TV-Tipp

Verschweigen und Vergessen

Ronald Zehrfeld, Nina Hoss, Nina Kunzendorf und Regisseur Christian Petzold (v.l.) bei der Premiere des Films im Kino International in Berlin Foto: imago images/POP-EYE

Musik spielt in allen Filmen von Christian Petzold eine große Rolle. In Phoenix wird »Speak Low«, ein Jazz-Song, den Kurt Weill zu den Versen von Ogden Nash schrieb, zum Schlüsselmotiv. »Speak low«, heißt es darin, »when you speak of love«, und: »Love is a spark lost in the dark too soon, too soon.« Das Lied stammt aus dem Broadway-Musical One Touch of Venus; Venus adressiert es darin an einen sterblichen Mann, der die Göttin a la Pygmalion von einer Marmorstatue zu einem Wesen aus Fleisch und Blut erweckt hat.

Das Musical wurde 1943 in New York uraufgeführt, also während des Zweiten Weltkriegs. Die Jüdin Nelly, eine der beiden Hauptfiguren in Phoenix, entging bis ins Jahr 1943 der Verfolgung durch die Nazis, weil ihr Mann Johnny ein Versteck für sie gefunden hatte. Doch dann flog das Versteck auf, Nelly wurde ins KZ deportiert.

kriegsende Nach Kriegsende bringt sie ihre Freundin Lene, die bei der Jewish Agency arbeitet, nach Berlin zurück. Damit beginnt der Film. Nellys Kopf ist in der ersten Szene komplett von einer Bandage umhüllt, sodass man ihr Gesicht nicht sehen kann. Im KZ wurde es so zugerichtet, dass ein ästhetischer Chirurg ans Werk muss. Er fragt Nelly, wie sie gerne aussehen würde; während der NS-Zeit seien Zarah Leander und Kristina Söderbaum sehr gefragt gewesen. Nelly besorgt ein Foto von sich selbst: Sie will wieder die werden, die sie vor dem KZ war.

Noch mehr als den Chirurgen braucht sie dafür allerdings ihren Mann Johnny. Ihn will sie wiedersehen, von ihm will sie wieder geliebt werden, um an ihr altes Leben anschließen zu können.

Doch als sie Johnny nach Operation und Genesung im zerbombten Berlin in der schummrigen »Phoenix«-Bar aufspürt, erkennt er sie nicht. Oder will sie nicht erkennen. Er hält Nelly für tot und sieht in der Heimgekehrten eine Fremde, die der Verschwundenen ähnlich sieht. Diese Fremde macht er zur Verbündeten eines schäbigen Plans: Sie soll sich dazu trimmen lassen, wie Nelly auszusehen und sich wie sie zu geben, um den Behörden eine Rückkehr der Toten vorzugaukeln und das Erbe von Nellys Familie einzustreichen. Nelly nimmt diese Rolle an.

holocaust Die Frage, wie realistisch oder psychologisch stimmig es ist, dass ein Mann seine Frau so verkennen kann und sie das auch noch hinnimmt, spielt hier keine Rolle. Denn Phoenix ist kein realistischer Film, sondern einer, der sich dem Holocaust mit den Mitteln der (Kino-)Mythen nähert: Nelly, die sich »Speak Low« anhört und schließlich selbst singt, sucht in Johnny ihren Pygmalion, der die tote Materie, die das KZ aus ihr gemacht hat, wieder in ein lebendiges Wesen verwandeln soll; bei Johnnys Versuch, sie nach seinen Erinnerungen an die Vorkriegs-Nelly zu modeln, schwingt Hitchcocks Vertigo mit.

Wie sich Nina Hoss in der Rolle der verstörten Nelly in der ersten Filmhälfte bewegt, so als wäre ihr ganzer Körper zerschlagen und falsch und steif wieder zusammengesetzt worden, erinnert an Boris Karloffs Monster in Frankenstein. Wie diese Kreatur ist Nelly im Nachkriegsdeutschland ein ins Dasein geworfenes, unpassendes, ungeheures Geschöpf; ein weiteres der petzoldschen »Gespenster«: Ohne große Worte erzählen Hoss und Petzold allein durch die Körpersprache der Schauspielerin eindringlich von der Befindlichkeit der KZ-Überlebenden.

Zwischen Melodram und Film noir entfaltet sich Phoenix als hochemotionales Kammerspiel zwischen zwei Personen, die eine untote Liebe verbindet und eine unausgesprochene Schuld trennt: Hat Johnny Nelly verraten, und wenn ja, nach welchem Druck von Seiten der Gestapo?

kz-erfahrung Ein Großteil des Films spielt in einer Kellerwohnung und lässt die Zuschauer in der Enge dieses Raums hautnah das paradoxe Mit- und Gegeneinander der beiden mit durchleiden. Beide wollen Nelly wieder auferstehen lassen, doch braucht die Frau dafür die Wieder- und Anerkennung Johnnys als »seine« Nelly; der jedoch will genau diese Nelly, zu der die KZ-Erfahrung gehört, totschweigen und durch das Abbild seiner Erinnerung ersetzen. Es liegt auf der Hand, dass das nicht gutgehen kann.

Petzold inszeniert auf der Basis der Romanvorlage Le retour des cendres von Hubert Monteilhet aus dieser psychischen Zerreißprobe eine grandiose, erschütternde Parabel auf »Deutschland im Jahre Null«, auf den Versuch, den Holocaust durch Verschweigen und Vergessen gewissermaßen zu löschen. Als Nelly zu bedenken gibt, dass es doch völlig unglaubwürdig sei, wenn sie in der Rolle einer Auschwitz-Überlebenden so aussehe wie die Vorkriegs-Nelly, inklusive Pumps und rotem Kleid, wischt Johnny diese Bedenken harsch zur Seite. Sie müsse so aussehen, dass man sie wiedererkennt, sonst würde man sie gar nicht erst ansehen. Und die KZ-Erfahrung? Niemand werde danach fragen.

»Phoenix«, Samstag, 10. Juli, 23.05 bis 00.35 Uhr, 3sat

Tobias Korenke

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