Film

Vom Dilemma einer ganzen Generation

Der Protagonist des Films versucht in der Küstenmetropole unterzutauchen Foto: picture alliance / Nick Zonna

Shlomi (Ido Tako) läuft davon. Ob er die harte Realität des Militärdienstes nicht mehr aushält oder hauptsächlich von der Sehnsucht nach seiner Freundin Shiri (Mika Reiss) dazu getrieben wird, dem Einsatzort seiner Truppe im Gazastreifen zu entfliehen, bleibt offen. Fest steht, der junge Mann kann nicht mehr: Er verschwindet, taucht unter. Im Haus seiner Eltern findet er niemanden vor und so bricht er, seine Maschinenpistole umgeschnallt und in Uniform gekleidet, auf, um Shiri zu überraschen.

Diese arbeitet in einem Nobelrestaurant von Tel Aviv, in dem der absurde Zustand dieser Stadt mit andauernder Anspannung und permanenter Bedrohungslage eine ungehemmte Lebenslust entwickelt. Das große Thema des Coming-of-Age-Films wird in »Der verschwundene Soldat« zu einer Frage der Existenz: Es geht um Leben und Tod, oder darum, wie ein Leben in einem permanenten Kriegszustand gelebt werden kann. Kann man die Leichtigkeit der schönen Dinge, ja darf man die Liebe genießen, wenn sie im Grunde genommen die Form einer trotzigen Verdrängung annimmt?

Die Geschichte einer Verweigerung

Über Nachrichtenbeiträge bricht der Gazastreifen, das Schicksal von Soldaten und palästinensischen Flüchtlingen in die Gegenwart von Tel Aviv ein. Ständig sind die Menschen gezwungen, eine Haltung zu Gaza einzunehmen. Mitunter ganz buchstäblich, nämlich dann, wenn der Raketenalarm ertönt und die Menschen in den Bunkern Schutz suchen, sich auf die Straße werfen und zusammenkauern. Einzig Shlomi kümmert sich darum nicht mehr. Er will keine Haltung mehr einnehmen. Mit stoischer Gelassenheit ignoriert er die Raketen, deren Detonationen den Himmel erschüttern.

So träumt er von einem Leben mit Shiri - als fortgesetzte Flucht. Vor allem will er sie davon abhalten, mit ihrer Familie nach Kanada auszuwandern: Schließlich gebe er ihr doch, ausgerechnet er, der gerade Desertierte, das Versprechen auf ein gemeinsames Leben in Israel. Shiri weiß nichts von der Fahnenflucht, für die eine harte Gefängnisstrafe droht. Sie glaubt an die Lügengeschichte der freien Tage.

Während sich diese zarte Illusion einer Liebesgeschichte entfaltet, glaubt das Militär, Shlomi sei von der Hamas entführt worden. Die Regierung intensiviert daraufhin die Angriffe auf Gaza. Shlomi muss begreifen, dass er nicht unschuldig aus der Sache herauskommen wird. Und auch seine Mutter bringt er in ein moralisches Dilemma.

Das komplexe Porträt einer Gesellschaft

Zwischen den beiden Polen eines Liebesfilms und eines politischen Dramas webt Regisseur Dani Rosenberg in »Der verschwundene Soldat« ein komplexes, vielschichtiges Porträt der israelischen Gesellschaft, die in einer ebensolchen Bipolarität eingespannt ist: Der Sehnsucht nach Unbedingtheit (Liebe) steht immer eine tiefe existenzielle Bedrohung gegenüber. Morgen schon kann es vorbei sein.

Rosenberg verarbeitet dabei einen Teil der eigenen Biografie. Er selbst hat während seines Militärdienstes einen Fluchtversuch gewagt. Nach zwei Stunden ziellosen Umherirrens in der Wüste kehrte er allerdings wieder in das Camp zurück. Sein Fehlen wurde nicht einmal bemerkt. Diese Anekdote erzählt viel über die unbändige Energie von »Der verschwundene Soldat«.

Einerseits steht der Regisseur der eigenen Regierung kritisch gegenüber, will - wie Shlomi - nicht am Zirkel der Gewalt partizipieren. Und doch fühlt auch er die existenzielle Bedrohung, die aufgestaute Wut, die Trauer und den Schmerz dieses Landes. Um damit umzugehen, legt er die Tonalität seines Films vielstimmig an. Da gibt es Momente der Komödie und eines spöttischen jüdischen Humors, aber auch groteske Momente - und auch der Holocaust wird zum Thema.

Bezug zur Gegenwart

Gedreht und fertiggestellt wurde der Film übrigens 2023 - aber vor dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober. Muss »Der verschwundene Soldat« jetzt trotzdem mit Blick auf den aktuellen Krieg betrachtet werden? Letztlich scheint es nicht angemessen, den Film aus der Zeit seiner Entstehung herauszulösen. Vielmehr sollte er in seiner Eigenzeit zur Geltung kommen und damit als eine Einladung zum Dialog über das Menschliche verstanden werden.

»Der verschwundene Soldat« ist viel weniger ein direkter Kommentar zum Nahostkonflikt als eine Erzählung von Menschen, die versuchen, ihr Leben zu leben. Das Leben im Sinne der Sisyphusarbeit, irgendwie eine Haltung zur Welt einzunehmen. Eben das ist Shlomis Schicksal: Er möchte nicht für einen Kampf einstehen, der ihn übersteigt. Er möchte jung sein dürfen. In Israel. Und diese Spannung gilt es auszuhalten.

Programm

Vernissagen, Workshops und eine Zeitreise ins Berlin von »Babylon Berlin«: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 17. September bis zum 30. September

 16.09.2026

Gaza-Krieg

Der falsche Genozidvorwurf

Der US-Historiker Jeffrey Herf widerspricht seinem viel zitierten israelischen Kollegen Omer Bartov. Eine Klarstellung

von Jeffrey Herf  16.09.2026

Gegen Vorurteile

Über Tattoos, Sport und die Frage, was eigentlich koscher ist - Neuauflage eines Projekts zu jüdischem Leben

Vorne Fotos, hinten Erklärtexte und QR-Codes: Eine neue Box mit Material zu jüdischem Leben in Deutschland ist erschienen. Gedacht ist sie für Schule oder Erwachsenenbildung - und als Beitrag gegen Antisemitismus

von Leticia Witte  16.09.2026

New York

Jetzt äußert sich Ed Sheeran zum Macklemore-Aus

Wegen israelfeindlichen Aussagen wurde US-Rapper Macklemore von Sheerans Tour ausgeschlossen. Nun schildert der Popstar seine Sicht der Dinge

 16.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  16.09.2026

Kino

»David« - Familienfreundliches Musical nach Motiven aus der Bibel

Ein kleiner Junge besiegt einen furchteinflößenden Riesen mit der Steinschleuder. Die Geschichte von David und Goliath kennen auch viele, die sonst nicht so bibelfest sind. Und sie bietet viel Stoff für eine Verfilmung

von Martin Ostermann  15.09.2026

Israel

Wie Quentin Tarantino Israelis den Kinobesuch vermiest

Berichte über Quentin Tarantinos Kinobesuche gehen in Israel viral. Eine Frau hätte ihn beinahe angebrüllt

von Sophie Albers Ben Chamo  15.09.2026

Dearborn

Henry Fords antisemitische Vergangenheit in Ausstellung behandelt

Im nächsten Jahr öffnet Fair Lane, das frühere Anwesen von Henry Ford, wieder für Besucher. Die Einrichtung stellt sich nun einer Vergangenheit, die in der Region lange nur unzureichend thematisiert wurde

 15.09.2026

Tel Aviv

IDF-Chef prüft rechtliche Schritte gegen Film »Naza«

Generalstabschef Eyal Zamir bezeichnet bisher bekannt gewordene Teile der Doku als »Ritualmordlegenden, bewusste Verzerrungen der Realität und falsche Anschuldigungen gegen IDF-Soldaten«

 15.09.2026