Geschichte

Was wäre, wenn?

Blick in die Berliner Ausstellung

Er ist der Star der kontrafaktischen Geschichte. Die Rede ist von Adolf Hitler. Und beliebt ist dieses Konstruieren alternativer, aber nicht völlig unwahrscheinlicher Szenarien vor allem in Großbritannien. Immer wieder lautet dabei die Frage: »Was wäre, wenn …?« Wie hätte die Welt ausgesehen, wenn Deutschland 1940 aus der Luftschlacht von England als Sieger hervorgegangen wäre oder eine erfolgreiche Invasion gestartet hätte?

Von Gedankenspielen dieser Art geht eine enorme Faszination aus. Doch beim Auseinanderreißen von Kausalketten kann man sich manchmal ordentlich vergaloppieren, weil Fantasie und Wunschdenken irgendwann die Oberhand gewinnen.

fallstricke Genau diese Fallstricke vermeidet die Ausstellung Roads not Taken, die jetzt im Deutschen Historischen Museum (DHM) in Berlin gezeigt wird. Der Untertitel bringt es bereits auf den Punkt: »Es hätte auch anders kommen können.«

Dieser Konjunktiv wird dann recht konkret und zieht sich wie der rote Faden in einem rückwärts gezeigten Film durch 14 Stationen deutscher Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, beginnend mit der friedlichen Revolution 1989 bis in das Jahr 1848 und das Geschehen rund um die gescheiterte Revolution. Den Anfang der Ausstellung macht also eines der äußerst raren, positiv konnotierten Ereignisse der Vergangenheit, nämlich der Mauerfall.

»Die Geschichte hätte an verschieden eingetretenen Zäsuren eine andere, auch eine ganz andere Richtung nehmen können«, erklärt Dan Diner das Konzept dahinter. »Wie hätten solche Richtungswechsel aussehen können? Wie nah oder fern von der gewordenen Wirklichkeit waren diese Möglichkeiten gelegen?«, so der deutsch-israelische Historiker, der an den Universitäten von Leipzig, Tel Aviv und Jerusalem gelehrt hat und auf den die Idee zu der Ausstellung zurückgeht.

ZUFALL Oder anders formuliert: Es geht nicht um das Erfinden oder Fortspinnen von Geschichte nach dem Muster von dystopischen Fernsehserien wie The Man in the High Castle oder anderer kontrafaktischer Erzählungen, sondern, wie Diner betont, um das »Verständnis vom Einbruch des Zufälligen«.

»Wichtig war uns, dass wir viele Wegmarken wählen, die auch im öffentlichen Erinnern noch heute eine Rolle spielen, und solche, die wir für das 20. Jahrhundert und unsere Gegenwart für relevant halten«, ergänzt DHM-Präsident Raphael Gross. Wenig überraschend dominiert dabei die Zeit des Nationalsozialismus. Allein fünf der 14 als Zäsuren bewerteten Ereignisse beschäftigen sich – eben nicht zufälligerweise – mit genau diesem Themenkomplex.

Beispielhaft dafür ist das Attentat vom 20. Juli 1944. So erklären die Macher von Roads not Taken, dass der Zweite Weltkrieg sehr wahrscheinlich ein früheres Ende genommen hätte, wenn die Tischplatte im sogenannten Führerhauptquartier Wolfsschanze nicht so stabil gewesen und Stauffenbergs zweiter Sprengsatz explodiert wäre. »Ein vorzeitiges Kriegsende hätte Deutschland vor den größten Verlusten bewahrt«, erklärt die Ausstellung. »So stellt der ›20. Juli‹ eine Gedächtnis-Ikone dar, die eine bessere Alternative zur eingetretenen Realität aufzeigt.«

holocaust Doch für die Juden wäre es im wahrsten Sinne des Wortes zu spät gewesen. »Für die Ermordung der Juden Europas hätte ein erfolgreiches Attentat auf Hitler kaum noch etwas bewirkt. Der Holocaust war zu diesem Zeitpunkt im Wesentlichen bereits vollzogen. «Ein frühes Ende des Krieges durch die Männer und Frauen des ›20. Juli‹ hätte für die Deutschen viel, für die Juden hingegen wenig bedeutet.»

Das Konzept der Ausstellung gleicht einem Experiment. Einerseits wird gezeigt, dass Ereignisse auch anders hätten verlaufen können. Doch basieren die präsentierten Alternativen zum Geschehen eben nicht auf Spekulationen, sondern auf Dokumenten und Fakten. Zudem werden die großen Fehler des ansonsten so populären Genres der kontrafaktischen Geschichtsschreibung vermieden, weil man sich nicht im Wunschdenken oder in der Überbetonung der Macht einzelner Akteure verliert. Genau das erzeugt ganz eigene Spannungsfelder und macht Roads not Taken so sehenswert.

Zahl der Woche

7 Wochen

Fun Facts und Wissenswertes

 28.07.2026

Literatur

Von der Liebe in Zeiten der ’Ndrangheta

In seinem Tatsachenroman erzählt der italienisch-jüdische Autor Roberto Saviano die Geschichte einer verschwundenen Frau

von Knut Elstermann  28.07.2026

Aufgegabelt

Marokkanische Bällchen

Rezepte und Leckeres

 28.07.2026

Meinung

Das ibug-Festival 2025 – eine sächsische Documenta?

Antisemitismus in der Kunst: Auf dem internationalen ibug-Festival in Chemnitz wurden im vergangenen Jahr Werke gezeigt, die antisemitische Klischees reproduzierten. Droht dieses Jahr eine Wiederholung?

von Vladimir Shikhman  28.07.2026

London

Boy George veröffentlicht israelsolidarischen Song »We Will Dance Again«

Der britische Sänger stellt in seinem neuen Reggae-Lied klar: »Ich stehe auf der Seite der Juden.«

von Imanuel Marcus  28.07.2026

New York

Carly Simon hat Parkinson

Die Sängerin und Songschreiberin mit jüdischem Familienhintergrund kämpft mit zwei gesundheitlichen Problemen. Trotzdem hat es sie es geschafft, ein neues Album aufzunehmen

 28.07.2026

Filmkritik

»Blutspur Antwerpen« – Ein Lehrstück in Sachen Antisemitismus

Keine einzige Rezension hat den Krimi bislang als das gewertet, was er ist: Ein rassistisches Machwerk in Gestalt einer »antisemitischen Parabel«

von Achim Bühl  27.07.2026

Musik

Und sie erinnern sich doch

Die Bayreuther Festspiele begehen ihr 150. Jubiläum mit Nachdenklichkeit

von Maria Ossowski  27.07.2026

Bayreuther Festspiele

Michel Friedman in Bayreuth: Neue Ära der Aufarbeitung beginnt

Um offen mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit umzugehen, haben die Bayreuther Festspiele Michel Friedman als Redner eingeladen. Der Publizist rief eine neue Ära des Erinnerns aus

 26.07.2026