Glosse

Was der einstürzende Berg in Brienz mit Schawuot zu tun hat

Der Brienzer Rutsch in Brienz-Brinzauls Foto: picture alliance/KEYSTONE

Und die Israeliten lagerten vor dem Berge Sinai in freudiger Erwartung auf die vielen, vielen Gesetze, die sie bald in Empfang nehmen dürfen. Aber Moses wollte nicht herunterkommen. Abgemacht war doch der 49. Tag! Die Israeliten rauften sich die Haare. Kein Gott, keine Tora, kein Moses, was jetzt? Die Klügsten von ihnen wussten Rat. Die einzige Lösung liegt in einem Goldenen Kalb. Um das kann man gut tanzen. Das ist die Geschichte von Schawuot. Einen Tag später kam dann Moses tatsächlich.

Wir lernen zwei Dinge: Wer sich verabredet, sollte sich den Tag und die Uhrzeit gut merken. Und Ungeduld ist die Mutter aller Katastrophen. Ich sitze vor dem Computer. Seit fünf Tagen verweigere ich jegliche Nahrung. Gebannt verfolge ich das Geschehen um das Dörfchen Brienz im Kanton Graubünden. Dort soll jeden Moment ein Berg einstürzen. Das sagen die Geologen. Eine Webcam ist auf die Geröllhalde ausgerichtet.

szenarien Die Wissenschaftler sagen, es gebe drei Szenarien. Im ersten Fall stürzen nur ein paar Steine runter, und die Dorfbewohner können wieder zurück in ihre Häuser. In der zweiten Modellrechnung wird das halbe Dorf mit Felstrümmern zugedeckt. Im schlimmsten Fall das ganze Dorf. Ich würde mich über die Apokalypse am meisten freuen. Keine Angst, die Dorfbewohner sind in Hotels einquartiert, die Versicherung übernimmt alle Schäden. Und wenn nicht, wird der Bundesrat einen Sammeltag ausrufen. Die Geologen sagen, dass tonnenschwere Felsen 20 Meter in die Höhe geschleudert werden können. Und kleinere Steinchen würden mit 120 Stundenkilometer durch die Luft zischen.

Ich weiß nicht, wann es das letzte Mal in der Schweiz so was Tolles gab. Die ganze Bevölkerung redet davon. In den Zeitungen erscheinen Bilder von ersten Steinen, die herumfliegen. Leider habe ich diese Momente immer verpasst, da ich entweder auf der Toilette war oder für irgendjemanden die Türe aufmachen musste. Das ärgert mich sehr.

steinschleudertag Ich werde langsam ungeduldig. Wann ist denn jetzt endlich Steinschleudertag? Die Wissenschaftler sagen jeden Tag, dass es sich nur noch um Stunden handeln könne. Ich will aber wieder einmal etwas essen! Langsam entwickle ich Verständnis für die Israeliten.

Auch die anderen Schweizer zeigen Ermüdungserscheinungen. Ich kenne sportliche Familienväter, die das ganze Wochenende herumturnen. Aber auch die sitzen nur noch vor der Glotze. Ich halte das nicht mehr lange aus. Kann man Goldene Kälber auch online bestellen?

Programm

Drei Chöre, 100 Synagogen und ein Unbezähmbarer: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 19. bis zum 26. März

 18.03.2026

Nachruf

Der die Debattenkultur formte

Jürgen Habermas prägte die Bundesrepublik, positionierte sich im »Historikerstreit«, setzte Begriffe und gab Orientierung. Zum Tod des großen Philosophen

von Johannes Heil  18.03.2026

Literatur

Als die Donau durch Kakanien floss

Zur Leipziger Buchmesse: Eine (jüdische) Vision für ein Europa der Regionen, Religionen und der Vielfalt

von Awi Blumenfeld  18.03.2026

Literatur

Gefühle und Zustände

Lena Gorelik schreibt über »Alle meine Mütter«

von Sharon Adler  18.03.2026

Sachbuch

Unter Gedächtnisbeton

Ines Geipel widmet sich in »Landschaft ohne Zeugen« der Rolle kommunistischer Häftlinge im KZ Buchenwald und der Nicht-Aufarbeitung in der DDR

von Steffen Alisch  18.03.2026

Sachbuch

Flucht nach Zaton Mali

Marie-Janine Calic schreibt in »Balkan-Odyssee 1933–1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa« über Exilanten auf dem Balkan

von Alexander Kluy  18.03.2026

Jan Jekal

Als Billy Wilder vor dem FBI zitterte

»Paranoia in Hollywood« macht da weiter, wo die Geschichte der rettenden USA aufhört. Eine Achterbahnfahrt mit bitterem Ausgang

von Sophie Albers Ben Chamo  18.03.2026

Philosophie

Habermas, Israel und die Juden

Eine kritische Würdigung

von Frederek Musall  18.03.2026

Interview

»Die Toleranz gegenüber kontroversen Filmen ist seit dem 7. Oktober gesunken«

Die 11. Ausgabe des jüdischen Filmfestival Yesh! will das Judentum in seiner ganzen Vielfalt und Widersprüchlichkeit zeigen

von Nicole Dreyfus  18.03.2026