Redezeit

»Vielfalt ist ein Gewinn«

Wladimir Kaminer Foto: Jan Kopetzky

Redezeit

»Vielfalt ist ein Gewinn«

Wladimir Kaminer über sein neues Buch »Liebesgrüße aus Deutschland«, Thilo Sarrazins Irrtümer und sowjetische Einheitsrasierer

von Philipp Peyman Engel  01.09.2011 15:15 Uhr

Herr Kaminer, Ihr neues Buch ist nichts weniger als eine Liebeserklärung an Deutschland. Was macht die Bundesrepublik in Ihren Augen so liebenswert?
Wissen Sie, ich habe dieses Buch als Antwort auf Thilo Sarrazins Deutschland schafft sich ab geschrieben. Ich dachte mir, wenn ein Bundesbanker ein Buch über das drohende Ende Deutschlands schreibt, dann schreibe ich als Ausländer eines mit Liebesgrüßen aus Deutschland. Und liebenswert macht dieses Land, anders als Sarrazin behauptet, vor allem auch seine Vielfalt. Abgesehen davon sollte Sarrazin als Liebhaber von Statistiken eigentlich wissen: Ohne den Multikulturalismus würde dieses Land auf kurz oder lang eingehen!

Wie meinen Sie das?
Sehen Sie sich die Zahlen zur demografischen Entwicklung an. Vor über 50 Jahren wurden aus egoistischen Motiven billigste Arbeitskräfte ins Land geholt. Diese damals sehr kurzsichtig gedachte Anwerbung von sogenannten Gastarbeitern rettet die Bundesrepublik heute vor Stagnation. Deutschland ist durch die Zuwanderung zudem bunter und reicher an kulturellen Einflüssen geworden, darauf sollte man nicht mit Ängsten reagieren. Es gibt da diesen alten russischen Witz von einer Einheitsrasiermaschine, kennen Sie den?

Ich fürchte nein.
Diese Maschine besteht aus einem Kasten und einem großen Loch. Als ein Mann seinen Kopf in die Rasiermaschine stecken soll, sagt er: »Aber jeder hat doch eine andere Gesichtsform.« Daraufhin der Ingenieur: »Nur beim ersten Mal.« Verstehen Sie, im übertragenen Sinne scheint Sarrazin, aber auch der Bundesregierung, eine Integrationspolitik dieser Art vorzuschweben. Es gibt eine Leitkultur, und jeder soll diese befolgen.

Sie stammen aus der Sowjetunion, in der zahlreiche Kulturen integriert werden mussten. Kann die Bundesrepublik in dieser Hinsicht etwas von Ihrer Heimat lernen?
Die deutsche Kulturpolitik erstreckt sich weitestgehend auf die Wagner-Festspiele in Bayreuth und Sprachkurse für unmündige Ausländer. In der Sowjetunion dagegen hatte man erkannt, dass die kulturelle Komponente ausschlaggebend ist für das friedliche Zusammenleben zwischen verschiedenen Völkern. Ich möchte nicht missverstanden werden, die Sowjetunion war ein monströses staatliches politisches Gebilde. Ich weine ihr keine Träne nach. Aber alle Minderheiten wurden unter großen Anstrengungen gefördert – selbst, wenn das Zentralkomitee diese Minderheiten gerade einmal als halbe Menschen ansah.

Sie haben kürzlich in einem Interview gesagt, dass die Bundesrepublik mehr sozialistische Züge in sich trage als früher die Sowjetunion. Eine typische Übertreibung des Satirikers Kaminer?
Nein, gar nicht. Als Schulkind stand in meiner sowjetischen Fibel in großen Buchstaben: »Der Nationalismus ist eine Sackgasse, und der Internationalismus bedeutet die Zukunft!« In diesem Sinne betreibt die christlich-liberale Koalition Sozialismus pur. Denn die Deutschen haben gelernt, dass es, wie derzeit in der Euro-Schuldenkrise, ohne die Gruppe keine individuelle Rettung gibt. Leider gibt es jetzt schon wieder Stimmen, die sagen: »Lasst uns die kleinen Staaten aus der EU schmeißen, dann sind wir reiche Länder unter uns!« Das macht mich traurig – und ist nicht weit entfernt von Sarrazins Vorurteil des arbeitslosen, die Gemeinschaft belastenden Ausländers.

Mit dem Autor sprach Philipp Engel.

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Wladimir Kaminer wurde 1967 in Moskau geboren. Er absolvierte eine Ausbildung zum Toningenieur für Theater und Rundfunk und studierte anschließend Dramaturgie am Moskauer Theaterinstitut. 1990 kam er als jüdischer Kontingentflüchtling nach Berlin, wo er seitdem mit seiner Frau und seinen beiden Kindern lebt. Er veröffentlicht regelmäßig Texte in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften und organisiert Veranstaltungen wie seine mittlerweile international berühmte »Russendisko«. Mit der gleichnamigen Erzählsammlung sowie zahlreichen weiteren Büchern avancierte er zu einem der beliebtesten und gefragtesten Autoren Deutschlands. Sein aktuelles Buch »Liebesgrüße aus Deutschland« ist im Manhattan Verlag erschienen.

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