit breitem Strich und dick aufgetragenen Farben sich aus ihm herausdrängte. »Du machst doch Skulpturen«, spielt Gauguin einmal darauf an.

Ganz oft folgt die Kamera dem Maler durch die Felder und Berge, mit der Staffelei auf dem Rücken. Und noch öfter ist Willem Dafoe in Nahaufnahme zu sehen, mit 63 deutlich älter als der mit 37 Jahren verstorbene van Gogh. Aber auch daraus macht Schnabel eine Tugend: In den Falten des Gesichts von Dafoe spiegeln sich gewissermaßen die Entbehrungen des Lebens von van Gogh.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Aufgegabelt

Tomato tonnato mit Kapern

Rezepte und Leckeres

von Alice Zaslavsky  25.02.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Schlafende Kritiker, riechende Stullen, tolle Outfits: Berlinale mit allen Sinnen

von Katrin Richter  25.02.2026

Rezension

Erfolg und Versagen

Konstantin Richter beschreibt deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1871 – und das Schicksal des jüdischen Bankiers Hermann Wallich

von Maria Ossowski  25.02.2026

Debatte

Streit um die Deutungshoheit

Die harten Auseinandersetzungen um die Studie des Historikers Grzegorz Rossoliński-Liebe über die Rolle polnischer Bürgermeister in der Schoa sind ein Lehrstück über den Umgang mit der Freiheit der Wissenschaft

von Julien Reitzenstein  25.02.2026

Antisemitismus-Skandale

Wolfram Weimer will Berlinale-Chefin Tricia Tuttle entlassen

Der Kulturstaatsminister zieht Konsequenzen

 25.02.2026 Aktualisiert

Meinung

Was Layout verraten kann

Holger Friedrich hat die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung auf den Markt gebracht. Bei der Gestaltung drängen sich merkwürdige Bilder auf. Welche Zielgruppe will er wohl erreichen?

von Marco Limberg  25.02.2026

Berlin

Igor Levit: Fünf Prokofjew-Konzerte an drei Abenden

Von Romantik pur bis hin zu rasanten Läufen und ungewohnten Rhythmen: Im März bietet sich in der Philharmonie eine einmalige Gelegenheit

von Imanuel Marcus  24.02.2026

Kanadischer Rock

Geddy Lee Weinrib kündigt Rush-Konzerte in Deutschland an

Die letzten Auftritte des jüdischen Sängers und Bassisten sowie seiner Formation in der Bundesrepublik sind 13 Jahre her

 24.02.2026

Kino

Ein Leben als Pingpong-Partie

Timothée Chalamet glänzt in »Marty Supreme« als ambitionierter Pingpong-Spieler und Überlebenskünstler Marty Mauser, der in den 1950er Jahren den Weltmeistertitel im Tischtennis anstrebt. Auch Deutschlands bester Tischtennis-Spieler aller Zeiten, Timo Boll, ist in dem Film zu sehen

 24.02.2026