Rezension

Von Gottesmördern und »Genozid«

Die Soziologin Eva Illouz Foto: picture alliance / dts-Agentur

Es dauerte nicht einmal Tage, bis nach dem 7. Oktober 2023 die Empathie mit den Opfern des Massakers der Hamas einer zunächst latenten, dann immer lauter werdenden Anklage gegen Israel wich. Der Band Umkämpfte Geschichte. Einsprüche gegen die Umdeutung des 7. Oktober geht dieser Debatte nach. Strukturen des Antisemitismus, Boykottaufrufe, Deutungen und Bedeutungen des Genozidvorwurfs sowie historische Parallelen werden in den Blick genommen; renommierte internationale Autorinnen und Autoren kommen zu Wort.

So untersucht die französisch-israelische Soziologin Eva Illouz, ob es sich bei Antizionismus um eine Form von Antisemitismus handelt. Sie zeigt die identische Binärstruktur auf und analysiert historische Schlüsselmotive des Antisemitismus im Antizionismus: »zerstörerische Macht und böswillige Ränkespiele«. Während es einst Ziel des Zionismus gewesen sei, Juden »Würde und Unabhängigkeit zurückzugeben«, reduziere der Antizionismus Israel auf die israelische Politik und schreibe ihr Schuld und Verbrechen zu. Mit der Verurteilung des Antisemitismus als »Strategie zur Förderung israelischer Interessen« nähmen Antizionisten Juden die Definitionsmacht und entzögen sich a priori dem Vorwurf des Antisemitismus, während sie ihn zugleich reproduzierten. Als weltweit einzige nationale Bewegung werde der Zionismus zum »generativen Prinzip des Bösen« erklärt, zum »absoluten Antiprinzip«.

Auch im Beitrag des Historikers und Autors Doron Rabinovici werden historische Parallelen sichtbar: Der Boykott Israels, der bereits 1948 begonnen habe, fokussiere keine politischen Positionen, sondern erfolge aufgrund von jüdisch-israelischer Identität. Die Ausgrenzung, der noch vor einiger Zeit der »Gasgeruch von Auschwitz« angehaftet habe, sei heute »eine Meinung unter anderen«. Israel werde zum »Symbol«, das unterschiedlichste Gruppen in ihrem Hass vereine, »islamistisch, links anti-imperialistisch, rechtsextrem identitär oder gar queer-feministisch«.

Eine Analyse des Genozidvorwurfs im Zusammenhang mit der Verharmlosung der Hamas nimmt der amerikanische Historiker Jeffrey Herf vor.

Eine Analyse des Genozidvorwurfs im Zusammenhang mit der Verharmlosung der Hamas nimmt der amerikanische Historiker Jeffrey Herf vor. Er belegt anhand der Gründungscharta und der folgenden Hamas-Rhetorik und -Politik, dass es Ziel und Strategie der Terrororganisation war, Israel in eine Position notwendiger Selbstverteidigung zu zwingen, während palästinensische Zivilisten und Kinder im Sinne der Propaganda als Opfer willkommen waren. Die Handlungsfähigkeit der Hamas werde international ignoriert, sie werde »als unschuldiges Opfer« inszeniert. Jahrhundertealte »tief verwurzelte Hassgefühle« gegen Juden als Gottesmörder und Weltverschwörer würden somit im Genozidvorwurf wirksam. »Der hinterlistig verlogene und mörderische Jude von einst wird als rassistischer und kolonialistischer Zionist wiedergeboren«.

Schließlich resümiert die Schriftstellerin Dana von Suffrin, die Jahre des »goldenen Zeitalters« von den 90er-Jahren bis 2023, als Juden »kurz Deutsche sein durften«, seien vorbei. Selbst wenn diese eigentlich »Messingjahre« gewesen seien, da sich ein »Josef-Fritzl-Antisemitismus« im Keller versteckte, habe Deutschland sich radikalisiert, seit sich 2023 der Anlass bot, Juden offiziell zu hassen. Auch von Suffrin sieht historische Parallelen zu den vergangenen Jahrhunderten, »weil die Leute Antisemiten sind, in jeder Ära«.

Die Lektüre dieses Bandes offenbart verschiedene Blickwinkel auf eine parallele Entwicklung: Vom religiösen Antijudaismus bis zu modernem Antisemitismus scheinen Elemente in modifizierter Form auf und entfalten sich entlang der identischen Struktur, die Juden ausgrenzt und als das absolut Böse identifiziert. Die sachlich-wissenschaftlichen Ansätze, die man von den versammelten Autorinnen und Autoren gewohnt ist, sind mit emotionalen Passagen angereichert, ein essayistischer Stil verwebt das subjektiv-individuelle Erleben mit der Analyse und wirkt damit sehr eindrucksvoll.

Klaus Bittermann und Christoph Hesse: »Umkämpfte Geschichte. Einsprüche gegen die Umdeutung des 7. Oktober«. Edition Tiamat, Berlin 2026, 304 S., 28 €

Tobias Korenke

Tobias Korenke

»Jetzt sind wir als Nachgeborene gefordert«

»Grandios gescheitert«: So hart urteilt Historiker Tobias Korenke über die deutsche Erinnerungskultur. Und hat Änderungsvorschläge. Bonhoeffer-Nachfahre zu sein, hat für ihn durch den AfD-Aufschwung eine neue Bedeutung

von Karin Wollschläger  08.11.2026

Blick aus einem Fenster der Höß-Villa auf Gebäude des ehemaligen KZ Auschwitz

Auschwitz

»Mein Großvater war der größte Massenmörder aller Zeiten«

Kai Uwe Höss ist der Enkel von Lagerkommandant Rudolf Höß. Wie lebt es sich mit dieser familiären Bürde?

 08.11.2026

München

20 Jahre jüdisches Leben im Herzen Münchens: Synagoge Ohel Jakob

Das Judentum ist seit 20 Jahren wieder mitten in der bayerischen Hauptstadt verankert

von Christiane Ried  08.11.2026

Plakat mit der Aufschrift Nie wieder ist jetzt

Gedenken zum 9. November

»Nie wieder«: Ein Appell in der Kritik

In diesen Tagen wird der Opfer der NS-Pogrome von 1938 gedacht. Anlass, öffentlich »nie wieder« zu fordern. Wegen des aktuellen Antisemitismus wollen manche das jedoch nicht mehr hören. Schlaglichter auf eine Debatte

von Leticia Witte  08.11.2026

Tasche mit der Aufschrift Anne Frank – 30 Jahre Anne Frank Zentrum

Berlin

Anne Frank Zentrum: Holocaustleugnung bei Jugendlichen nimmt zu

Die Leiterin des Anne Frank Zentrums Berlin warnt vor Falschinformationen zur NS-Zeit in Sozialen Medien. Ein Grund für die Wissenslücken könne auch ein rückläufiger Stellenwert im Schulunterricht sein, sagt sie

 08.11.2026

Oper

»Da ruft mich jemand«

Das Theater Osnabrück erinnert mit einem eigens komponierten Stück an Peter van Pels. Der Gefährte von Anne Frank im Versteck wurde vor 100 Jahren geboren

von Claudia Irle-Utsch  08.11.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

 08.11.2026

Ruth Ur im Exilmuseum

Berlin

Das Exil ist überall – Berlins neues Museum schlägt Brücken

Während der NS-Zeit war Berlin für viele ein Ort, den sie verlassen mussten. Ein neues Museum verbindet ihre Geschichten mit heutigen Exil-Erfahrungen

 08.11.2026

Befreiung von der Schuld: Wenn Claudia Roth plötzlich wie Björn Höcke klingt

Eine Einordnung von Georg M. Hafner

 07.11.2026