Ausstellung

Wartesaal München

Ein Hauch vom Lager Föhrenwald: Blick in die Münchener Ausstellung Foto: JM München

Lebt Franz Kafka und ist heute Ausstellungsarchitekt? Fast hat man diesen Eindruck, betritt man die Ausstellung Juden 45/90. Von da und dort – Überlebende aus Osteuropa im Jüdischen Museum München. Die Begrüßungswand, grau, hoch, kahl, läuft spitz zu, verengt sich und wird nie niedriger.

Es folgt ein bewusst als unübersichtliches, gewundenes Labyrinth angelegter Parcours. Diese Idee des Berliner Gestaltungsbüros chezweitz & roseapple spiegelt eindrücklich wider, was die jüdischen »Displaced Persons« aus Osteuropa, darunter viele KZ-Überlebende, empfanden, die ab Kriegsende in und um München in Auffanglagern untergebracht waren. So erlebten sie es, wenn sie Behördengänge zu absolvieren hatten, ihre Schicksale dokumentierten, Anträge ausfüllen mussten, um finanzielle Unterstützung, Kleidung, Ausbildungsmöglichkeiten und Weiterreiseziele nachsuchten.

objekte Zwischen 1945 und 1951 lebten in München mehr Juden als als je zuvor oder danach. Dass ausgerechnet Hitlers »Hauptstadt der Bewegung« Ziel- und Zufluchtsort für sie wurde, lag daran, dass die bayerische Metropole die wichtigste Stadt in der amerikanischen Besatzungszone war, Sitz zahlreicher Hilfs- und Unterstützungsorganisationen. Und somit der beste »Wartesaal« für die ersehnte Emigration: in die USA zunächst, ab 1948 nach Israel.

Es ist eine Ding-Ausstellung, die Kuratorin Jutta Fleckenstein innerhalb von zwei Jahren erarbeitet und zusammengestellt hat, die bisher umfassendste zu diesem Thema. Konkrete Objekte des Alltags sind zu sehen, 180 an der Zahl. Hier ein Gürtel, dort ein Kinderkleid, Schuhe, eine Hochzeitsanzeige in Jiddisch, bei der unter dem Namen des Paares der jeweilige Geburtsort genannt ist – und das KZ, das überstanden worden war. Ein Mantel, den seine Besitzerin hatte umarbeiten lassen, jahrelang trug (mit den Nähten des Judensterns nach innen) und dann, anlässlich ihrer Heirat in Israel, wenden ließ, sodass der Stern wieder nach außen hin sichtbar wurde. Viele Fotografien sind zu sehen, von Purimfeiern etwa oder von Freudenkundgebungen bei der Gründung Israels 1948.

Zahlreiche amtliche Dokumente und archivierte Korrespondenzen zeugen von teilweise jahrelangen Odysseen durch Ärztezimmer, Krankenhäuser, Heilanstalten als Folge von Haft- und Lagerjahren. Röntgenbilder gehören dazu – oft durchkreuzte Tuberkulose die geplante Auswanderung. Es sind Bücher zu sehen, ein Blechkoffer (der auch als Badewanne diente), Schuhe, Memorabilia, Druckwerke und Zeitungen in Jiddisch, ein Sederteller von 1947 (mit der Inschrift »Dieses Jahr in Jerusalem«), Strickwaren, Einladungskarten zu Bar- und Batmizwa und Fotografien jüdischer Konferenzen, von denen die erste bereits im Sommer 1945 im Münchner Rathaus stattfand.

So manches Memorabilium hat eine schwache allgemeine Anmutung, dafür eine starke subjektive Aura. So manche Geschichte dieses oder jenes Objekts enthüllen erst in vollem Umfang die klugen Texte des bei Hentrich & Hentrich erschienenen Katalogs.

lager föhrenwald Im zweiten Stock geht es ruhiger zu. Hier sind stilisierte Scheibenhäuser installiert, die für das DP-Camp Föhrenwald stehen, eine Siedlung, zwei Kilometer entfernt von Wolfratshausen, einem südlich von München gelegenen Städtchen. Hier war das Gros der DPs untergebracht. 1957 wurde die Siedlung, von den Nazis ursprünglich für Zwangsarbeiter errichtet, nach zwölf Jahren aufgelöst.

Heute trägt sie den Namen Waldram. Behutsam werden diverse Aspekte des Lagerlebens gezeigt, von Kultur bis Sport, ergänzt durch einen Film, der ein Wiedersehen jüdischer »Föhrenwäldler« zeigt und deren Erinnerungen an das Aufwachsen in einem Lager, das Leben ermöglichte.

»Juden 45/90. Von da und dort – Überlebende aus Osteuropa«. Jüdisches Museum München, bis 17. Juni 2012. Der Katalog (Hentrich & Hentrich, Berlin) kostet 14,90 €.
www.juedisches-museum-muenchen.de

Kommentar

Nimm die Wahrheit an, von wem auch immer sie gesagt wurde

Bisweilen wirkt die Debatte um KI-generierte Texte absurd. Denn die Qualität eines Arguments sollte entscheidender sein als sein Urheber

von Leeor Engländer  18.06.2026

Literatur

Prophet im eigenen Land

Ein neuer Band mit bisher unveröffentlichten Texten von Amos Oz zeigt den israelischen Schriftsteller als reflektierten Staatsbürger und überzeugten Zionisten

von Marko Martin  18.06.2026

Essen

»Schakschuka ist der Favorit«

Der deutsch-israelische Koch Tom Franz hat ein Buch über das Frühstück geschrieben. Hier spricht er über geflochtenen Lachs, clevere Vorräte und die Frage, warum er die erste Mahlzeit des Tages auslässt

von Katrin Richter  18.06.2026

Ausstellung

Androgyn, zeitlos, modern

Das Georg Kolbe Museum in Berlin widmet sich der britischen Ausnahmekünstlerin Marlow Moss – erstmals in Deutschland

von Alicia Rust  18.06.2026

Streaming

Bringt Gali nach Hause!

Eine junge Israelin wird in Moskau verhaftet. Die Serie »Unconditional« erzählt vom Kampf einer Mutter gegen die Justiz

von Chris Schinke  18.06.2026

Köln/Hamburg/Leipzig

Mit diesen prominenten Weggefährten feiert Wolf Biermann seinen 90. Geburtstag

Der legendäre Liedermacher wird am 15. November 90 Jahre alt

 18.06.2026

Programm

Israel Day, Goldene Zwanziger und ein Kult-Hai: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 18. Juni bis zum 25. Juni

 17.06.2026

TV-Tipp

Das Leben arabischer Transpersonen in Israel

Eine Arte-Dokumentation porträtiert Transpersonen aus Gaza, die im Exil in Tel Aviv den Traum ihrer sexuellen Selbstbestimmung zu verwirklichen versuchen

von Manfred Riepe  17.06.2026

Hollywood

Sean Penn plant Film um Polizisten bei Kapitol-Attacke

Für seine Nebenrolle in »One Battle After Another« bekam er im März seinen dritten Oscar. Nun will der Hollywood-Star wieder Regie führen - und einen brisanten Stoff anpacken

 17.06.2026