Berlin

Von Gretel Bergmann zu Sarah Poewe

Monika Grütters wählte merkwürdige Worte, um ihre Anerkennung für die Ausstellung »Zwischen Erfolg und Verfolgung« auszudrücken. »Beiläufig« könne man sie vor dem Berliner Hauptbahnhof anschauen, ja, »im Vorbeigehen«.

Seit vergangenem Donnerstag laden 17 Plastikskulpturen auf dem Washingtonplatz zum Innehalten ein. 2,5 Meter hoch, befestigt auf Betonsockeln, jeweils mit Vorder- und Rückseite, gefördert von der DFB-Kulturstiftung. Anlässlich der European Maccabi Games 2015 (EMG) haben Sporthistoriker der Universitäten Potsdam und Hannover die Porträts in dieser Form zusammengestellt, um jüdische deutsche Sportlerlegenden zu ehren.

Videos Die Vorderseiten zeigen die jüdischen Spitzensportler in Aktion – wie etwa den Fußballnationalspieler Julius Hirsch, jubelnd nach einem Tor, oder den Schachweltmeister Emanuel Lasker, der sitzend über dem nächsten Zug grübelt. Auf den Rückseiten kann man zweisprachige biografische Notizen nachlesen. QR-Codes ermöglichen zudem Einblicke in Videos und historische Originaltöne. Sechs der Sportler, an die die Ausstellung erinnert, wurden ermordet – Julius Hirsch in Auschwitz und Lilli Henoch, zehnfache deutsche Leichtathletikmeisterin, in Riga.

Andere jüdische Sportler wie Emanuel Lasker oder Amateur- und Profiboxer Erich Seelig konnten sich ins Exil retten. Gretel Bergmann, die frühere Weltklassehochspringerin, deren Start die Nazis bei Olympia 1936 verhinderten, feierte im April in New York ihren 101. Geburtstag.

Sarah Poewe, die erste jüdische Olympiamedaillengewinnerin für Deutschland seit 1936, arbeitet nun als Trainerin in Wuppertal und ist Patin der EMG. »Dass Sarah Poewe hier zu sehen ist«, lobt Alon Meyer, Präsident von Makkabi Deutschland, »ist der Übergang zur heutigen Zeit.« Die Weltklasseschwimmerin Poewe habe die Idee von Europäischen Makkabi-Spielen in Berlin von Beginn an mit großem Engagement unterstützt, sagt Meyer.

Konzept »Die Menschen wollen in einer Ausstellung nicht viel lesen, sondern Bilder sehen«, erklärt Lorenz Peiffer, Sporthistoriker aus Hannover, das Konzept. »Da wir aber auch biografische Daten nennen mussten, war es schwierig. Wenn jetzt so viele sagen, dass es uns gelungen ist, alles verständlich zu präsentieren, freut mich das.«

Die EMG-Organisatoren unterstützen die Ausstellung, die so unaufdringlich und normal vor dem Hauptbahnhof aufgebaut wurde, wie sich der jüdische Sport in Deutschland präsentiert – und wie er ja auch wahrgenommen werden möchte. »Wenn Geld und Platz gereicht hätten«, sagt der Sporthistoriker Hajo Teichler, »hätten wir noch viel mehr Spitzensportler ehren können.«

Denn in der Tat waren Juden im deutschen Sport immer präsent: als Trainer, Athleten, Funktionäre und als Journalisten. Den Zusammenhang zwischen der Beschäftigung mit den NS-Verbrechen und dem heute nicht zuletzt durch die EMG gezeigten jüdischen Leben betont Alexander Iskin. Der in Berlin lebende und aus Moskau stammende Maler tritt beim EMG-Tischtennisturnier an. »Ohne Aufarbeitung wäre Berlin nicht zu der weltoffenen, toleranten Stadt geworden, die sie heute ist.«

EMG Auch Alon Meyer unterstreicht diesen Aspekt und berichtet noch von einem anderen Effekt der EMG. »Wir haben einen großen Zulauf von jüdischen Sportlern«, sagte der Makkabi-Präsident. Es gebe viele Aktive, die sich jetzt – gerade durch das attraktive Angebot, das die EMG darstellen – nicht mehr nur als Sportler, sondern bewusst als jüdische Sportler verstehen.

Dass es also schon immer exzellente jüdische Sportler in Deutschland gab, zeigt die Ausstellung am Berliner Hauptbahnhof. Wessen Zug sich möglicherweise verspätet, kann sie in aller Ruhe betrachten – oder auch »im Vorübergehen« und »beiläufig«.

Die Ausstellung ist noch bis zum 16. August auf dem Washingtonplatz am Hauptbahnhof zu sehen.

Essay

Licht und Schatten

Unser Autor hat vor 38 Jahren die Videoskulptur »Menora/Inventur« geschaffen. Warum sein Kunstwerk demnächst in Prag zu sehen ist – nicht aber in einer Ausstellung in Karlsruhe

von Michael Bielický  25.06.2026

Kulturkolumne

Jenseits der Schlagzeilen – mit Davidstern in der U8

Wie mein Anhänger und ich in der berüchtigten Berliner U-Bahn-Linie auf dem Weg zur Arbeit ignoriert wurden

von Ayala Goldmann  25.06.2026

Welttournee

Ein Jahr nach seinem Tod: Lalo Schifrins letztes Werk geht auf Welttournee

In Erfüllung von Schifrins letztem Wunsch bringt der Komponist und Pianist Rod Schejtman eine Welttournee auf den Weg. Auch im deutschsprachigen Raum soll die Sinfonie »Long Live Freedom« live erklingen

 25.06.2026

Zwickau

Ausstellung zu jüdischen Lebensgeschichten

Im Jahr 2022 ist in Zwickau eine alte Torarolle wiederentdeckt worden. Die Schrift der früheren jüdischen Ortsgemeinde bildet nun das Herzstück einer Ausstellung

 24.06.2026

Programm

Erinnerung, Entwurzelung, Erläuterung: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 25. Juni bis zum 2. Juli

 24.06.2026

Abschied

Musiker betrauern Clive Davis

Von Barbra Streisand über Carole King bis hin zu Billy Joel und von Earth, Wind & Fire bis Santana: Alle verabschieden sich von dem legendären Produzenten in Trauer und Dankbarkeit

von Imanuel Marcus  24.06.2026

Länger leben

Forscher drehen die biologische Uhr zurück

Israelischen Wissenschaftlern gelingt es, Alterungsprozesse in Lebern alter Mäuse umzukehren. Der Traum von der Verjüngung erscheint damit zumindest auf molekularer Ebene denkbar

von Sabine Brandes  23.06.2026

Social Media

Von Saftpäckchen und Zahlencodes

Auf der Online-Plattform TikTok versteckt sich Judenhass häufig hinter Zahlencodes, Emojis und Hashtags. Eine neue Studie untersucht die Besonderheiten des digitalen Antisemitismus

von Leon Stork  23.06.2026

Los Angeles/New York

Hitler-, Grusel- und Helden-Parodien: Mel Brooks wird 100

Nur wenige haben einen Oscar, Emmy, Tony und Grammy gewonnen. Das jüdische Multitalent Mel Brooks zählt dazu. Jetzt wird der Komiker und Regisseur 100 - und zeigt, dass er noch immer Menschen zum Lachen bringt

von Barbara Munker  23.06.2026