Musik

Vom Sideman zum Star

Von Ungarn über Brooklyn nach Tel Aviv: Steve Kuhn Foto: PR

Was für eine kuriose Geschichte: Eine jüdische Jazzikone, die noch nie im Leben in Israel war, feiert diese Woche 75. Geburtstag in Tel Aviv mit einem großen Konzert am Opernhaus. Der Pianist Steve Kuhn, am 24. März 1938 in Brooklyn geboren, tritt dort mit seinem Jazztrio und einem israelischen Streicherensemble auf. Gespielt werden allerdings nicht Kompositionen des Jubilars. Die Songs stammen von dem israelischen Schlagerkomponisten Sascha Argov.

Hat Steve Kuhn im Alter seine Jüdischkeit entdeckt? Der Jazzer, dessen Eltern Anfang des 20. Jahrhunderts aus Ungarn in die USA einwanderten, dementiert entschieden: »Über meine Jüdischkeit gibt es nichts zu erzählen. Ich bin überhaupt nicht religiös, hatte niemals eine Barmizwa. Ich bin zwar jüdisch, aber ich fühle mich mehr zu meinen ungarischen Wurzeln hingezogen.« Allerdings hat Kuhn zu den Magyaren ebenfalls nur eine lose Bindung. Auch in Budapest war er noch nie!

Saxofon Steve Kuhn zählt zu den ganz Großen seines Fachs. Seine Karriere schließt weltweite Tourneen ebenso ein wie Dutzende von Alben, die in den USA und in Europa produziert wurden. Der Mann, der bereits als Fünfjähriger über die harte »Russische Schule« zum Jazzklavier kam, hat schon sehr früh mit all den Berühmtheiten des Genres gespielt, mit Ornette Coleman, Bill Evans und Kenny Dorham. Und spätestens seit Kuhn Teil des Quartetts um den epochalen Saxofonisten John Coltrane wurde, entwickelte er sich vom »Sideman« selbst zum Star.

Heute ist der einstige Begleiter Bandleader, mit einer ganzen Reihe Alben unter eigenem Namen. Den entscheidenden Impuls für diese Karriere gab ein Treffen mit dem Produzenten Manfred Eicher und seinem Münchner Label ECM vor fast 40 Jahren. Kuhn war gerade aus Stockholm zurückgekehrt, wohin er gezogen war – der Liebe zu der schwedischen Sängerin und Schauspielerin Monica Zetterlund wegen. Das erste von einer langen Reihe von Alben aus dem Hause ECM entstand dann 1974, das zweite sehr spontan kurz darauf in Oslo, weil im Anschluss an den Album‐Mix das Studio am nächsten Tag noch frei war.

Komposition Er habe eine lange, schweißgebadete Nacht durchlebt, erzählt Steve Kuhn, eine Nacht, in der er sein Hirn zermarterte, was er denn spielen solle, denn er war überhaupt nicht vorbereitet. Am Ende wurde alles gut: Ein paar Eigenkompositionen, ein paar Standards und ein paar Improvisationen. Dazu eine gute Führung durch den Produzenten und einen Klavierstimmer, der sage und schreibe während der gesamten Session anwesend war.

Diesen beiden Debüt‐Alben sollten viele weitere folgen, zumeist im Trio eingespielt. In dieser Formation offenbart sich Steve Kuhns Verständnis von Musik am besten: »Für mich geht es beim Trio um Konversation, um die Gleichberechtigung aller Mitspieler. Für mich ist der musikalische Dialog sehr wichtig. Es geht nicht darum, dass ich als Pianist vom Bassisten und vom Schlagzeuger nur begleitet werde. Es geht darum, die Musik offen zu lassen. Alles kann zu jeder Zeit passieren.«

Angesichts dieses Credos erstaunt nicht, dass sich die die große Klasse von Steve Kuhns Musik in der Virtuosität seiner Mitspieler spiegelt, wie den Bassisten Ron Carter und Buster Williams oder den Schlagzeugern Joey Baron, Billy Drummond und Al Foster. Der Pianist arbeitet nur mit wenigen Musikern zusammen, mit diesen Hochkarätern aber über Jahrzehnte. Jeder von ihnen hat schon im Birdland in New York gespielt. Im Mekka des Jazz zelebriert Steve Kuhn jährlich ein Festival zu Ehren von John Coltrane, auf Augenhöhe sozusagen. Der einstige Mitspieler ist mittlerweile selbst zur Jazzikone geworden.

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