Antisemitismus

WDR räumt Versäumnisse ein

WDR-Intendant Tom Buhrow Foto: imago images/Sven Simon

Der Intendant des Westdeutschen Rundfunks (WDR), Tom Buhrow, hat eingeräumt, dass in einem Radiobeitrag antisemitische Klischees verbreitet worden seien. Das sei aber unabsichtlich geschehen. In der im Dezember 2018 ausgestrahlten WDR5-Livesendung Tagesgespräch – Moscheen in Deutschland – wie finanzieren? wurde suggeriert, dass Juden in Deutschland womöglich aus historischen Gründen keine Kirchensteuer entrichten müssen.

»Die Juden zahlen ja doch jetzt nicht so eine Steuer, warum man jetzt gerade auf die Muslime gekommen ist, warum die eine Steuer zahlen sollten?«, hatte eine Anruferin gefragt. Mit der Bemerkung »gute Frage« gab der Moderator die Frage an seinen Studiogast Erkan Arikan, den Leiter der türkischen Redaktion beim Fernsehsender »Deutsche Welle«, weiter.

HISTORIE Arikan spekulierte daraufhin, das käme vielleicht »aus unserer deutschen Historie, dass wir hier von den jüdischen Gemeinden keine Steuern abverlangen, damit sie ihre Gemeinden finanzieren, sondern dass wir ihnen das eventuell sogar selbst überlassen, wie sie ihre Gemeinden finanziell dann aufstellen würden. Ich kann es mir, ehrlich gesagt, nicht erklären. Da müsste man doch noch einen anderen Experten fragen.«

Moderator Thomas Koch fragte nach: »Wissen Sie denn möglicherweise, ob die Geld aus Israel bekommen? Das wäre ja dann die Analogie.« Arikan antwortete: »Das wäre dann die Analogie. Aber ich glaube: Es gibt viele andere große Spender jüdischen Glaubens, die nicht in Israel sitzen, sondern eher im europäischen oder im amerikanischen Ausland, die dann eher wahrscheinlich mit sehr üppigen Spenden fungieren würden. Ich kann mir das hier nicht vorstellen.«

Kurz darauf sagte Koch: »Ei ei, wenn wir über die Schließung dieser Finanzierungswege nachdenken, sind wir heute Abend noch nicht fertig.«

BESCHWERDE Volker Beck, Lehrbeauftragter am Centrum für Religionswissenschaftliche Studien der Ruhr-Universität Bochum, hatte sich beim WDR über die in der Sendung gemachten Aussagen beschwert. Die suggerierten »Sonderrechte für Juden aufgrund der Schoa können dem sekundären Antisemitismus zugeordnet werden«, sagte Beck in einem Schreiben vom 29. Dezember 2019 an Buhrow und den WDR-Rundfunkrat.

Man müsse sich fragen, »warum zwei professionelle Journalisten, nach der Anerkenntnis, dass sie über das Thema nicht Bescheid wissen, auf Sendung und nicht etwa am Stammtisch wilde Mutmaßungen verbreiten«, so Volker Beck.

Man müsse sich auch fragen, »warum zwei professionelle Journalisten, nach der Anerkenntnis, dass sie über das Thema nicht Bescheid wissen, auf Sendung und nicht etwa am Stammtisch wilde Mutmaßungen verbreiten«.

In dem Antwortschreiben Buhrows, das der »Jüdischen Allgemeinen« vorliegt, gibt der Intendant Versäumnisse zu. Es sei allerdings »nicht die Absicht des Moderators (gewesen), Vorurteile oder antisemitische Stereotypen zu fördern«.

Dennoch wäre es »trotz der Live-Situation« angezeigt gewesen, so Buhrow, »nach der Eingangsfrage der Anruferin die Diskussion mit dem Hinweis auf die fehlende Faktenbasis nicht weiterzuführen«.

SENSIBILISIERUNG Es sei »misslich«, dass der von Beck kritisierte Beitrag »in dieser Form noch weiter in der Mediathek abrufbar war«, erklärte der WDR-Intendant. Mittlerweile ist der Mitschnitt der Sendung nicht mehr online abrufbar.

Buhrow bedauerte auch, dass der Sender das Problem erst auf Becks Nachhaken hin erkannt habe. Der Vorgang werde nun in der Redaktion »intensiv aufgearbeitet« werden.

»Sensibilisierung für das Thema und Aufklärung, um Antisemitismus entgegenzuwirken, ist für uns als WDR eine kontinuierliche Aufgabe«, schrieb der Intendant, wies aber darauf hin, dass sich der Radiosender WDR5 »allein in den vergangenen zwei Jahren in 71 Programmpunkten mit jüdischem Leben und dem Antisemitismus im engen wie erweiterten Kontext beschäftigt« habe.

PROGRAMMGRUNDSÄTZE Volker Beck zeigte sich teilweise zufrieden. »Es ist gut, dass der WDR wenigstens im zweiten Anlauf anerkannt hat, dass die antisemitische Entgleisung ein Verstoß gegen die Wahrheitsverpflichtung in den Programmgrundsätzen war, und dass man eingesteht, dass man antisemitische Stereotype verbreitet hat«, erklärte er gegenüber dieser Zeitung.

»Aber selbstverständlich verstößt ein solches antisemitisches Kolportieren auch gegen den Programmgrundsatz ›diskriminierungsfreies Miteinander‹«, so der frühere Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen.

»LUFT NACH OBEN« Das zögerliche Verhalten des Senders zeige, »wie tief antisemitische Narrative in unserem Bewusstsein eingeschrieben sind. Deshalb fallen sie zuweilen nicht einmal auf, wenn man darauf hingewiesen wird«, so Beck.

Er nannte es »ein wenig enttäuschend, dass Tom Buhrow das Problem und den Vorgang kleinredet. Man wünschte sich den Sender als lernende Organisation, die Mut zum Anerkennen des Problems und eine offensive Fehlerkultur hätte«. Da gebe es noch »Luft nach oben«, erklärte Beck.

Glosse

Der Rest der Welt

Der ungelesene Bücherstapel oder Die Bibliografie des idealen Menschen

von Nicole Dreyfus  01.11.2026

Eröffnung

Museum Zwangsarbeit zeigt Ausstellung zu »unerwünschten Kindern«

Beziehungen zwischen Deutschen und Zwangsarbeitern im NS-Regime waren verboten. Trotzdem gab es diese Kontakte ebenso wie Kinder aus diesen Beziehungen. Eine Ausstellung in Weimar widmet sich den Geschichten der betroffenen Eltern und Kindern

 30.10.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  30.10.2026

Literatur

»Empfänger unbekannt«: Wenn ein Freund zum Feind wird

Die judenfeindlichen Novemberpogrome von 1938 jähren sich zum 88. Mal. Anlass, die Geschichte »Empfänger unbekannt« aus demselben Jahr zur Hand zu nehmen. Darin schlägt ein Jude zurück, mit überraschenden Mitteln

von Leticia Witte  30.10.2026

München

Julia Klöckner: Verteidigung jüdischen Lebens Aufgabe für alle

Jüdische Kultur ist in Deutschland tief verwurzelt. Zum 40. Mal wollen die Kulturtage diesen Reichtum würdigen. Für die Bundestagspräsidentin ein Anlass zu Mahnung und Hoffnung

 30.10.2026

Frankfurt

Eine Akademie für Deutschland

Am Montag wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet. Sie soll innerjüdische Debatten fördern und jüdische Perspektiven stärker in die Gesellschaft einbringen

von Josef Schuster  30.10.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Bettina Piper, Imanuel Marcus  29.10.2026

Auszeichnung

Shimon-Peres-Preis für deutsch-israelische Projekte

Für einen Dialog in Krisenzeiten werden jetzt zwei deutsch-israelische Projekte ausgezeichnet. Der Preis erinnert an den Friedensnobelpreisträger und israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres

 29.10.2026

Kulturkolumne

Tikkun Olam am Abend

Das Geheimnis der Waldschnepfe

von Sophie Albers Ben Chamo  29.10.2026