Buch

Von den Verlierern lernen

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Von den Verlierern lernen

Der Historiker Mark Mazower macht die Geschichte der russischen Bundisten am Beispiel seiner eigenen Familie anschaulich

von Marko Martin  26.03.2019 18:14 Uhr

»Mein Vater war nicht sonderlich gesprächig und scheute vor persönlichen Äußerungen zurück wie ein nervöses Pferd.« Deshalb begibt sich sein Sohn, der renommierte britische Historiker Mark Mazower, nach dem Tod des Vaters auf Spurensuche. Sein Buch Was du nicht erzählt hast unterscheidet sich dabei gravierend von jenen Verfertigungen des inzwischen allzu beliebten Genres »Memoir«, die nicht selten vor allem den verquatschten Narzissmus der Nachgeborenen offenbaren, ohne dabei kritische Tiefenschürfung zu betreiben.

Bei Mark Mazower, geboren 1958 in London, ist kein Wort zu viel. Keine ausufernden Spekulationen auch darüber, weshalb sein Vater zeitlebens schwieg, da es doch mitnichten ein dunkles Geheimnis zu bewahren galt. Im Gegenteil: Als Max Mazower, der Großvater des Autors, Anfang der 20er-Jahre aus Vilnius und St. Petersburg nach Großbritannien kam, hatte er eine Vergangenheit, wie sie achtbarer kaum denkbar ist – nämlich als Bundist, Aktivist des »Algemeyner Yidisher Arbeter Bund in Lite, Polyn un Rusland«.

Lenin, Stalin, Wehrmacht: Es überlebten nur wenige Bundisten.

LENIN Als solcher hatte er gegen die zaristische Despotie gekämpft, war nach Sibirien deportiert worden und hatte zusammen mit seinen tapferen Genossen bereits lange vor 1917 Lenins absolutistischen Furor abgelehnt. Was sein Enkel nun recherchiert hat – dank auch des schweigsamen Vaters, der unzählige Dokumente aufbewahrt hatte –, ist weit mehr als eine Familienchronik, sondern gleichzeitig die oftmals herzzerreißende (und dennoch nie sentimental präsentierte) Geschichte der erzdemokratischen jüdischen Arbeiterbewegung. Nach 1917 zerrieben unter Lenin, verfolgt und ermordet unter Stalin, nach dem Einmarsch der Wehrmacht in die Vernichtungslager deportiert, überlebten nur wenige Bundisten.

»Von den Verlierern der Geschichte können wir mehr lernen als von den Gewinnern. Kein Sieg währt ewig – was zählt, ist das, was man aus Niederlagen macht.« Und sei es auch »nur« die atmosphärisch dichte Erinnerung an ein Miteinander, in dem Debatten und Freundschaften zählten, nicht eiskaltes Kalkül und kollektivistische Ideologie. Es sind Epitaphe voller Empathie und historischer Genauigkeit, die Mark Mazower den dahingemordeten Kampfgefährten seines Großvaters errichtet: Anna Rosenthal, Esther Frumkin, Moses Rafes, Henryk Erlich, Victor Alter. Die Spuren von Max Mazowers Bruder Zachar und dessen Familie verlieren sich nach der deutschen Okkupation in Vilnius; höchstwahrscheinlich kamen sie im Ghetto um oder wurden im Massakerwald von Ponary erschossen.

Auch bei den Mazowers gibt es das sprichwörtliche meschuggene schwarze Schaf.

»SÄUBERUNGEN« Wer überlebt hatte und nicht in den Westen emigriert war, wurde häufig zum Täteropfer totalitärer Ambivalenz – etwa wie Nata, die Schwester von Mark Mazowers Großmutter, die – während ihr Bruder im Zuge der stalinistischen »Säuberungen« verschwand – im Auftrag des NKWD Gulag-Häftlinge beim Bau des Wolga-Don-Kanals beaufsichtigt hatte. Dort aber verliebte sie sich in einen Häftling, den sie später heiratete, ehe sie als Ärztin in einem Kriegsgefangenenlager unter anderem Generalfeldmarschall Friedrich Paulus versorgte. Dessen Adjutant, der später in der DDR Karriere machte, beschrieb sie in seinen Memoiren als »Engel von Krasnogorsk«.

Mark Mazower jedoch, der als Teenager die inzwischen hochbetagte Tante bei einem ihrer Besuche in Paris traf, staunte über deren Härte, die so gar nichts von der urbanen Konzilianz der übrigen, in Westeuropa lebenden Familie hatte. »›Elle n’était pas drôle, pas du tout‹, lautete das Urteil meines Vetters Patrick.« Der Junge aber bekommt frühzeitig eine Ahnung, was es heißt, in einer Diktatur leben zu müssen – oder sich die Existenz in einer solchen als Dienst an der Utopie schönzureden. Was nicht bedeutet, dass Demokratie per se eine Schule der Luzidität wäre.

Es ist kein Zufall, dass Mazower als Historiker vor allem für seine Bücher über das fragile Europa bekannt geworden ist.

Denn auch bei den Mazowers gibt es das sprichwörtliche meschuggene schwarze Schaf, den unehelichen Großvaterssohn André, der sich als Pro-Monarchist in Franco-Spanien herumtreibt, sich als russischer Adliger ausgibt – und antisemitische Pamphlete in dubiosen Kleinverlagen publiziert.

Doch auch das Leben der restlichen, in Großbritannien heimischen Familie verläuft nicht ohne Konflikte. Freilich: Im Jahr 1955 unternahm Ira, die Halbschwester von Mark Mazowers Vater, eine Burma-Reise. Sie, die Sowjetrussland bereits nach der Oktoberrevolution verlassen hatte, sprach selbstverständlich immer noch Russisch – und gab bei einer Tempelvisite einem offenbar offiziell hierher gereisten Moskauer Funktionär kichernd den Rat: »Ziehen Sie Ihre Schuhe besser gleich hier aus.«

Der Mann war kein Geringerer als Ministerpräsident Bulganin, und noch Jahrzehnte später erinnert sich Tante Ira: »Über Bulganins gebeugten Rücken schaute ich einem der Sicherheitsleute genau in die Augen. Mein Herz machte einen Satz wie ein Kaninchen, und einen erstickenden Moment lang steckte ich in der Haut jener Frau, die ich geworden wäre, wenn ich weiter in Russland gelebt hätte.«

»Was du nicht erzählt hast« ist ein Meisterstück eines ebenso empathischen wie analytischen Erzählers.

Kein Zufall, dass Mark Mazower als Historiker vor allem für seine Bücher über das fragile Europa bekannt geworden ist. Und deshalb mehr als schofelig, dass im Klappentext seiner großartigen Familienbiografie unter seinem Foto kein einziges seiner zahlreichen, auch auf Deutsch erschienenen Werke genannt ist. Engherzigkeit des Verlages, da diese Bücher in anderen Häusern erschienen waren?

Doch wie auch immer: Was du nicht erzählt hast ist ein Meisterstück eines ebenso empathischen wie analytischen Erzählers, der in keiner Zeile in die Falle redseligen Plapperns gerät.

Mark Mazower: »Was du nicht erzählt hast. Meine Familie im 20. Jahrhundert«. Suhrkamp, Berlin 2018, 369 S., 26 €

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