Lizzie Doron

Vor dem Abriss in Neve Zedek

Die israelische Schriftstellerin Lizzie Doron wurde 1953 geboren und lebt heute in Tel Aviv und Berlin. Foto: Gregor Zielke

Lizzie Doron

Vor dem Abriss in Neve Zedek

In ihrem neuen Roman setzt sich die israelische Autorin mit der Gentrifizierung in Tel Aviv auseinander

von Till Schmidt  31.10.2023 14:31 Uhr

Rivi Greenfeld steht täglich am Fenster und blickt hinaus. Die vereinsamte Rentnerin schaut auf das Treiben in ihrem Viertel, dem hippen Neve Zedek, nah am Strand von Tel Aviv. Vor allem aber starrt Rivi Greenfeld ins Leere, so wie es bereits ihre Mutter getan hat. Gefühle und Erinnerungen brodeln in ihr schon jahrzehntelang vor sich hin. Als sie ein weiteres Mal vom Gefühl des Ausgeliefertseins erdrückt wird, macht Rivi Greenfeld etwas Ungewöhnliches: Sie äußert sich.

Greenfeld fängt an, E-Mails und WhatsApp-Nachrichten zu schreiben. Die Nachrichten dienen ihr zunächst dazu, sich Luft zu schaffen angesichts des immer näher rückenden Abrisses ihres eigenen Zuhauses. Im Laufe der wenigen verbleibenden Tage kontaktiert sie aber nicht mehr nur die für den Abriss verantwortliche junge Unternehmerin. Greenfeld beginnt unter anderem auch einen Monolog mit einem verstorbenen Liebhaber und ihren Eltern. Zudem reicht sie bei der Akademie für Hebräische Sprache Anträge zur Erweiterung des hebräischen Wortschatzes ein.

Rückschau auf das eigene Leben

Ob frühmorgens, tagsüber oder in den vielen schlaflosen Nächten, Greenfelds Gedankenfluss entwickelt sich zu einer selbstkritischen Rückschau auf ihr eigenes Leben. Nicht von individuellem Glück, bereichernden zwischenmenschliche Beziehungen oder der gelungenen Entwicklung der eigenen Persönlichkeit erzählt die 69-Jährige. Im Zentrum stehen stattdessen wirkmächtige Illusionen und verpasste Chancen. Rivi Greenfeld ringt mit ihrer eigenen Handlungsmacht in einer Situation, in der ihr bewusst wird, dass sie vieles nicht mehr ändern kann.

Greenfeld ist die Protagonistin von Lizzie Dorons neuem Roman Nur nicht zu den Löwen. Auf weniger als 200 Seiten erzählt die israelische Autorin von der existenziellen Erfahrung eines Menschen, der sein Zuhause verliert. Vordergründig geht es dabei um die gerade in Neve Zedek unübersehbare Gentrifizierung Tel Avivs. Auf kunstvolle Weise verbindet Doron mehrere thematische Stränge, die das Buch zu einem beeindruckenden Lese­erlebnis machen.

Zur Sprache kommen Greenfelds Erfahrungen sexueller Gewalt und mit subtileren Formen der Herabwürdigung. So wurde Rivi etwa gerade im Berufsleben auf ihre äußere Schönheit reduziert und damit als Journalistin kleingehalten. Bislang suchte Greenfeld die Verantwortung hierfür jedoch kaum bei den handelnden Personen. Den männlichen Blick von außen hatte sie ihr Leben lang internalisiert. Das beginnt sie in ihrer Rückschau zu reflektieren. Doch noch immer ist ihre Selbstsicht von Minderwertigkeitsgefühlen, Scham sowie der Infantilisierung durch andere geprägt.

Der immer näher rückende Abriss triggert zudem Greenfelds Trauma als Angehörige der zweiten Generation von Schoa-Überlebenden. Sie parallelisiert die Erfahrung ihrer eigenen Entwurzelung mit der Geschichte ihrer aus Europa stammenden Eltern. »Am Tag der Vollstreckung« hofft Greenfeld für einen Moment, dass sich das Klopfen an ihrer Tür als ein Signal des Propheten Eljahu entpuppt. Doch es ist die »Soldateska des Räumungsunternehmens«, die Greenfeld mit nichts Geringerem als mit einem kämpferischen: »Am Israel Chai – Das Volk Israel lebt« empfängt.

Melancholischer und verletzlicher Ton

Nur nicht zu den Löwen ist ein intimes Buch, das Doron in einem melancholischen und verletzlichen Ton geschrieben hat. Explizite politische Schlussfolgerungen legt der Roman nicht nahe, auch wenn das Wissen um die politischen Positionen von Lizzie Doron Bezüge über den Text hinaus herstellen lässt. So zur israelischen Protestbewegung, die ebenfalls um den Erhalt ihrer Heimat als jüdisch-demokratischer Staat kämpft. Oder zur Flucht und Vertreibung von Palästinensern im Zuge des israelischen Unabhängigkeitskrieges – und zu den aktuellen Massakern der Hamas.

Rivi Greenfelds Schilderung ihres eigenen Lebens wird durch einen versöhnlichen Schluss aufgefangen. Nur nicht zu den Löwen ist ein berührender Roman nicht nur über das Leiden, sondern auch über das Erinnern.

Lizzie Doron: »Nur nicht zu den Löwen«. Roman. Übersetzt von Markus Lemke. dtv, München 2023, 192 S., 23 €

Debatte

Danger Dan und Igor Levit: So reagiert »Die Anstalt« in ihrer Sendung auf die Absage des ZDF

In seiner Jubiläumssendung geht es ausführlich auf den Streit ein

 19.07.2026

NRW

Minister sieht bei Danger Dan-Song Nähe zu Extremisten

Der Rapper Danger Dan darf einen neuen Song nicht in der Satiresendung »Die Anstalt« präsentieren. Nun meldet sich der NRW-Medienminister zu Wort, der auch im ZDF-Fernsehrat sitzt

 18.07.2026

Zahl der Woche

70 Prozent

Fun Facts und Wissenswertes

 18.07.2026

Kommentar

Absage an Danger Dan und Igor Levit: Das ZDF hat absolut richtig gehandelt

Nicht alles, was nicht justiziabel ist, muss auch gesendet werden. Schon gar nicht unverhohlene Aufrufe zur linksextremen Gewalt und Verherrlichung der »Hammerbande«-Terroristen

von Philipp Peyman Engel  18.07.2026 Aktualisiert

WM-Nachlese mit Marcel Reif

»Man muss Infantino zum Teufel jagen und die FIFA auflösen«

Der Moderator und Fußballexperte spricht im Interview über seine persönlichen Highlights und Enttäuschungen der WM, über surreale Argentinier und die Sinnhaftigkeit der Trinkpausen

von Michael Thaidigsmann  17.07.2026

Aufgegabelt

Zum Dippen: Tarator

Rezepte und Leckeres

 17.07.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Themen der Jüdischen Allgemeinen

 17.07.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Sommerfrische oder Warum die Blütezeit dieses nostalgischen Wortes vorbei ist

von Nicole Dreyfus  17.07.2026

Lesen

Welches Buch am Strand?

Redakteurinnen und Redakteure der Jüdischen Allgemeinen geben Tipps für die Urlaubslektüre

 17.07.2026