Meinung

Warum quält mich die Zahl 565.920?

In Tel Aviv läuft ein Mann durch einen nachgebauten Tunnel, der an die unterirdischen Anlagen der Terrororganisation Hamas im Gazastreifen erinnert. Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Bin ich eine Rassistin? Fehlt mir Mitgefühl für palästinensische Frauen und Kinder? Warum kann ich, trotz dialektischer Prägungen, im Nahostkonflikt hauptsächlich auf einer Seite stehen, auf der Israels? Plagt mich gar, wenngleich die Altvorderen frei aller Nazischatten waren, ein transgenerationelles Schuldgefühl nach der Schoa? Wie oft hat mein Vater als Zeuge vom Grauen des 9. November 1938 berichtet: Haben mich derlei Erzählungen blind gemacht für das Leid in Gaza heute? Habe ich einen philosemitischen Knall?

Wer als Nichtjüdin derzeit mit Diskurs-erprobten und gebildeten Freunden abseits des Social-Media-Furors über Nahost diskutiert, kann folgender argumentativer Nebenwirkungen auf den Beipackzetteln der Gespräche sicher sein.

Erschütternde Täter-Opfer-Umkehr

»Schuld ist Netanjahus Politik im Westjordanland. Israel reagiert unverhältnismäßig. Die armen Zivilisten in Gaza. Du musst die Geschichte der Nakba berücksichtigen« (sehr häufig). »Dort dreht sich eine ewige Gewaltspirale, die nur Friedensgespräche beenden kann. Mir tun beide Seiten leid. Gewalt ist keine Lösung, sie gebiert nur Gewalt« (häufig). »Israel ist traumatisiert. Die Hamas ist Terror pur. Die Hisbollah ebenso. Israel hat das Recht, sich zu wehren« (selten). »Israel kämpft für die westliche Zivilisation, gegen die Barbarei des islamistischen Terrorismus rundum. Weltweit findet eine erschütternde Täter-Opfer-Umkehr statt. Wir alle müssen, Netanjahus Fehlern und der Rechtsextremen in seiner Koalition zum Trotz, Israel stützen« (fast nie, denn das sind meine Standpunkte).

Die Gespräche enden oft in einem Schweigen der anderen Seite, als wären die Argumente pro Israel dem Gegenüber peinlich.

Die Gespräche enden oft in einem Schweigen der anderen Seite, als wären die Argumente pro Israel dem Gegenüber peinlich. Gute Freunde beschließen die Diskussion mit wohlwollenden Bewertungen meines Engagements. Fernere Bekannte drehen sich weg oder wechseln das Thema. Allen gemeinsam ist die Unkenntnis der Charta der Hamas, deren 35 Seiten sich in ihrer Brutalität kaum von den Ideologien der Hisbollah, der Huthi, der iranischen Mullahs oder anderer Islamofaschisten unterscheiden.

Kaum jemand hat vor 1933 »Mein Kampf« studiert

Hier folgt eine Provokation, die aber deshalb nicht falsch ist: Kaum jemand hat vor 1933 Mein Kampf studiert. Dieses Hitlersche Geschwurbel war schlecht lesbar und die Lektüre eine geistige Strafe. Die Unwissenheit hat sich bitter gerächt. In der Pogromnacht vor 86 Jahren war es zu spät. Das Volk hatte sich an die Judenhetze gewöhnt, beim millionenfachen Morden schauten die meisten weg.

Warum liest heute niemand die Charta der Hamas? An Menschenverachtung, an Hass und ideologischer Verblendung ähnelt sie dem Hitler-Machwerk. Alles Internationale, alles Westliche, alles Freie und Demokratische soll verschwinden, weltweit. Frauen sollen gebären, das Haus hüten und ihre Söhne zu islamistischen Kriegern erziehen. »Das sind typische orientalische Übertreibungen«, pflegt mein Lebensmensch mich zu beruhigen, wenn die Furcht vor solchem Wahn an die Seele klopft.

Warum liest heute niemand die Charta
der Hamas? Bereits Kleinkinder lernen, Juden zu hassen.

Die Hamas hat ganz Gaza indoktriniert. Jeglicher Widerstand ist gebrochen. Bereits Kleinkinder lernen, Juden zu hassen. Das allein ist kein Grund, Gaza zu attackieren. Israel tut dies auch nicht wegen der Ideologie, sondern weil sich aus ihr die Tat entwickelt hat, der 7. Oktober 2023. Die israelische Armee warnt zwar die Zivilisten vor Angriffen, dennoch kommt es immer wieder zu unendlichem Leid. Schwangere und Babys sterben. Die Hamas opfert palästinensische Zivilisten strategisch, um Israel zu diskreditieren. Sie will den Hass der Charta in die Vernichtung Israels umsetzen.

Nicht alle haben am 7. Oktober mitgemacht oder gejubelt

Leider haben sich am Massaker auch Zivilisten beteiligt, die Trennschärfe zwischen ihnen und den Hamas-Mördern ist zum Teil aufgehoben. Der Jubel der Zivilbevölkerung für die Verbrecher bei deren Rückkehr mit gefesselten Geiseln lässt erschauern. Aber nicht alle haben mitgemacht oder gejubelt, ein Großteil der Bevölkerung von Gaza hat sich am 7. Oktober nicht beteiligt.

Müsste ich nicht für diese Menschen, egal, wie indoktriniert sie sind, genauso empathisch einstehen? Exakt das gleiche Mitleid empfinden wie für die jungen, freiheitsliebenden, glücklichen Tänzer auf dem Nova-Festival, die die Hamas so grauenhaft ermordet hat? Die gleiche Trauer fühlen wie für die Babys in den Kibbuzim, die die Hamas geschlachtet hat?

Kürzlich lag ich nach einem Sturz im MRT. Für Klaustrophobiker ist »die Röhre« schwierig. 40 Minuten sind Bewegungen oder Ablenkung unmöglich. Bilder schienen im Kopf auf. Die alten Geiseln in den engen Tunneln von Gaza mit gebrochenen Rippen, die jungen Mädchen mit blutigen Hosen und durchgeschnittenen Achillessehnen, sie alle können kaum atmen, haben den Hass ihrer Bewacher und den Tod vor Augen. Keine 40 Minuten, sondern 565.920 Minuten. Ohne Hilfe, ohne Hoffnung. Leid lässt sich nicht vergleichen. Den Kindern von Gaza ist Mitleid weltweit gewiss. Den Geiseln nicht. Warum?

Nein, ich habe keinen philosemitischen Knall, sondern ein geschultes historisches Empfinden: Die Pogromnacht am 9. November war der Dammbruch, dem das millionenfache Morden folgte. Und ich habe nicht nur ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden, sondern auch ein unendliches Mitgefühl mit jenen, die vollkommen unschuldig waren und sind – den Opfern des Massakers vom 7. Oktober.

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