Jubiläum

Vom Mitlesen der Lücke

Anne Frank (1929–1945) Foto: picture alliance / PictureLux/NASA/The Hollywood Ar

Jubiläum

Vom Mitlesen der Lücke

Vor 75 Jahren erschien das Tagebuch der Anne Frank – das erste und nie abgeschlossene Projekt einer unvollendeten Schriftstellerin

von Hadassah Stichnothe  28.04.2022 08:44 Uhr

Von der Graphic Novel bis zur TV-Serie – die Geschichte der Anne Frank ist längst in allen Medien neu und weitererzählt worden. Angesichts der medialen Dauerpräsenz dieser zur Ikone gewordenen jungen Frau lohnt es sich, an die historische Person Anne Frank zu erinnern, die weder Vloggerin noch Musicalstar war, sondern ein junges Mädchen, das die entscheidenden Jahre ihrer persönlichen Entwicklung im Versteck vor den Nazis verbrachte und deren Hoffnung auf eine Karriere als Schriftstellerin brutal zerstört wurde.

Gleichzeitig sind ihr literarisches Vermächtnis und die Erinnerung an sie seit Jahren das Zentrum öffentlicher Auseinandersetzungen, angefangen bei diversen Fälschungsvorwürfen, über die juristischen Auseinandersetzungen um das Auslaufen der Autorenrechte im Jahr 2015 bis zu der absurden Aneignung vonseiten jener, die sich durch Pandemiebekämpfungsmaßnahmen plötzlich zur neuen Anne Frank erhoben sahen.

»VERRAT« Jüngstes Beispiel für die emotionale Wirkung, die das »Phänomen Anne Frank« weiterhin erzielt, bildet das unwürdige Schauspiel um die Veröffentlichung des Buches Verrat an Anne Frank zu Anfang dieses Jahres durch einen niederländischen Verlag. Eine Forschergruppe war zu dem unter Experten hochumstrittenen Schluss gelangt, die Verhaftung von Anne Frank und ihren Leidensgenossen gehe auf den Verrat ausgerechnet durch einen jüdischen Notar zurück.

Ergebnis wie Vorgehen der Forscher riefen weltweite Kritik hervor – der Schriftsteller Leon de Winter nannte das Buch gar ein »Verbrechen«. Schließlich zog der Verlag das Buch zurück, und die Geschichte des Kampfes um die Deutungshoheit über eines der wirkungsmächtigsten Dokumente der Schoa war um ein Kapitel reicher.

Unter solchem Gezerre jährt sich nun das Erscheinen von Anne Franks Tagebuch zum 75. Mal. Der S. Fischer Verlag veröffentlicht zu diesem Anlass eine Schmuckausgabe des Tagebuchs, der die sogenannte »Version d« der Übersetzung von Mirjam Pressler zugrunde liegt.

textgenese Diese versucht, der Textgenese jenes Konglomerats an Original-Aufzeichnungen und den durch Anne selbst vorgenommenen Bearbeitungen gerecht zu werden, die heute unter dem etwas unzutreffenden Singular »Tagebuch« versammelt werden.

Damit grenzt sie sich auch von der älteren Fassung Otto Franks ab, die wegen ihrer Auslassungen den (etwas unverdienten) Ruf einer zensierenden Version erlangt hat.

Die »Lesefassung« lässt Annes Entwicklung zur bewusst Schreibenden nachvollziehen.

Freilich war auch die Edition der »Lesefassung«, die Mirjam Pressler 1991 im Auftrag des Anne Frank Fonds in Basel als weltweit verbindliche Lesebuchausgabe erstellte, nie unumstritten, doch sie schafft es, nicht nur der Schriftstellerin zu ihrem Recht zu verhelfen, sondern auch dem jungen Mädchen Anne, dessen unbearbeitete Einträge einen direkten Blick in seine Schreib- und Denkweise ermöglichen. Und hier kann die Übersetzung Presslers glänzen, die es erlaubt, Annes Entwicklung zu einer bewusst Schreibenden nachzuvollziehen und auch deren sprachliche Qualitäten genießen zu können.

HUMOR Ihre Flapsigkeit, ihr bissiger Humor und die Fähigkeit, kurze Szenen treffend zu gestalten, beeindrucken bis heute. Die geschilderten Alltagserfahrungen innerhalb einer Ausnahmesituation, aber auch die scharfsinnige Reflexion der eigenen Lage, die Angst vor der Entdeckung und immer wieder die Hoffnung auf ein Ende des Krieges – einer der letzten Einträge vor ihrer Entdeckung erwähnt die Hoffnung der Schwester Margot, am Ende des Jahres wieder zur Schule gehen zu können – berühren in ihrer Aufrichtigkeit und einem schier unglaublichen Optimismus.

Es ist eine wichtige Qualität der Jubiläumsausgabe, dass der Text nicht mit dem letzten Eintrag endet, sondern das Schicksal der Untergetauchten in einem Anhang weitererzählt. Und vielleicht ist es genau dieser Gegensatz zwischen den lebhaften Schilderungen aus dem Hinterhaus und diesen knappen, zum Teil lückenhaften Informationen, der einem die Ungeheuerlichkeit des Geschehenen verdeutlicht.

Acht Menschen, deren Eigenheiten, kleinliche Auseinandersetzungen, aber auch Wünsche und Sehnsüchte einem gerade noch vor Augen standen, werden deportiert und bis auf einen von ihnen ermordet.

Das Schicksal der Untergetauchten wird in einem Anhang weitererzählt.

Die genauen Todesumstände sind oft unklar, auch jene von Anne und Margot, die wohl irgendwann zwischen Februar und März 1945 in Bergen-Belsen an Typhus starben – nur kurze Zeit vor der Befreiung des Lagers im April. Von der jungen Frau, deren Aufzeichnungen auf den Tag genau von ihren Erlebnissen berichten, kennen wir weder das Todesdatum noch das Grab.

inszenierungen Die Lektüre des Tagebuchs führt einen unweigerlich zu dieser Lücke, die sich weder mit filmischen Inszenierungen Annes letzter Lebensmonate noch mit Spekulationen über einen möglichen Verrat schließen lässt.

Man muss sie mitlesen, denn sie unterscheidet die historische Anne Frank von ihren multimedialen Wiedergängerinnen, den Projektionen und politischen Aneignungen. Das Tagebuch als erstes und nie abgeschlossenes Projekt einer unvollendeten Schriftstellerin ist nicht nur ein Dokument der Hoffnung, sondern auch der Zerstörung. Doch gerade das macht seine Lektüre weiterhin so wertvoll.

»Das Tagebuch von Anne Frank«. Gebundene Sonderausgabe. S. Fischer, Frankfurt am Main 2022, 384 S., 24 €

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