Zionismus

Wandervögel auf Hebräisch

Pioniere im Hachschara-Camp Foto: Jascha Nemtsov

»Lieder sind Kennzeichen einer lebensvollen Gemeinschaft. Wo Jugend um Höheres sich bemüht, wo Frohsinn und Freude, wo Hoffnung und Begeisterung herrschen, da ist auch das Lied heimisch. Gemeinschaften ohne Lieder sind auch ohne Jugendlichkeit, ja ohne Geselligkeit« – diese Worte hätten von Hans Breuer, dem Herausgeber des berühmten Zupfgeigenhansl (1909), der musikalischen Bibel der deutschen Wandervögel, stammen können. In der Tat eröffnen sie aber eine zionistische Publikation: ein 1930 publiziertes Liederbuch, das von der deutschen Abteilung des Makkabi‐Weltverbands ediert wurde.

Vieles verband die jüdische Jugendbewegung jener Zeit mit ihren deutschen Vorbildern. Verschiedene ideologische Strömungen der deutschen Jugendlichen haben einige Gruppen ihrer jüdischen Altersgenossen sogar direkt beeinflusst: von der jüdisch‐anarchistischen Vereinigung »Schwarzer Haufen« über die bürgerlich‐patriotischen »Kameraden. Deutsch‐jüdischer Wanderbund«, die sich als Teil »der deutschen Volksgemeinschaft und der jüdischen Religionsgemeinschaft« sehen wollten, bis hin zum nationalsozialistisch gesinnten »Deutschen Vortrupp. Gefolgschaft Deutscher Juden«. Der »Vortrupp« wurde schon 1935 trotz seiner Anbiederungsversuche an das neue Régime verboten – man brauchte keine jüdischen Nazis.

Der Zionismus war von Anfang an eine Bewegung der Jugend.

Derartige Gruppen waren aber in der jüdischen Jugendbewegung eher ein skurriles Randphänomen. Ihre dominierende Richtung war eindeutig zionistisch. Die zionistischen Ideale und Lebensformen spielten für die jüdische Jugend jener Zeit auf eine paradoxe Art eine ähnliche Rolle wie die romantischen Ideen der Hinwendung zur Natur, zum gemeinschaftlichen Erleben und zur volkstümlichen Kultur für die jungen Deutschen.

VISION Auch wenn sich zunächst bei Weitem nicht alle Juden in Europa mit den zionistischen Ideen identifizieren konnten, so war der Zionismus von Anfang an eine Bewegung der Jugend. Schließlich bedeutete der Zionismus nicht nur eine politische Agenda, sondern auch und vor allem eine Zukunftsvision – die Erziehung eines neuen, freien jüdischen Menschen. Die nationale Wiedergeburt sollte als eine persönliche Wiedergeburt erlebt werden. Diese Vision fand bei der Jugend naturgemäß viel mehr Anklang als bei den Älteren.

Das Ideal des neuen Juden wurde vor allem in den Chaluzim – den Pionieren – verkörpert. Das hebräische Wort »Chaluz« wurde in der jüdischen Publizistik erstmals im Zusammenhang mit der ersten zionistischen Siedlergruppe »Bilu« (1882) verwendet. Nach der Jahrhundertwende wurden Chaluzim zu einer Massenbewegung. Bald entstanden in verschiedenen Ländern Jugendorganisationen wie »Hechaluz« in Russland, »Hashomer Hatzair« in Galizien oder »Gordonia« in Polen, die sich der Vorbereitung neuer Chaluzim widmeten. Junge Leute wurden auf speziellen Bauernhöfen (hachschara) ausgebildet, dann wurde ihnen geholfen, nach Palästina zu kommen.

Während die deutschen Jugendlichen auf ihren Landwanderungen nach Abenteuern suchten und am Lagerfeuer Volkslieder sangen, wurden die jungen Juden in Palästina früh mit dem Ernst des Lebens konfrontiert: Ihr Naturerlebnis wurde die harte, aufopferungsvolle Arbeit bei der Kultivierung des unfruchtbaren Bodens, ihre Gemeinschaft war der Kibbuz, in dem man auch die Selbstverteidigung in einer feindseligen Umgebung übernehmen musste. Ihre Volkslieder schufen sie selbst, sie waren ein Spiegel ihres Lebens und ihrer Arbeit in der neuen Heimat, und sie wurden auf Hebräisch gesungen – einer Sprache, die für die meisten keine Muttersprache war.

»Die meisten Beobachter«, berichtete ein Zeitgenosse, »die den neuen Charaktertyp gesehen haben, der in diesen Siedlungen entstanden ist, sind beeindruckt von der Fröhlichkeit dieser Leute. Trotz häufiger Enttäuschungen, trotz fortwährender Not, trotz täglicher, harter Arbeit schienen diese Männer und Frauen bemerkenswert glücklich zu sein.«

Es ging nicht nur um Lagerfeuerromantik, sondern um die Zukunft.

In seinem Referat »Kulturarbeit« bei einem zionistischen Delegiertentag sprach Martin Buber darüber: »Wir wollen nicht ›Kultur‹, sondern Leben. Wir wollen das jüdische Leben umgestalten. (…) Wir wollen aus dem Leben von Juden ein jüdisches Leben machen.« Dieses neue jüdische Leben, das auf Prinzipien der Gerechtigkeit, Eigenverantwortung, produktiven Arbeit, Würde und Reinheit gründete, spiegelt sich in den vielen Liederbüchern der zionistischen Jugendbewegung, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts erschienen. Eines der ersten war das Vereinsliederbuch für Jung‐Juda des Jüdischen Turnvereins Bar Kochba Berlin von 1902, das in den folgenden Jahren in mehreren Auflagen erschien.

TURNEN Dieser erste jüdische Turnverein, der an Max Nordaus Aufruf, »wieder ein Muskeljudentum zu schaffen«, anknüpfte, wurde bereits im selben Jahr 1898 in Berlin von jüdischen Studenten gegründet. Die Musik spielte bei seinen Aktivitäten eine herausragende Rolle: »Das Turnen wollten wir pflegen, das ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, die Pflicht zur Disziplin schafft und uns mit seinen Liedern und seinem fröhlichen Treiben über den Alltag hebt.«

Das populärste Lied aus der Sammlung wurde »Wohlan, lasst das Sinnen und Sorgen« mit einem Text von Theodor Zlocisti, einem zionistischen Dichter und Mitglied des Vereins, zu einer Opernmelodie des deutschen romantischen Komponisten Heinrich Marschner (1795–1861). Lediglich drei Lieder aus dieser Sammlung enthalten hebräische Texte.

Anders wurde das nur einige Jahre später vorbereitete Blau‐Weiß Liederbuch (1914) gestaltet, das von der Führerschaft des Jüdischen Wanderbundes Blau‐Weiß Berlin herausgegeben wurde und im Berliner Jüdischen Verlag erschien. Die »Blau-Weiß«-Gruppen knüpften an den in der deutschen Wanderbewegung praktizierten Naturkult und das »Männlichkeitsideal« an. Kein Wunder, dass das Liederbuch zahlreiche Lieder der Wandervögel, vor allem aus dem Zupfgeigenhansl, enthält.

Akzente Besonders in der zweiten Auflage von 1918 wurden aber auch eigene Akzente gesetzt: In einem Viertel der über 160 Lieder wurden hebräische und jiddische Texte vertont. Der Herausgeber Leo Kopf betonte in seinem Vorwort: »In dieser Zeit ist unser Verhältnis zu den Liedern unseres Volkes ein anderes, engeres geworden (…). Denn was in der ersten Auflage nur ein Versuch schüchterner Romantik, ein tastendes Bemühen um die Wiederbelebung des jüdischen Volksliedes für die weltliche Judenheit war, das ist heute ein Ausdruck unserer eigensten Wesensart geworden. Es ist nicht übertrieben, wenn wir behaupten, dass sich das jiddische und das hebräische Lied (…) in unserem Herzen einen Platz errungen haben.«

Ab den späten 20ern steht Tanzfolklore aus Palästina im Mittelpunkt.

Ab den späten 20er‐Jahren steht die Lied‐ und Tanzfolklore aus Palästina im Mittelpunkt des Repertoires der jüdischen Jugendbewegung. Publikationen und Verbreitung der Lieder aus Palästina wurden unter anderem vom Jüdischen Nationalfonds (Keren Kayemeth LeIsrael) gefördert, wie etwa das Liederbuch Misimrat haarez (Von den Liedern des Landes) von Solomon Rosowsky, das 1929 im Verlag des »Weltverbandes der hebräischen Jugend« in Warschau erschien und 1935 im Pariser Verlag Salabert nachgedruckt wurde.

Beide Ausgaben wurden vom KKL finanziert. »Der Keren Kayemeth LeIsrael, in dessen Auftrag ich diese Lieder sortierte und bearbeitete«, schrieb Rosowsky im Vorwort, »hatte sich die Aufgabe gestellt, die jüdische Jugend in der Diaspora mit Liedern bekannt zu machen, die jetzt in Palästina gesungen werden, und in denen der Pioniergeist mehr oder weniger manifestiert ist.«

Viele dieser Lieder wurden Anfang der 30er‐Jahre vom KKL auf Postkarten gedruckt. Ein Teil der Postkarten wurde an jüdische Institutionen in der ganzen Welt verschickt, der andere kam in den freien Handel und wurde im Briefwechsel zwischen den palästinensischen Juden und ihren Verwandten und Freunden im Ausland benutzt.

NOTEN Insbesondere die Hora – »der Tanz des neuen Palästina, glücklich, jung und hoffnungsvoll« (so die Erforscherin der jüdisch‐palästinensischen Tanzfolklore Corinna Chochem) – mit ihren vielen schwungvollen Melodien wird als Symbol eines neuen Lebens im Geist der Freiheit und Gleichheit populär. »Das Zentralelement des kollektiven Lebens war das Tanzen am Feierabend: Das war nicht nur eine Form der jugendlichen Lebensfreude, sondern auch Ausdruck einer innerlichen mystischen Erfahrung«, schreibt Walter Laqueur in seiner Geschichte des Zionismus.

Als eine der ersten Hora‐Melodien fungierte ein chassidisches Lied ohne Worte, das später mit dem Text »Hava nagila« weltweit bekannt werden sollte. Zum ersten Mal wurde es in Abraham Z. Idelsohns Liedersammlung Sefer haschirim (Berlin 1922) publiziert. Diese Sammlung ist ein interessantes Dokument eines zionistisch‐musikalischen Experiments: Alle Noten werden hier von rechts nach links geschrieben. Diese »hebräische« Notation wurde damals nicht nur von Idelsohn, sondern auch von einigen anderen Musikern praktiziert, sie konnte sich auf die Dauer jedoch nicht durchsetzen.

Auch wenn die späteren Publikationen sich fast ausschließlich auf die hebräischen Lieder konzentrieren, bleiben doch gewisse kulturelle Bande zu den deutschen Ursprüngen der jüdischen Jugendbewegung weiter erkennbar. So ist die von Moshe Narkis 1925 in Jerusalem herausgegebene Liedersammlung Hechaluzim zwar vollständig auf Hebräisch, ihre scherenschnittartigen Illustrationen von Meir Gur‐Arie sind aber wahrscheinlich von den Scherenschnitten aus dem deutschen Zupfgeigenhansl inspiriert.

Der Autor ist Professor an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar und leitet das Kantorenseminar am Abraham‐Geiger‐Kolleg der Universität Potsdam. Gekürzte Fassung eines Vortrags, den er auf der Tagung »Die jüdische Jugendbewegung. Eine Geschichte von Aufbruch und Erneuerung« der Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden (5.–7. Juni, Frankfurt am Main) halten wird.

Glosse

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