Krimi

Walkürenritt und Schweinswürste

»Der weiße Affe« spielt im Berlin der 20er-Jahre, einem Moloch, der an Maupassants Paris und David-Lynch-Grotesken erinnert. Foto: PR

Krimi

Walkürenritt und Schweinswürste

Kerstin Ehmer lässt in »Der weiße Affe« einen jüdischen Kommissar im Berlin der 20er-Jahre ermitteln

von Ute Cohen  09.10.2017 11:52 Uhr

Ein jüdischer Bankier, der sich bei seiner Walküren-Geliebten mit Schweinswürsten überfrisst, der aufgespießte Rotschopf einer polnischen Kostümbildnerin und ein weißer Porzellanaffe – Kerstin Ehmers historischer Krimi Der weiße Affe spielt im Berlin der 20er-Jahre, einem Moloch, der an Maupassants Paris und David-Lynch-Grotesken erinnert.

Der Plot erscheint zunächst simpel: Der Bankier Eduard Fromm wird ermordet im Treppenhaus seiner Geliebten aufgefunden. Der junge, aus der Provinz stammende Kommissar Ariel Spiro geht übereifrig ans Werk und blamiert sich bis auf die Knochen. Vom Liebeskummer geplagt, der Häme missgünstiger Kollegen ausgesetzt, scheint Spiros Großstadt-Exkursion gescheitert. Dann aber ereignet sich ein zweiter Mord, dessen Brutalität den Jagdinstinkt des Kommissars aufpeitscht.

Halluzination Die parallelen Erzählstränge, die Ermittlungen im Fall des ermordeten Bankiers und die Drogenhalluzinationen eines eingesperrten Kindes überkreuzen sich in einem fatalen Ereignis. Spiro irrt durch Berlin, stolpert durch den Modder und macht bei Leydickes süßem Bitter und jüdischer Gans im Scheunenviertel Bekanntschaft mit allerlei Sumpfblüten.

Prostituierte und die aufklärerische Sexualmoral Magnus Hirschfelds treffen auf ausgezehrte, Windeln kochende Proletarierinnen, Zuhälter, Hehler und die Vorboten des Nationalsozialismus. In seinen rauschhaften Streifzügen durch Berliner Biotope verliert sich Spiro in Schein und Sein: Ein jüdischer Bankier wird von seinen Kindern Shylock getauft, nach Shakespeares Kaufmann, dessen Schuldner mit dem eigenen Fleisch büßen müssen. Und wie steht es mit Ariel Spiro selbst: Ist er nach dem Löwen Gottes oder nach Shakespeares versklavtem Luftgeist benannt?

Kommissar Ehmer spielt mit Identitäten und führt den Leser ebenso wie ihren Kommissar auf falsche Fährten. Als Symbol für diese Irrfahrten pflanzt sie gleich zu Beginn den »Weißen Affen« auf. Ob der Porzellanaffe tatsächlich Teil des »Judenporzellans« ist, das Friedrich der Große Moses Mendelssohn zum Kauf gegen das Privileg einer Heirat aufgezwungen hat, ist historisch nicht belegt. Um den Affen ranken sich Geschichten, die so unwahr und so wahr sind wie das Jüdischsein der Hauptfiguren. Der Porzellanaffe steht im Biedermeier-Puppenstübchen der Prostituierten, wird vererbt an die Bankierstochter, die freidenkerische Amazone Nike, und zerschellt schließlich in einem Audi-Erben-Suppen-Aufprall auf der Gitschiner Straße.

Er steht symbolisch für Antisemitismus, verlorene Identitäten und animalische Rohheit. Ariel Spiro verfolgt er bis in seine Träume: »Auf einem hohen, dreibeinigen Tisch hockt er selbst, gemacht aus Porzellan, hält mit kurzfingrigen, haarigen Händen seinen langen haarigen Schwanz, große Zähne grimassieren ein Grinsen im weißen Affengesicht.« Erst nach Auflösung der Mordfälle und einem Gespräch mit der Mutter findet Spiro Erlösung. Der Konflikt zwischen Assimilation und Selbstbehauptung zersplittert wie der Affe, Symbol der Grausamkeit der Obrigkeit gegen jüdische Denker.

Ehmer begleitet die Entlarvung, die Suche ihres Kommissars in einer Sprache, die trotz ihrer bildlichen Strahlkraft weder anbiedernd noch falsch wirkt. Der Metaphernreichtum passt zu Figuren, die sich selbst als erschaffen fühlen »wie ein Golem«, verkleidet und geschmückt oder tönern und leer. Und trotz aller Grausamkeit schenkt Ehmer uns einen Hoffnungsschimmer. Ariel Spiro ist ein Retter: »Im Talmud steht, dass die Welt trotz all ihrer Sünden nicht untergeht, solange auf ihr noch 36 Gerechte leben, die in der Not mittels ihrer selbstlosen Taten uns alle retten.« Berlin ist nicht verloren.

Kerstin Ehmer: »Der weiße Affe«. Pendragon, Bielefeld 2017, 280 S., 22 €

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Fünf Gründe, den jüdischen Staat zu lieben – mit all seinen Stärken und Schwächen

von Daniel Neumann  13.04.2026

Berlin

Auschwitz-Überlebende fordern Konzertverbote für Kanye West

Kanye Wests geplante Shows in Polen und Italien sorgen für Empörung. Holocaust-Überlebende fordern von Regierungen und Veranstaltern ein klares Signal - wie zuletzt aus Großbritannien

 11.04.2026

Essay

Zwischen Räumen

Wenn der Maler Navot Miller im Flugzeug sitzt, ist er in einer Welt, die ihn für eine kurze Zeit vor der Schwere der Realität schützt. Gedanken von unterwegs

von Navot Miller  10.04.2026

Iran-Krieg

Europa darf Israel nicht im Stich lassen

Während die USA und Israel der Bedrohung durch das Mullah-Regime militärisch begegneten, standen die Europäer an der Seitenlinie und übten Kritik. Die nun herrschende Feuerpause gibt ihnen Gelegenheit, ihre Haltung zu überdenken

von Rafael Seligmann  10.04.2026

Netflix-Dokumentation

Der Mann, der die Chili Peppers Red Hot machte

Man kann ohne weiteres behaupten, dass die Rockwelt ohne Hillel Slovak weniger bunt wäre. Eine Streaming-Doku hat dem in Israel geborenen ersten Gitarristen der Chili Peppers ein Denkmal gesetzt

von Richard Blättel  07.04.2026

Antisemitismus

London verweigert US-Skandalrapper Kanye West die Einreise

US-Skandalrapper Kanye West darf nach seinen antisemitischen und rassistischen Aussagen nicht nach Großbritannien reisen. Das hat auch gravierende Auswirkungen auf das mit ihm geplante Festival

 07.04.2026

Weltglücksbericht

Israelis und die Freude am Leben

Trotz Kriegen und Terror landet der jüdische Staat weit vorn auf Platz 8. Die Forscherin Anat Fanti erklärt, warum

von Sabine Brandes  06.04.2026

Jazz

Omer Klein: »The Poetics«

Der israelische Pianist hat ein neues Album veröffentlicht. Es ist ein analoges Klangerlebnis, das innere und äußere Räume weit öffnet

von Ayala Goldmann  06.04.2026

Iryna Fingerova

»Man darf Kulturen nicht vergleichen«

Die Schriftstellerin und Ärztin über die Folgen einer Emigration, ihr Verhältnis zur Ukraine und das Leben als Jüdin in Deutschland – allesamt auch Themen ihres Romans »Zugwind«

von Maria Ossowski  05.04.2026