Interview

»Was ist die Alternative?«

Wir müssen reden: Shai Hoffmann Foto: Steve Herud

Interview

»Was ist die Alternative?«

Der Aktivist Shai Hoffmann spricht im Rahmen der Berlinale über den Nahostkonflikt. Mit jedem, der das möchte

von Sophie Albers Ben Chamo  15.02.2024 09:25 Uhr

Seit neun Jahren arbeitet Shai Hoffmann, deutscher Jude mit israelischen Wurzeln, daran, dass Menschen miteinander reden. Er ist Geschäftsführer der gemeinnützigen »Gesellschaft im Wandel«, Host des Podcasts »Über Israel und Palästina sprechen« und geht regelmäßig in Schulen, um zusammen mit palästinensischen Kollegen über den Nahostkonflikt zu diskutieren. Das soll er nun auch auf der Berlinale tun.

Herr Hoffmann, Sie werden drei Tage lang auf dem Potsdamer Platz sitzen und im »Tiny House ›Über Israel und Palästina sprechen‹«. Wie kam es dazu?
Das Tiny House ist ein neues Projekt, das ich im Zuge der Israel-Palästina-Bildungsvideos entwickelt habe. Das »Tiny House ›Über Israel und Palästina sprechen‹« gibt es seit Mitte Dezember. Zusammen mit dem Palästinenser Ahmad Dakhnous lade ich während der Berlinale zum Trialog ein.

Da die Atmosphäre derzeit so vergiftet ist: Haben Sie Angst um Ihre Sicherheit?
Nein. Ich habe keine Angst, weil wir einfach zu einem Austausch einladen.

Sie glauben also weiterhin fest an die Fähigkeit des Zuhörens?
Was wäre denn die Alternative? Ich glaube, nur wenn man versucht, im Dialog zu bleiben und auch die Position des Gegenübers zu verstehen, kommen wir weiter. Natürlich gibt es auch Dialoge, die man irgendwann abbrechen muss. Aber wenn wir in einer gesunden Gesellschaft leben wollen, müssen wir den Dialog zumindest versuchen.

Haben Sie nach Jahren harter, idealistischer Arbeit das Gefühl, dass Sie gehört werden?
Auf jeden Fall. Natürlich gab es auch Momente, in denen ich dachte, das ist doch alles schwieriger als gedacht. Und mit Blick auf die Ergebnisse von Landtags- und Bundestagswahlen war ich ernüchtert. Aber vor allem auch, seitdem ich ein Kind habe, frage ich mich, was ich ihm mitgeben will, und ich denke, jeder Erwachsene sollte seinen Kindern, seinen Neffen und Nichten unbedingt vermitteln, dass es sich lohnt, sich gesellschaftlich einzubringen. Auch nett zum Nachbarn zu sein, ist schon viel wert. Man lebt etwas vor. Ich glaube fest daran, dass wir in die Verbindung gehen müssen. Wir dürfen uns nicht dividieren lassen.

In Ihrer Arbeit mussten Sie schon mehrfach wieder von vorn anfangen: 2015, nun nach dem 7. Oktober. Gibt es Unterschiede?
Die liegen vor allem darin, wie sich die Gesellschaft informiert. Social Media hat sich seit 2015, also mit der ersten Flüchtlingskrise, nochmal krass zugespitzt, was Fake News, Desinformation und unzensierte, extrem brutale Bilder angeht. Das polarisiert und politisiert. Diese Bilder und diese Berichterstattung emotionalisieren enorm viele Menschen. Es ist auch wahnsinnig schwer, sich nicht emotionalisieren zu lassen. Ruhig zu bleiben und zu fragen, in welchem Kontext steht das Bild oder das Video. Wer ist der Absender? Was ist die Nachricht? Warum kommt es jetzt? Viele Menschen machen das nicht. Und dann passiert eben genau das, was wir gerade sehen, dass einfach geteilt und unreflektiert weiterverbreitet wird. Und so entstehen dann zornige Aussagen und Demonstrationen. Das ist fatal.

Fühlen Sie sich in Deutschland sicher?
Ich bin seit dem 7. Oktober in der Außenwahrnehmung viel mehr jüdisch und habe bisher keine Probleme. Vielleicht auch, weil ich die Hand ausstrecke und sage: »Hey Leute, ich will verstehen, was ihr fühlt, wo euer Schmerz ist.« Natürlich hört das Handausstrecken da auf, wo Menschen Gewalt verherrlichen und die Hamas feiern. Aber es gibt einfach viele Palästinenser in Berlin, die nicht hinter der Hamas stehen, die diese Bilder auch alle mitnehmen – sowohl auf israelischer als auch auf der Seite Gazas.

Mit dem Sozialunternehmer sprach Sophie Albers Ben Chamo.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  08.09.2026

Philosophie

Zwischen Mensch und Maschine

Vor rund 100 Jahren kam Hilary Putnam 1926 in Chicago zur Welt. Der amerikanische Denker revidierte regelmäßig seine Positionen. Seine Philosophie ist überraschend dialogisch – was eine wenig bekannte judaistische Perspektive eröffnet.

von Richard Blättel  08.09.2026

Jubiläum

60 Jahre »Star Trek«: Faszinierend!

Vor 60 Jahren landete das Raumschiff »Enterprise« in den US-Wohnzimmern - und damit auch ein jüdischer Segen

von Alexander Brüggemann  08.09.2026

Kino

Wie ein Holocaust-Überlebender in Ostfriesland Frieden fand - Doku über die letzten Lebensjahre von Albrecht Weinberg

Albrecht Weinberg überlebte den Holocaust und wollte Deutschland für immer den Rücken kehren. Doch zum Ende seines Lebens fand er in seine Heimat Friedland zurück. Ein neuer Dokufilm zeigt seine letzten Jahre

von Kira Taszman  08.09.2026

Literatur

Shortlist für Deutschen Buchpreis veröffentlicht

Dana Vowinckel und Shida Bazya sind für die Auszeichnung nominiert – der Preisträger wird am 5. Oktober bekanntgegeben

 08.09.2026

Kommentar

Warum der Börsenverein des Deutschen Buchhandels nie wieder »Nie wieder!« sagen sollte

Wer Antisemitismus nur dort bekämpft, wo es bequem ist, bekämpft ihn nicht – und wer wie im Fall Maha El Hissy konkrete Vorwürfe nicht ernsthaft prüfen will, sollte aufhören, zu erklären, wie ernst er diesen Kampf nimmt

von Andreas Büttner  08.09.2026

Deutschland

Schoa-Überlebende und Antisemitismusbeauftragte rechnen mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und Maha El Hissy ab

Die Hintergründe

 08.09.2026

»Imanuels Interpreten« (24)

Stan Getz: Der Saxofon-Poet

Wenn Getz live spielte, wollten alle da sein und zuhören. Der Vollblutmusiker kämpfte jedoch über Jahrzehnte hinweg mit Dämonen, die ihn zerstörten

von Imanuel Marcus  08.09.2026

Der deutsch-brasilianische Philosoph Carlos Fraenkel

Potsdam

Philosoph Fraenkel neuer Direktor des Potsdamer Einstein-Forums

Das Einstein-Forum in Potsdam hat mit dem Philosoph Carlos Fraenkel einen neuen Direktor. Für seine Zeit formuliert er deutliche Ziele

von Benjamin Lassiwe  07.09.2026