Magier

Von Aliens geküsst

Feiert am 20. Dezember Geburtstag: Uri Geller Foto: imago stock&people

Was haben Besteck und Containerschiffe gemeinsam? Glaubt man dem weltbekannten Illusionskünstler und Magier Uri Geller, der dieser Tage seinen 75. Geburtstag feiert, gehorchen beide seinen telepathischen Kräften. Mit Löffeln und Gabeln scheint das alles wunderbar zu klappen, und zwar schon seit einigen Jahrzehnten. Denn nachdem ihn in Israel im Alter von fünf Jahren ein extrem heller Lichtblitz umgehauen haben soll, geriet so manches Familienessen im Hause Geller aus den Fugen. Erst verbogen sich in der Hand des kleinen Uri die Suppenlöffel, anschließend zerbrachen sie in zwei Teile.

Außerirdische sollen ihm damals diese Superkräfte verliehen haben. 20 Jahre später wurde daraus ein Geschäftsmodell, und zwar dank der Vermarktungskünste des amerikanischen Parapsychologen Andrija Puharich, der den Israeli unter seine Fittiche nahm, weil dieser ihm seine in New York vergessene Kameratasche angeblich erst »de- und dann rematerialisiert« hatte, kurzum, sie nach Tel Aviv in sein Hotelzimmer zaubern sollte. Das hatte ihn wohl schwer beeindruckt.

Außerirdische sollen ihm damals seine Superkräfte verliehen haben.

Und nicht nur Puharich. Knapp 13 Millionen Zuschauer staunten im Januar 1974 auch in Deutschland nicht schlecht, als der damals 27-jährige Israeli in der ZDF-Show Drei mal Neun Gabeln verbog und alte, stehen gebliebene Uhren zu neuem Leben erweckte.

CONTAINERSCHIFF Nur mit den Containerschiffen ist das so eine Sache. Als im März dieses Jahres die »Ever Given« im Suezkanal feststeckte und damit eine der wichtigsten Schifffahrtsrouten blockierte, hatte Geller via Twitter Menschen auf der ganzen Welt aufgefordert, genau wie er täglich um 11.11 Uhr morgens und um 11.11 Uhr abends alle ihre Gedanken auf den gestrandeten Riesen-Pott zu fokussieren.

»Das war eine Mammutaufgabe, aber mit eurer Geisteskraft und eurem Selbstvertrauen haben wir alle zusammen das Schiff befreit«, verkündete er voller Stolz, als die Nachricht von der Befreiung des Schiffes sechs Tage später die Runde machte. »Eure positive Energie hat auch dem Bodenpersonal geholfen – ihnen gebührt ebenfalls Anerkennung!«

Oder waren es vielleicht doch eher die Bagger und Schlepper, mit deren Hilfe die »Ever Given« wieder zurück in die Fahrrinne bugsiert werden konnte? Egal – ein Nachprüfen wäre schwierig geworden. Denn wie will man beweisen, dass es eben nicht die telepathischen Fähigkeiten eines Magiers waren, die das alles bewerkstelligt hatten? Allein schon der Versuch wäre idiotisch, weshalb die Methode Geller so wunderbar funktioniert, und das schon seit vielen Jahren.

EUROPAMEISTERSCHAFT Mal erklärte der Magier, dass er während der Europameisterschaft 1996 mit einem Helikopter über dem Wembley-Stadion unterwegs war und allein mit seiner mentalen Power dafür gesorgt haben soll, dass in dem Match England gegen Schottland der Strafstoß des schottischen Spielers Gary McAllister »verbogen« wurde wie einer seiner berühmten Löffel und das englische Tor verfehlte.

Und auch Deutschlands frühes Aus im Achtelfinale der Fußball-EM gegen England im Sommer dieses Jahres soll angeblich auf seine Kappe gehen. »Ich habe keinen Zweifel, dass ich verantwortlich dafür war, warum Müller danebengeschossen hat«, sagte er dem »Jewish Telegraph«. In die große Politik intervenierte Geller im Laufe seiner langen Karriere ebenfalls immer wieder. Wie zum Beispiel in seiner langjährigen Wahlheimat Großbritannien.

Die Illusion, durch Zauberkräfte ließen sich Antisemiten einfach stoppen, ist zu schön.

»Ich halte Corbyn für einen ausgemachten Antisemiten«, hatte er 2019 über Jeremy Corbyn, den umstrittenen Vorsitzenden der Labour-Partei, im Vorfeld der Parlamentswahlen gesagt und angekündigt, seine telepathischen Fähigkeiten einzusetzen, damit dieser auf keinen Fall Großbritanniens nächster Premierminister werden kann.

POLITIKER Allein das macht ihn schon liebens- und bewundernswert. Denn die Illusion, durch Zauberkräfte ließen sich Antisemiten wie Corbyn einfach stoppen, ist eine so schöne, dass man sie sich durch einen wissenschaftlichen Faktencheck gar nicht erst nehmen lassen möchte.

»Echad-Schtaim-Schalosch«, also »Eins-Zwei-Drei«, auf Hebräisch zählen, wie es Geller in seinen TV-Show-Auftritten immer wieder macht, und der Spuk verschwindet einfach – oder wie im Falle Corbyn dem amtierenden Premierminister Boris Johnson einen mit positiven Energien aufgeladenen Löffel schenken, der einst Golda Meir gehört haben soll.

Offensichtlich funktionierte der Trick wunderbar. Johnson blieb im Amt, Corbyn scheiterte krachend. Dass das alles nicht Gellers Verdienst sein soll, muss man wie im Fall der »Ever Given« erst einmal beweisen können.

HERKUNFT Für Geller ist diese etwas unkonventionelle Art der Intervention eine ganz persönliche Angelegenheit. »Weil ich Jude und Israeli bin«, so der Magier, der mütterlicherseits mit der Familie von Sigmund Freud verwandt ist.

Mit seiner Herkunft hat er nie hinterm Berg gehalten. »Eher im Gegenteil! Bereits bei meinen allerersten Auftritten im deutschen Fernsehen in den 70er-Jahren habe ich mich immer auch als eine Art Botschafter Israels verstanden.«

Mütterlicherseits ist der Magier mit der Familie von Sigmund Freud verwandt.

In den 80er-Jahren sah es übrigens eine Weile nicht so gut aus. Vor der Kamera versagten einige Male seine Tricks. »Ich wurde magersüchtig, depressiv und hatte Panikattacken«, so der ehemalige Fallschirmspringer der israelischen Streitkräfte. Dann kam sein Comeback, auch in Deutschland.

MUSEUM Dass er mithilfe seiner telepathischen Fähigkeiten in einer RTL-Show bei Günther Jauch 2004 die Uhr und den DVD-Player von Ex-Arbeitsminister und Hobby-Israelkritiker Norbert Blüm »repariert« hatte, mag man ihm nachträglich verzeihen.

Immer wieder schafft es Geller, sich ins Spiel zu bringen, Schlagzeilen zu produzieren. So auch vor einigen Monaten, als er behauptete, dass der stundenlange Totalausfall bei Facebook, Instagram & Co. auf das Konto überirdischer Wesen ging, die auf der Suche nach atomaren Waffen auf der Erde mal eben die sozialen Netzwerke ausknipsten.

Derartige Nachrichten nehmen natürlich die wenigsten ernst, trotzdem liest man sie mit Vergnügen, weil es so herrlich verrückt klingt. Und irgendwie nimmt sich Geller auch selbst auf die Schippe, wie das Museum zeigt, das er nach seiner Rückkehr nach Israel 2016 vor Kurzem eröffnet hat. Dort gibt es eine Menge zu bestaunen, und zwar in erster Linie Sachen, die dem Meister gehören, darunter ein goldenes Ei aus dem Besitz von John Lennon, das dieser selbstverständlich von Aliens erhalten haben soll, oder ein Modellflugzeug, ein Präsent des libyschen Diktators Muammar Gaddafi an ihn.

cadillac Ferner parkt in dem Museum auch ein mit reichlich verbogenem Besteck verzierter alter Cadillac, auf dessen Dach eine Kristallkugel befestigt ist, die einst Leonardo da Vinci gehört haben soll – auch das ein persönliches Geschenk, diesmal von Salvador Dalí, der selbst oft verbogene Löffel malte.

»Ich glaubte ihm nicht, habe es aber höflich angenommen«, so Geller. Wir glauben ihm auch nicht alles, dennoch freuen wir uns, dass es ihn gibt. Am 20. Dezember nun feiert Geller seinen 75. Geburtstag. Vielleicht schauen ja einige Außerirdische bei dieser Gelegenheit mal wieder bei ihm vorbei.

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