Lyrik

Vielfältige, pralle und überbordende Gedichte

Robert Schindel wurde während des Zweiten Weltkriegs in Österreich geboren. Am 4. April 2024 wird er 80 Jahre alt. Foto: picture alliance / GEORG HOCHMUTH / APA / picturedesk.com

Wenn sich ein herkömmlicher Flusslauf in einen Flussgang verwandelt – so wie im Titel zu Robert Schindels neuen Gedichten –, dann scheint sich etwas zu verlangsamen.

Hier steigt einer aus und geht zu Fuß weiter, um die Stationen seines Lebens gründlicher zu betrachten. Zwar ist Schindel mit bald 80 Jahren in einem Alter angekommen, in dem ihn irgendwie das Sterben anrauscht, wie er schreibt. Bisweilen vernimmt er altersweise auch »das Knistern des Daseins«.

In todesmüde Melancholie versinkt er trotzdem nicht in diesen Versen. Ganz und gar nicht – Schindel singt das Loblied auf den Kreisel, der wie ein Leitmotiv sein Leben durchtanzt, für eine gewisse hüpfende Unbeständigkeit steht und auf den Chanukka-Dreidel in seiner spielzeughaften Leichtigkeit verweist. »In alter Haut fühl ich mich splitterneu« – so äußert sich einer, der sich nicht so einfach dem Schicksal ergibt.

Mit dem Tod hat Schindel bereits als Kind Bekanntschaft gemacht, und er ist ihm entkommen: Den 1944 in Oberösterreich geborenen Sohn jüdischer Kommunisten bewahrten zwei Fürsorgerinnen davor, nach Auschwitz verschleppt zu werden – seine Mutter fand ihn später in Wien wieder, den Vater haben die Nazis ermordet. Mit seinem Roman Gebürtig feierte Schindel 1991 einen großen Erfolg, rund zehn Jahre später verfilmte er ihn selbst in Co-Regie mit Lukas Stepanik.

An der Ecke Ibn Gabirol und David HaMelech sieht er das tausendfüßige Israel vorübereilen.

Seinen letzten Gedichtband, Scharlachnatter, hatte er 2015 veröffentlicht. Nun meldet er sich nach längerem Schweigen zurück, mit seinem Spaziergang am Fluss entlang, der tief empfundene Traurigkeit mit nahezu aufgekratzter Lebenslust verschmilzt.

Es sind die Stationen eines Kosmopoliten, die Schindel abschreitet: London, Paris, Tel Aviv, Mont-Saint-Michel und Omaha Beach. Am Landeplatz der Alliierten gedenkt er derer, die ihr eigenes Leben eintauschten für seines – an der Ecke Ibn Gabirol und David HaMelech sieht er das tausendfüßige Israel vorübereilen, das dennoch fest dasteht, trotz aller Blutwunden, Ächzen, Zähneknirschen. (Diese Zeilen wurden lange vor dem 7. Oktober 2023 geschrieben.)

Flussgang ist aber auch ein Flanieren durch die Zeit, von der Kindheit bis ins Alter, und wenn der Autor dabei an Krankenhäusern und den Beschwernissen des »Nachsiebzigerleibes« nicht vorbeikommt, so gibt anderes wieder Kraft – wie Georg Stefan Troller zum Beispiel, den Schindel zum 97. Geburtstag bewundernd betrachtete, wie er lächelnd und ohne Stock in seiner Pariser Wohnung von Zimmer zu Zimmer rumpelt.

Dabei sind diese Gedichte voll von Sprachspielen, Wortschöpfungen, Mundart (das Ende des Buches hält ein Glossar bereit) und schlauen Aphorismen: »Wer das Unmögliche/nicht will«, weiß Schindel, »dem wird das Mögliche/unmöglich«. Kann sein, doch dann erfasst den Dichter gleich das »Scheißerne an der Angst«, wenn er mitten in Wien einen »Foxl« und einen Wolf erblickt, auch wenn das nur ein Traum sein könnte.

Überhaupt die Tiere, die Vögel vor allem: Sie beleben Schindels Gedichte wie eine Medizin gegen das Alter. »Das Vogelgezwitscher draußen/In der Frühe wie wichtig/Wird es mir/Wenn ich es vernehme nach dem Wachwerden.« Neben aller barocken Kraft gelingen dem Autor damit auch immer wieder solche Sätze von berückender Schlichtheit.

Flussgang, dieses Buch schreitet auch ein Dichterleben ab – immer wieder leitet Schindel seine Sätze mit Widmungen ein, mit denen ein innerer Dialog beginnt, mit Herta Müller, die er unterm Himmel von Hermannstadt trifft, mit Hans Joachim Schädlich, dem er ein skeptisches Gedicht über die Zukunft widmet, die nur noch wie eine Bretterbude dasteht.

Neben aller barocken Kraft gelingen dem Autor auch immer wieder Sätze von berückender Schlichtheit.

Von den Freundschaften, die hier beschworen werden, ist es nicht weit zur Liebe. Wie so viele dieser Poeme schweben auch die Liebesgedichte in der Spannung zwischen Innigkeit und Abschied, zwischen Eros und Schmerz. Dieser besteht nicht zuletzt in der Wehmut über die Veränderung der Liebe im Alter und aus der Erinnerung.

Eines der berührendsten Gedichte des Bandes heißt »Pfingsten« und wurde »Für Theresia« geschrieben. Es beschreibt einen Ausflug im alten BMW an einem lauen Tag, an dem das Paar zwei Füchsen begegnet. Und der Ahnung der Endlichkeit, die sich über den Anblick der herumtollenden Tiere schiebt – die weitere Aussicht geht hinaus ins »tote Gebirge«.

Mitunter gewinnt man den Eindruck, dass sich Schindel mit Flussgang an einer Lebensbilanz versucht; eine vorläufige ist es ganz sicher. Er, der sich als Hilfsarbeiter bei der Post, als Nachtredakteur für Agence France-Press und Bibliothekar durchgeschlagen hat, wegen schlechter Führung vom Gymnasium flog und die »Wiener Kommune« gründete, der mit H. C. Artmann und Oskar Werner im »Café Hawelka« abhing und in arrivierteren Jahren als Vorsitzender der Ingeborg-Bachmann-Jury agierte, er hat wahrlich viel erlebt.

So vielfältig, prall und überbordend präsentieren sich auch seine neuen Gedichte. Ihnen ist anzumerken, wie schwer Schindel der Abschied fällt von seinen vielen Aktivitäten. Das Erwachen der Vögel eröffnet Flussgang, und die Tiere beschließen ihn: »Jeder Morgen mit Rotkehlchen bevölkert./In diesem Gezwitscher möchte ich einschlafen/Von oben von unten Gezwitscher.«

Robert Schindel: »Flussgang«. Suhrkamp, Berlin 2023, 95 S., 24 €

Analyse

Historiker: Dirigent von Karajan kein Hitler-Sympathisant

Opportunist oder Gesinnungsnazi? Das historische Bild des Dirigenten Herbert von Karajan leidet seit Längerem unter seiner NSDAP-Mitgliedschaft. Der Historiker Michael Wolffsohn will ihn nun von mehreren Vorwürfen freisprechen

von Johannes Peter Senk  13.02.2026

Berlinale-Film

Special Screening: David Cunio in Berlin erwartet

Das Kino Babylon zeigt vier Monate nach der Freilassung der israelischen Hamas-Geisel eine neue Fassung des Films »A Letter To David«

von Ayala Goldmann  12.02.2026

Meinung

Schuld und Sühne?

Martin Krauß irritiert der Umgang mancher Medien mit dem »Dschungelcamp«-König Gil Ofarim

von Martin Krauß  12.02.2026

Kulturkolumne

»Konti: Mission BRD«

Meine Bewältigung der Einwanderung nach Deutschland: Wie ich als Immigrant ein Brettspiel entwickelte

von Eugen El  12.02.2026

Hollywood

Rachel Weisz spielt in Neuauflage von »Die Mumie« mit

Beim dritten Teil hatte die Schauspielerin eine Mitwirkung abgelehnt, da sie das Drehbuch nicht überzeugt hatte. Auf den neuesten Film müssen Fans noch etwas warten

 12.02.2026

Erfurt

Jüdische Kulturtage mit mehr Sichtbarkeit in Israel

Dank eines gewachsenen Netzwerks erwarten die Organisatoren von Thüringens größtem jüdischen Festival zahlreiche Künstler aus Israel

 12.02.2026

Filmfestspiele

Was die Berlinale diesmal bietet

Wieder läuft keine israelische Produktion im Wettbewerb. Dafür finden sich viele jüdische und israelische Perspektiven im gesamten Programm

von Sophie Albers Ben Chamo  11.02.2026

Berlinale

»Wir wollen die Komplexität aushalten«

Wenn die Welt um einen herum verrücktspielt, helfen nur Offenheit und Dialog, sagt Festivalchefin Tricia Tuttle

von Sophie Albers Ben Chamo  11.02.2026

Meinung

Oliver Pochers geschmacklose Witze über Gil Ofarim

Der Comedian verkleidet sich auf Instagram als Ofarim und reißt Witzchen über die Schoa. Während echte Komiker Humor stets als ein Mittel nutzen, um sich mit den Schrecken und Abgründen dieses Verbrechens auseinanderzusetzen, tritt Pocher nur nach unten

von Ralf Balke  11.02.2026