Israel

Was wird bleiben?

Auch das ein Bild aus der Corona-Krise: Vor dem Jom Haazmaut flog die IDF über das Sheik-Jarrah-Krankenhaus, um den Ärzten und Pflegern ihre Ehrerweisung zu erbringen. Das Klinikpersonal feierte mit. Foto: Flash 90

Vor ein paar Tagen schrieb ein Tel Aviver Filmemacher-Freund von mir auf Facebook: »Was bleibt von Corona? Welche Bilder sind es, die euch im Gedächtnis bleiben werden, die im Rückblick ganz besonders für diese Krise stehen, so wie das vor der Napalmwolke fliehende kleine Mädchen zum Inbegriff des Vietnamkriegs geworden ist und die drei Soldaten an der Klagemauer zum Symbol der Wiedereroberung des Tempelbergs?«

RÜCKBLICK Ich las die ersten Antworten, wunderte mich etwas, dass die Bildvorschläge fast ausschließlich von Ärzten in der Lombardei oder Leichenwagen in New York handelten, obwohl die Kommentierenden anscheinend fast alle Israelis waren, wunderte mich auch über das Wort »Rückblick«, das mir, trotz all der Lockerungen, dann doch recht optimistisch schien. Aber seither kann ich nicht aufhören, darüber nachzudenken, was denn meine Bilder sind, jene Momente, Eindrücke, Erinnerungen, die ich, Stand Anfang Juni, mit Corona verbinde, so wie ich es in Tel Aviv (bisher) erlebt habe.

Mein Bild von Corona ist jenes, das es nicht gibt.

Mein Bild von Corona ist der Nachbar schräg gegenüber, der jeden Tag auf seinem Balkon auf und ab marschiert, sechs Meter in die eine Richtung, sechs Meter in die andere, hin, her, hin, her, oft 15, 20, 30 Minuten lang, mit einer eisernen Disziplin, wie ein Soldat auf Patrouille, nur dass er statt eines Militärstützpunkts oder Grenzzauns seine Gesundheit schützt, ob nun vorrangig die körperliche oder die seelische, weiß ich nicht.

Anfangs tun wir so, als würden wir einander nicht bemerken, dann lächeln wir uns gelegentlich zu, beginnen einander zu grüßen, irgendwann auch zu winken. Und als einmal eine Kreuzung weiter die Polizei anrückt, mutmaßlich, um einen Quarantänebrecher zu stellen, genau kann ich es zwischen dem ganzen »Ben Sona«-Gebrüll nicht verstehen, hängen wir beide über der Brüstung; zwei Spanner auf dem Balkon, aber dabei wenigstens nicht allein.

TOILETTENPAPER Mein Bild von Corona sind die Fahrradlieferanten der Restaurants in ihren aquamarinblauen und orangefarbenen Uniformen, die, als man sich irgendwann nur noch 100 Meter weit von der eigenen Wohnung entfernen darf, oft das Einzige sind, was man überhaupt auf Tel Avivs Straßen sieht, dafür aber manchmal in so hoher Dichte, dass man den Eindruck gewinnt, in dieser Stadt würde niemand, aber auch wirklich niemand, selbst kochen.

Mein Bild von Corona sind die sonst perfekt geschminkten und ausgeleuchteten Nachrichtenmoderatoren, die plötzlich aus dem Homeoffice heraus senden, sind die ernsten Mienen, die sie machen, während sie, im Hintergrund eine Küchenzeile, am unteren Bildrand eine irgendetwas oder irgendjemanden wegschubsende Hand, über die neuesten Arbeitslosenzahlen reden, oder die festgefahrenen Koalitionsverhandlungen, oder darüber, dass sich unter besagten aquamarinblauen Uniformen angeblich immer öfter auch nur als Essenslieferanten getarnte Hasch-Dealer befänden.

Die Leute waren wütend – fast jede Woche gab es eine neue Demonstration.

Mein Bild von Corona sind die langen Schlangen vor den Geschäften, zunächst, wie überall auf der Welt, auch hier für Toi­lettenpapier, weniger für Mehl, dafür in den Tagen vor Pessach umso mehr für Eier – mein Gott, die Eier, Menschen im Fernsehen, die sich um die letzten Packungen schlagen, Menschen vor Lkws, die gleich mehrere Paletten kaufen, Menschen, die mich aus dem Autofenster heraus ansprechen, sie kämen aus Bnei Brak und fänden keinen Parkplatz, ob ich vielleicht mal eben in den Supermarkt laufen könne: »Wenn es bei euch noch Eier gibt, kauf alle!«

Aber in Tel Aviv, oder zumindest in meiner Straße, ist Corona vor allem eines: die Schlange vor dem Spirituosenladen, zeitweise über mehrere Kreuzungen hinweg. Die Leute, die voll bepackt mit Wein und Schnaps der erstaunlich entspannten Verkäuferin die Ellbogen zur Verabschiedung anbieten, sind offenbar fest entschlossen, aus einer beschissenen Situation dann wenigstens das Bestmögliche zu machen.

Mein Bild von Corona sind Benjamin Netanjahus fast tägliche Reden an die Nation, nicht aufgezeichnet wie etwa die der deutschen Kanzlerin, sondern immer live, meist mit einer halben, ganzen, manchmal auch anderthalb Stunden Verspätung, als hätte er bis zum letzten Moment um die Details der neuen Richtlinien gerungen, Reden, in denen er seinem Volk nicht nur erklärt, wie man sich richtig die Nase putzt, sondern auch, warum Israel, im Gegensatz zu anderen westlichen Staaten, neben Schulen und Kindergärten auch Gerichte schließen muss, darunter jenes, in dem er sich zwei Tage später wegen Korruption verantworten soll – aber aus einer beschissenen Situation das Bestmögliche herausholen, ist natürlich so was wie Netanjahus Markenkern.

DEMOS Mein Bild von Corona ist die Pro-Demokratie-Demo auf dem Rabin-Platz, sind die 2000 Protestierenden, die so brav auf ihren im Zwei-Meter-Abstand angebrachten Markierungen stehen, wie ich israelische Zivilisten überhaupt noch nie in Reih und Glied habe stehen sehen.

Und es ist die Demonstration der Ärzte eine Woche darauf für bessere Arbeitsbedingungen. Und dann die der Studenten für finanzielle Unterstützung. Und die der Lehrer. Und der Selbstständigen. Und der Künstler. Es ist das Gefühl, dass verdammt viele Leute in diesem Land gerade verdammt wütend sind. Und es ist die Angst, dass, je mehr der physische Abstand bei diesen Demonstrationen langsam zusammenschrumpft, der gefühlte zwischen gesellschaftlichen Gruppen in irrem Tempo wächst.

Mein Bild von Corona ist der Obdachlose, der, seit die Restaurants keine Gäste mehr vor Ort bewirten, mehrfach täglich an meiner Ecke steht und in ohrenbetäubender Lautstärke den immer gleichen Satz brüllt, meist so lange, bis er ein paar Schekel bekommt oder jemand noch lauter brüllt, dieses Geschrei sei ja nicht auszuhalten, er solle endlich verschwinden.
Mein Bild von Corona sind die mit sechs Rollen Klopapier befüllten Plastiktüten, die mein Supermarkt an der Kasse anbietet, zum Sonderpreis, wie der Besitzer sagt, weil sich viele der Kunden einen ganzen Pack nicht mehr leisten könnten.

Und es ist der Freund, dessen Café seit Jahren so etwas wie mein zweites Zuhause ist, und der mir, schon nicht mehr wütend, sondern längst desillusioniert, vorrechnet, wie viel Zeit ihm noch bis zur Konkursanmeldung bleibt.

Mein Bild von Corona ist jenes, das es nicht gibt: das sonst übliche Foto des neuen Kabinetts, auf das diesmal ausnahmsweise verzichtet wurde, offiziell, weil das Infektionsrisiko bei 36 dicht an dicht stehenden Ministern zu groß gewesen sei, tatsächlich mindestens ebenso sehr, weil es ein Sinnbild der Dekadenz geworden wäre, denn Corona ist auch die teuerste Regierung in der Geschichte Israels, ist eine Koalition, von der alle Beteiligen erklären, sie sei allein nationalem Verantwortungsgefühl geschuldet, und sich doch erst mal vor allem mit Postenvergabe beschäftigt, die mehrere Ministerien teilt oder komplett neu erfindet, was die Verantwortlichen so wenig verbergen, dass sie am Ende nicht einmal vor der Ernennung eines Ministers »ohne Aufgaben« zurückschrecken.
Mein Bild von Corona ist die Staffel der israelischen Luftwaffe, die, als die traditionell am Unabhängigkeitstag stattfindende Flugschau aus Angst vor Menschenansammlungen abgesagt wird, kurzerhand beschließt, stattdessen über die Krankenhäuser zu fliegen, als Salut an das medizinische Personal.

Mein Bild von Corona ist der OP, in dem Palästinenser und Israelis zusammenarbeiten.

Und es ist der Jerusalemer Bürgermeister, der am Vorabend des Unabhängigkeitstages die Piloten bittet, die Flugroute etwas zu erweitern, der vorschlägt, neben den Einrichtungen in den jüdischen Vierteln auch das Sheik-Jarrah-Krankenhaus im Ostteil der Stadt anzufliegen und den arabischen Ärzten, Schwestern und Pflegern die gleiche Ehrerweisung zu erbringen.

Mein Bild von Corona ist der OP, in dem Palästinenser und Israelis ohne großes Aufheben zusammenarbeiten. Es ist die Näherei in Gaza, in der Masken für den vermeintlichen Erzfeind hergestellt werden. Und Corona ist die Meldung, die Hamas habe zugestimmt, Ärzte für Corona-Schulungen nach Israel zu schicken.

Aber genauso sind es die Stimmen jener, die behaupten, Israel entlasse palästinensische Gefangene aus der Haft, um das Westjordanland zu verseuchen. Sind es die iranischen Ayatollahs, die »den Zionisten« einen biologischen Angriff unterstellen. Ist es die x-fach geteilte Zeichnung eines Karikaturisten, der das stilisierte Bild des Virus mit einem Davidstern verschmelzen lässt.

Corona ist eine Erinnerung daran, dass jede Krise eine Chance ist – zum Brückenbauen genauso wie zum Säen von Hass.

FLAMMEN Corona sind die Bilder von Polizisten in einem der besonders schwer betroffenen ultraorthodoxen Viertel, die beim Versuch, die Ausgangssperre durchzusetzen, mit Urin befüllte Plastikbeutel ins Gesicht geworfen bekommen. Es ist der kleine Junge mit den Pejes, der frenetisch »Stirb doch an Corona!« kreischt. Und es ist jener, der an Lag BaOmer vor laufender Kamera eine israelische Fahne in die Flammen hält.

Aber Corona ist auch das Zeichen der beiden Oberrabbiner des Landes, dass das wichtigste Gebot der Schutz von Leben ist, ist ihr Appell, die Handys am Schabbat anzulassen, um immer die neuesten Corona-Updates zu erhalten. Es ist die Aufforderung so vieler Gemeinden, zum Beten doch bitte zu Hause zu bleiben und auf das Berühren der Mesusot zu verzichten. Und es ist die Erlaubnis, selbst während des Sederabends das Internet zum Zoomen mit der Familie weiter zu nutzen.

SEDER Corona sind die Tausenden Menschen, die sich während ebenjenes Seders auf ihren Balkonen versammeln und um Punkt halb neun zu singen beginnen, die im ganzen Land »Ma nischtana« erklingen lassen und am Ende applaudieren, diesmal nicht den Hilfskräften, sondern ausnahmsweise sich selbst.

Und während ich all das schreibe, sitze ich auch jetzt auf dem Balkon, höre den Verkehr auf der Straße, die wieder so voll ist wie zuvor, schrecke hie und da von einem der ebenfalls langsam zurückkehrenden Flugzeuge auf, die mir mit einem Mal entsetzlich laut erscheinen. Aber auf dem Balkon schräg gegenüber sind die Fenster zu und die Rollläden seit Tagen unten, und den Nachbarn habe ich seit zwei Wochen nicht mehr gesehen.

Die Autorin ist Schriftstellerin und lebt in Tel Aviv.

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