Kulturgeschichte

Vorsicht, Blutsauger

Blut- und geldgeil: Dracula Foto: cinetext

Kulturgeschichte

Vorsicht, Blutsauger

Basiert der Dracula-Mythos auf klassischen antisemitischen Stereotypen?

von Michael Wuliger  25.07.2011 19:17 Uhr

Er stammt aus Osteuropa, trägt schwarze Kleidung, scheut das christliche Symbol des Kreuzes und praktiziert heimlich blutrünstige Rituale. Die Rede ist von Dracula. 1897 veröffentlichte der irische Schriftsteller Bram Stoker seinen gleichnamigen Horrorroman und schuf damit einen bis heute populären Mythos. Unzählige Vampirromane sind seitdem geschrieben worden, zuletzt Stephenie Meyers erfolgreiche Bis(s)-Bestsellerreihe.

Auch Dutzende Filme haben das Blutsaugermotiv aufgegriffen, angefangen bei Friedrich Wilhelm Murnaus Klassiker Nosferatu, Symphonie des Grauens aus dem Jahr 1922 über Francis Ford Coppolas Bram Stoker’s Dracula bis zu der beliebten Teenie-Fernsehserie Buffy – Im Bann der Dämonen.

Das historische Vorbild für den Original-Dracula von 1897 soll Vlad der Pfähler (1431-1476) gewesen sein, ein rumänischer Adeliger, der sich als Herrscher der Walachei durch besondere Grausamkeit auszeichnete. So ließ er seine Feinde bei lebendigem Leib auf Pfähle spießen, wo sie langsam und qualvoll starben – daher sein Beiname.

ostjuden Aber stand tatsächlich der transsylvanische Despot Pate für Dracula? Oder war eine ganz andere Art Osteuropäer Vorbild? Das glaubt die amerikanische Wissenschaftlerin Sara Libby Robinson von der renommierten Brandeis University. In ihrer Studie Blood Will Tell: Vampires as Political Metaphors Before World War I stellt sie die These auf, dass Stoker, als er seine Romanfigur schuf, Juden im Visier hatte.

Draculas Gesichtszüge zum Beispiel, schreibt Robinson, »sind stereotypisch jüdisch ... seine Nase ist krumm, er hat buschige Augenbrauen, spitze Ohren und krallenartige, häßliche Finger«. Gängigen antisemitischen Phobien im Zeitalter der Assimilation entspräche auch, dass »Dracula sich stark bemüht ... sich dem Rest der Bevölkerung anzupassen«. Seine Andersartigkeit lebt er heimlich nachts aus.

Für Robinson ist es kein Zufall, dass Stokers Dracula zeitgleich mit der großen ostjüdischen Einwanderungswelle nach England Ende des 19. Jahrhunderts herauskam. Der massenhafte Zuzug dunkelhaariger, ungetaufter und mit seltsamem Akzent sprechender Fremder weckte xenophobe Affekte in weiten Teilen der Bevölkerung.

Der christlich-angelsächsische Charakter der Nation sei gefährdet, war zu hören. Dass Dracula sein Blut mit dem seiner Opfer vermischt und sie dadurch selbst zu Vampiren werden, interpretiert Robinson als Metapher für die als Schreckgespenst an die Wand gemalte »Fremdverrassung« Englands.

ritualmord Womit wir bei Draculas wesentlichem Charakterzug sind, der für die Forscherin auch den Kern des antijüdischen Motivs bei Stoker ausmacht: die Blutsaugerei. Hier sieht Robinson zwei Topoi vereint. Zum einen die klassische Ritualmordlegende, nach der Juden Christenkinder schlachten, um aus deren Blut zu Pessach Mazzen zu backen.

Diese Vorstellung stammt aus dem Mittelalter, war aber zum Zeitpunkt, als der Roman entstand, immer noch weit verbreitet. So kam es etwa 1900 im ostpreußischen Ort Konitz zu einem Pogrom, nachdem die zerstückelte Leiche eines Jungen aufgefunden worden war. Der jüdische Schächter des Ortes wurde des Ritualmords beschuldigt.

Moderner war ein zweites Blutsaugermotiv, das nach Robinson in Stokers Draculalegende einfloss: das Bild vom jüdischen Kapitalisten. Eine bis heute wirkungsmächtige Metapher: Im Internet taucht in der kruden antikapitalistischen Agitation sowohl von rechts wie links der blutsaugende, hakennasige Ausbeuter immer wieder auf.

Auch bei Bram Stoker ist Dracula nicht nur blut-, sondern auch geldgierig. Robinson zitiert in einer Fußnote eine Schlüsselszene gegen Ende des Romans. Jonathan Harker, der positive Held des Buchs, hat Dracula kurz vor Sonnenuntergang gestellt. Er attackiert den Vampir mit einem Messer: »Die Spitze schnitt durch den Stoff von Draculas Mantel. Ein Bündel Banknoten und Goldmünzen fiel heraus. ... Im nächsten Moment hechtete Dracula unter Harkers Arm hinweg, raffte eine Handvoll des Geldes vom Boden und rannte durch den Raum.«

Sara Libby Robinson: »Blood Will Tell: Vampires as Political Metaphors Before World War I«, Academic Studies Press, Brighton/Massachussets, 2011, 250 S., 59 US-$

Kulturkolumne

Über Langzeitbeziehungen und Affären

Warum ich Esther Perel verehre

von Laura Cazés  04.06.2026

Frankfurt

Eher »OY« als »YO«

In »Mishpocha« thematisiert das Jüdische Museum Kernfamilie, Wahlverwandtschaft und popkulturelle Gemeinschaft in Bild und Sound

von Eugen El  04.06.2026

Diplomatie

Lebendiges Netzwerk

30.000 Euro für die deutsch-israelische Zusammenarbeit: Botschafter Ron Prosor zeichnet vier wegweisende Initiativen aus

 03.06.2026

Musik

Barry Manilow: Comeback mit neuem Album und Videoclip aus Schönefeld

Der legendäre Sänger hat eine Lungenkrebs-Operation hinter sich und Angst um seine Stimme. Einige seiner neuen Lieder sind melancholisch ausgefallen

von Imanuel Marcus  03.06.2026

Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen

Leipziger Fotoausstellung zu jüdischem Leben

Die Ausstellung »Momentaufnahme. Das Fotoarchiv Mittelmann« stellt u.a. die Familie des Fotografen vor

 03.06.2026

TV-Tipp

»Robert Lembke - Wer bin ich?« -Doku-Drama über die TV-Legende

»Robert Lembke - Wer bin ich« ist ein kluger Film über Verdrängung, Volksbildung und das Schweigen einer TV-Legende über die eigene Vergangenheit

von Jan Lehr  02.06.2026

Programm

Klang, Gang und Streisand: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 3. Juni bis zum 10. Juni

 02.06.2026

Film

Die Entwirrung der UNRWA

Eine neue Dokumentation beleuchtet Geschichte, Auftrag und politische Rolle des Palästinenserhilfswerks

von Maria Ossowski  02.06.2026

Punta Cana

Gal Gadot und Mila Kunis zeigen sich entspannt im Karibikurlaub

Die jüdischen Schauspielerinnen gehen in Puerto Rico ganz besonderen Freizeitaktivitäten nach

 02.06.2026