Debüt

Von Teheran nach Zürich

»An einem grauen Sonntagnachmittag riss meine Tragetasche im Terminal des Zürcher Flughafens.« Mit diesem eigentlich banalen Satz leitet Kathy Zarnegin in ihrem ersten Roman Chaya die Beschreibung des ersten Ortswechsels im noch jungen Leben ihrer Hauptfigur ein. Es geht um das 13‐jährige Mädchen, das seine jüdischen Eltern aus Teheran zu Verwandten in die sichere Schweiz schicken. Denn im Iran stehen die Zeichen auf Sturm: Die Mullahs mit Ayatollah Khomeini an der Spitze machen sich daran, den pro‐westlichen Schah zu entmachten und ein fundamentalistisches Régime zu errichten. Der Iran ist für Juden kein guter und sicherer Ort mehr zum Leben.

Man schreibt das Jahr 1979: »Wir verstanden nicht, woher plötzlich die ganze Wut kam. Unsere Familie war wie fast alle jüdischen Familien politisch nicht aktiv. Aber natürlich schlummerte auch die nicht unbegründete Angst vor Antisemitismus in ihnen.« Hinter sich lässt die Roman‐Protagonistin Chaya also eine mehr als unsichere Gegenwart und nebenbei auch ihre ganze Familie. Im neutralen und so friedlichen neuen Land mitten in Europa muss sie aber ganz schnell eine neue Sprache lernen und – mindestens ebenso schwierig – ziemlich rasch auch erwachsen werden. Das gelingt ihr zwar gut, doch Migration bedeutet immer auch, Geliebtes zurückzulassen – materielle Dinge ebenso wie Geistiges.

Migration Die von Chaya geliebte persische Sprache zum Beispiel. »Was passiert mit einer Sprache, die wir nicht mehr sprechen, die aus uns nicht mehr heraus kann und die nicht mehr zu uns spricht?«, fragt sie sich, nachdem sie in Zürich ankommt. »Setzt sie Staub an wie Bücher, die man in einem Regal stehen lässt und nicht mehr anfasst? Kann man sie Jahre später mit einem Staubfänger entstauben, und steht sie dann wieder im alten Glanz zu unseren Diensten? Und was macht sie in uns, wenn sie nicht mehr gesprochen wird? Schrumpft sie? Zerbröckelt sie wie Knäckebrot?«

Wie ihr dieser Wechsel zwischen zwei Welten gelingt, davon handelt Chaya nicht zuletzt auch. »Und weg war die Kindheit«, heißt es über Zarnegins Heldin, nachdem sie sich in der ihr fremden Schweiz einzuleben versucht. Als Chaya etwas älter ist, möchte sie Schriftstellerin werden und gründet – eher ungewöhnlich – erst einmal eine Literaturagentur, in der sich zahlreiches, mitunter etwas kurios wirkendes, Personal tummelt. Zugleich arbeitet sie für ein Ehepaar namens Eisberg, das im sicheren Basel eine Sprachschule betreibt. Das geht natürlich nicht ohne diverse Seitenhiebe und Anspielungen auf den Schweizer Literaturbetrieb, den Kathy Zarnegin offensichtlich auch aus nächster Nähe verfolgt und darüber auch aus einer Insidersicht schreiben kann. Das hat durchaus einen gewissen Unterhaltungswert, auch wenn man diesen Betrieb selbst nicht kennt.

Ausführlich beschreibt Chaya ihre diversen Liebhaber, und auch da geht sie mit einer gewissen ironischen Distanz zu Werke. Da ist zum Beispiel David, der Bonvivant und offensichtliche Frauenliebling, der seine sehr eigene Art hat, mit Chaya umzugehen: »David besaß einen Ordner mit vielen Briefen und Kommentaren von mir. Der Ordner trug den Titel ›Chaya tobt‹.«

liebhaber Nicht schwer zu erraten, dass es mit David ebenso wenig zu einem Happy End kommt wie mit Erik, der ihr zuerst als gewöhnlicher Skiverkäufer entgegentritt und später mit einem Stipendium nach London geht. Dort, so schreibt er Chaya begeistert, schaut er interessiert »der Stadt unter den Rock«. Was Chaya zur baldigen trockenen Feststellung bringt: »Der Rock, den London trug, hieß Olivia« – auch diese Beziehung endet abrupt.

Beiden aber schreibt sie Briefe, die eine ironische Distanz zur Haupthandlung schaffen. Beispielsweise wenn Chaya sich in einem Brief an David über die »blutleeren Europäer« beklagt, »die den Buddhismus lieben, weil er niemandem weh zu tun scheint«, dabei die blutige Seite in der Vergangenheit dieser Religion aber ausblenden und gleichzeitig »ihren Nachbarn verdammen, der vermutlich ein ihnen komplett ähnliches Leben führt, abgesehen davon, dass er seinen Sohn beschneidet«. Eine durchaus starke Absage an einen gewissen Zeitgeist ist hier zu finden.

Dennoch ist Chaya eine Frau, die sich in der beschaulichen Schweiz ganz gut eingerichtet hat, die jedoch nicht nur bei den Telefonaten mit ihrer im Iran lebenden Mutter immer wieder an ihr anderes, früheres Leben erinnert wird. Das Bindeglied zwischen den beiden Welten stellt dabei Chayas jüngere Schwester Mirella dar, die zu Besuch kommt und aus dem Iran sogar Putzmittel mitbringt.

ironie Der Wechsel zwischen den beiden Welten macht im Ganzen den Reiz des Romans aus, auch wenn es scheinen mag, dass die Autorin bei der Beschreibung ihrer Teheraner Jahre mitreißender ins Erzählen kommt, als bei ihrem Erwachsenenleben in der Schweiz, das in seiner Ironie manchmal etwas distanziert wirkt.

Man liegt wohl nicht ganz falsch, wenn man vermutet, dass es vor allem die iranischen Jahre sind, die Kathy Zarnegin, Publizistin, Lyrikerin und als solche auch Mitorganisatorin eines bekannten Lyrikfestivals in Basel, tatsächlich so erlebt hat. Auch wenn die heute 53‐jährige Psychoanalytikerin, die in Basel eine Praxis für Liebeskummer betreibt, auf die Frage, wie viel die Romanheldin denn von ihr selbst habe, in einem Interview kürzlich sagte, sie habe zu Chaya ein »liebevoll distanziertes Verhältnis«.

In jedem Fall ist es ebenjene glaubwürdige Schilderung einer Frau, die sich in zwei Welten behaupten muss und ihr dies trotz aller Niederlagen offensichtlich auch gelingt. Nicht zuletzt deshalb ist das Buch so mitreißend und spannend zu lesen. Nach dem Romandebüt der Lyrikerin hofft man durchaus auf weitere Prosa aus ihrer Feder.

Kathy Zarnegin: »Chaya«. Weissbooks, Frankfurt am Main 2017, 300 S., 20 €

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