Bücher

Warum Lesen?

Christian Berkel Foto: imago

Warum lesen? Worin liegt der Reiz dieser seit Jahrhunderten überlieferten Kulturtradition? Haben wir nicht inzwischen ganz andere, unserem digitalen Zeitalter angemessenere Ausdrucksformen entwickelt? Gelingt es dieser langsamen, nachdenklichen Kunst mit ihrem Handwerk überhaupt noch, unsere sich fortlaufend beschleunigende Wirklichkeit abzubilden?

Und der Roman, diese schon in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts mehrfach totgesagte Schöne? Wie kann er sich der immer mehr um sich greifenden Geschwätzigkeit entgegenstellen?

Schreiben Beim Blick zurück sehe ich einen achtjährigen Jungen auf der Treppe des elterlichen Hauses sitzen und seine Mutter fragen, ob er dieses vermaledeite Lesen und das noch schwierigere Schreiben wohl je erlernen werde.

Wer diese Stille zwischen seinen Händen hält, muss auf der Suche nach ihr keine Berge mehr erklimmen.

Ich höre ein aufmunterndes Lachen und erinnere mich an die ersten Dichtersätze, denen ich jeden Morgen noch im Halbschlaf lauschte, bevor ich raus musste in die schulische Wirklichkeit mit all ihren leblosen Formeln und Geboten. Es waren alte Theaterplatten, Goethes Faust, Schillers Kabale und Liebe, Kleists Prinz Friedrich von Homburg oder Lessings Emilia Galotti. In 13 Schuljahren habe ich nicht annähernd so viel gelernt. Diese Worte wurden zu meiner Welt.

Viele Jahre später, ich war gerade selbst Vater geworden, spielte mir der Zufall ein schmales Buch in die Hände: Tagebuch eines Babys von Daniel N. Stern. Eindrücklich beschreibt der Autor, einer der damals führenden amerikanischen Psychiater, Psychoanalytiker und Babyforscher, die Welt des fiktiven Babys Joey, vom sechsten Lebensmonat bis zu seinem vierten Geburtstag, folgt ihm auf seinem Weg aus einer Welt der Bilder, einem einfallenden Lichtstrahl oder dem Schattenwurf seines Gitterbettchens an der Wand, in die Welt der Wörter.

Irgendwann zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr erlebt Joey diesen Übergang, erkennt in den Lauten aus dem Mund seiner Mutter einen Sinn und entdeckt, was er schon zuvor beim Blick in den Spiegel mit einer jubilierenden Geste begrüßte, seine fragile Einzigartigkeit, gefasst in einem einfachen Wort: ich.

Bücher sind unsere Fenster und Türen zur Welt. Durch sie begreifen wir unser Dasein.

Andere Wörter kommen hinzu, und mit ihnen wird Joey von nun an bis zu seinem Tod alles, was er sieht, hört, alles, was ihm begegnet, jedes Bild, jeden Klang, jedes Ereignis, jedes Gefühl, interpretierend wahrnehmen. Er beginnt, sich aus Wörtern eine Wirklichkeit zu bauen, sein Leben mit mehr oder weniger Geschick sprechend, lesend und schreibend zu einem sinnhaltigen Gebilde zu verdichten, seinem Haus, in dem Wörter die tragenden Wände, aber auch die Fenster und Türen zur Welt werden.

Verlust Der erste Liebeskummer, der erste Verlust. Wieder sitzt der Junge auf der Treppe. Seine Mutter legt ihm ein Buch in die Hand. »Hier«, sagt sie, »diese Freunde werden dich nie verlassen.« Missmutig klappt er den Buchdeckel auf, ein eigenartiger Geruch strömt ihm entgegen, seine Finger huschen über bedruckte Seiten, die Augen folgen, der Blick geht nach innen, fremde Zeilen nehmen ihn bei der Hand und führen ihn zu sich selbst.

Erschrocken klappt er das Buch wieder zu. Was ist das? Wer ist dieser Fremde, dessen Wesen ihm von Seite zu Seite immer klarer umrissen entgegentritt? Verbirgt sich zwischen diesen Zeilen, die ihn bis in seine geheimsten Träume verfolgen, mehr, als er bisher zu ahnen wagte?

Die Zeit eilt davon, andere Frauen treten an die Stelle seiner Mutter, besetzen den Platz mit ihrem Wesen neu. Einfache Bretter bedeuten ihm jetzt die Welt, als junger Mann tritt er in den Stücken auf, denen er gerade noch im kindlichen Halbschlaf lauschte, wird zum Schüler im Faust, zu Shakespeares Romeo, zu Schillers Franz, zum liebeskranken Ferdinand, oder bittet als Ibsens Oswald Frau Alving um die Sonne.

Madeleine Jahre später beschließt er, eine Zeitlang früh schlafen zu gehen, taucht mit Proust eine Madeleine in einen Lindenblütentee, begibt sich zum wiederholten Mal auf die Suche nach der verlorenen Zeit, die der 16-Jährige nach wenigen Seiten ärgerlich in die Ecke geworfen hatte, begreift langsam, welche Hand sich ihm entgegenstreckt.

»Die Atmosphäre dieser Freundschaft ist die Stille, mehr als das Wort«, liest er bei Marcel Proust über die Beziehung zwischen Leser und Schriftsteller, »denn wir sprechen für die anderen, aber wir schweigen für uns selbst.«

Wer diese Stille zwischen seinen Händen hält, muss auf der Suche nach ihr keine Berge mehr erklimmen. Er findet Trost in der Trauer, denn nur aus ihr kann wahre Heiterkeit, kann ein befreiendes Lachen sich lösen.

Der Autor ist Schauspieler und Schriftsteller. Sein Romandebüt »Der Apfelbaum« erschien 2018 und erzählt die Geschichte seiner deutsch-jüdischen Familie. In dieser Woche veröffentlichte er mit »Ada« (Ullstein-Verlag) die Fortsetzung seines ersten Buchs.

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