Porträt

Wandlungsfähige Schauspiel-Ikone

Ben Kingsley (l.) im 1993 gedrehten Film »Schindlers Liste« Foto: dpa

Ob in Independent-Filmen oder großem Hollywood-Kino - Ben Kingsley hat die Gabe, sich in unterschiedlichste Charaktere einzufühlen und sie überzeugend auf die Leinwand zu bringen. Er beeindruckte als Indiens Freiheitsikone in »Gandhi«, als jüdischer Buchhalter in »Schindlers Liste« oder als cholerischer Gangster in »Sexy Beast«. Am 31. Dezember wird der renommierte britische Schauspieler mit der markanten Stimme 80 Jahre alt.

Fast genau 40 Jahre ist es her, dass Kingsley für »Gandhi« mit dem Oscar als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde. Es war erst die zweite Filmrolle überhaupt für den Briten, der als Krishna Pandit Bhanji in Yorkshire geboren wurde. Die Rolle brachte dem Sohn einer Britin mit russischen Wurzeln und eines auf Sansibar geborenen Inders den internationalen Durchbruch. »Ein wunderschöner Film«, freute sich Kingsley 2019 in einem Karriererückblick des Magazins »GQ«. »Das war für mich die goldene Tür ins Filmgeschäft.«

Mit der Namensänderung kam der Erfolg

Doch bis dahin war es ein langer Weg, auf dem er von Haus aus wenig Unterstützung bekam, obwohl er »der Showman der Familie« gewesen sei, wie Kingsley der »Daily Mail« erzählte. »Ich habe versucht sie zum Lachen zu bringen. Sie waren aber keine besonders fröhliche Bande, also war das nicht leicht.« Dass man ihn als Kind oft ermahnt habe, leise zu sein, habe ihn nur noch mehr angespornt. »Wenn man versucht, ein Talent zu unterdrücken, dann wird es umso mehr kämpfen, um sich zu befreien und gehört zu werden«, ist sich der Mime sicher.

Er spielte in Schulaufführungen mit und schloss sich während des Studiums in Manchester dem Amateurtheater an. Mit Anfang 20 machte er die Schauspielerei zum Beruf und änderte seinen Namen. »Krishna Bhanji war so ein seltsamer Name«, sagte er der »Radio Times«. »Er ist erfundener als der Name, den ich mir ausgesucht habe.« Der Schritt hatte noch einen weiteren Effekt. »Kaum hatte ich meinen Namen geändert, habe ich die Jobs bekommen.«

Als er in dem Stück »A Smashing Day« von Beatles-Manager Brian Epstein einen Straßenmusiker spielte und dabei seine eigenen Songs sang, öffnete sich eine weitere Möglichkeit im Showgeschäft. Denn im Publikum saßen John Lennon und Ringo Starr, die begeistert waren. Sie bestanden darauf, Kingsley ihrem Musikverleger Dick James vorzustellen. »Er hat gesagt, er könne aus mir einen Sänger so groß wie die Beatles machen«, erinnerte sich Kingsley in der »Daily Mail«. »Es war verlockend, aber ich hatte Angst.« Am selben Tag bekam er ein Angebot von einem Theater. »Da habe ich zugesagt und es nie bereut.«

1967 trat er der prestigeträchtigen Royal Shakespeare Company bei und widmete sich fortan intensiv der Bühne am Londoner West End und anderswo. Nebenbei übernahm er außerdem Rollen im Fernsehen. So spielte er in der britischen Seifenoper »Coronation Street«, die heutzutage immer noch fortgesetzt wird, der Historien-Serie »The Love School« und der Gerichtsshow »Crown Court« mit. Seine erste Filmrolle bekam er 1972 in dem Actionthriller »Angst ist der Schlüssel«, die ihm allerdings kaum Aufmerksamkeit bescherte.

Richard Attenborough überzeugte ihn von »Gandhi«-Rolle

Erst zehn Jahre später kehrte Ben Kingsley zum Kino zurück und übernahm - trotz anfänglicher Zweifel - die Rolle, die für ihn alles veränderte. Regisseur Richard Attenborough hatte ihn eingeladen, um ihm das Projekt vorzustellen. »Rein zufällig las ich in der Woche, in der er mich zu sich nach Hause einlud, gerade eine illustrierte Biographie über Mahatma Gandhi«, berichtete Kingsley. Er sah sich fünf Stunden Filmaufnahmen des echten Gandhi an und entschied, »dass es unmöglich war«. Doch Attenborough überzeugte ihn schließlich und Kingsley etablierte sich als herausragender Charakterdarsteller.

Nie ließ er sich auf einen bestimmten Typen festlegen. Nachdem er als Itzhak Stern in »Schindlers Liste« viel Anerkennung bekommen hatte, spielte er 2018 in »Operation Finale« den Nazi-Verbrecher und Holocaust-Organisator Adolf Eichmann. Die Liste von Kingsleys Filmen und Rollen ist lang und vielseitig, umfasst Dramen und Thriller (»Der Tod und das Mädchen«, »Shutter Island«), Komödien (»Der Love Guru«, »Nachts im Museum«) und Hollywood-Blockbuster (»Prince Of Persia«, »Iron Man 3«). Mit seiner warmen Stimme ist er in einigen Filmen als Erzähler zu hören. Zudem sprach er zahlreiche Audiobücher ein.

»Sexy Beast« brachte ihm Kultstatus

Kultstatus erlangte er als Don Logan in »Sexy Beast« (2000). In dem schwarzhumorigen Thriller besucht der soziopathische Gangster seinen Ex-Komplizen Gary (Ray Winstone), um ihn für einen Bankraub aus dem Ruhestand zu holen. »Man hielt mich für bipolar, weil die Leute nicht glauben konnten, dass jemand der geistig gesund ist, Mahatma Gandhi und Don Logan spielen könnte«, sagte Kingsley im »GQ«-Interview. Nach »Bugsy« (1992) brachte ihm »Sexy Beast« eine weitere Oscar-Nominierung als bester Nebendarsteller ein. Für »Haus aus Sand und Nebel« (2003) war er erneut als bester Darsteller nominiert.

Sein Privatleben hält Ben Kingsley weitgehend aus der Öffentlichkeit heraus. Berichten zufolge ist er zum vierten Mal verheiratet und hat vier Kinder. Er engagiert sich für karitative Zwecke und unterstützt verschiedene wohltätige Organisationen. 2002 schlug ihn Königin Elizabeth II. zum Ritter. »Meine Arbeit kompensiert nicht für irgendwas«, sagte Sir Ben, wie er sich seitdem nennen darf, der Zeitung »The Independent«. »Es ist zu meinem Handwerk geworden und ich liebe es.«

Journalismus

Neuer Georg Stefan Troller Preis ehrt Beiträge über jüdisches Leben

Er hat einst das Interview-Format revolutioniert. Ein neuer Journalisten-Preis wird im Namen des im September 2025 gestorbenen Schoa-Überlebenden Georg Stefan Troller ausgeschrieben

 20.03.2026

Genuss

Koschere Frühlingsblumen

Warum der Sederabend für Weinliebhaber kein Albtraum mehr sein muss

von Jacques Abramowicz  20.03.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  20.03.2026

Literatur

Eine schrecklich nette Familie

Aus Schweden kommt ein jüdischer Berlin-Roman von Anna Brynhildsen

von Frank Keil  20.03.2026

Iryna Fingerova

»Man darf Kulturen nicht vergleichen«

Die Schriftstellerin und Ärztin über die Folgen einer Emigration, ihr Verhältnis zur Ukraine und das Leben als Jüdin in Deutschland – allesamt auch Themen ihres Romans »Zugwind«

von Maria Ossowski  20.03.2026

Jugendbuch

Zwei Jungen und die Liebe

Julya Rabinowich erzählt in »Mo & Moritz« eindringlich, aber auch plakativ von einer Beziehung zwischen einem Juden und einem Muslim

von Katrin Diehl  20.03.2026

Johannes Becke

Nachdenken über Israel

Ist der jüdische Staat als ein Teil Europas oder des Nahen Ostens zu verstehen? Der Autor gibt in seinem Buch profunde und überraschende Antworten

von Ralf Balke  20.03.2026

Dana von Suffrin

Wutgeburt

»Toxibaby« erzählt von einer toxischen deutsch-jüdischen Beziehung

von Katrin Diehl  20.03.2026

Siri Hustvedt

Ihr Lebensmensch

In einem tieftraurigen und wunderschönen Erinnerungsbuch nimmt die Schriftstellerin Abschied von ihrem Mann Paul Auster, der 2024 an Krebs starb

von Katrin Richter  20.03.2026