Museum

Verfemte Meisterwerke

Blick in die Schau im Kunstmuseum Solingen Foto: Zentrum für verfolgte Künste / Judith Schönwiesner

Seine Kunst kostete ihn das Leben: Otto Freundlich (1878–1943) war Bildhauer, Maler, Jude, Kommunist und lebte lange in Paris. Schlimmer konnte es aus nationalsozialistischer Sicht kaum kommen. Freundlichs bekanntestes Werk, die massive Steinplastik Großer Kopf (1912), erlangte traurige Berühmtheit: Sie zierte das Deckblatt des Flyers zur Ausstellung Entartete Kunst. Die NS‐Propagandaschau wurde vor 80 Jahren, am 19. Juli 1937, in München eröffnet und lockte Millionen Besucher an.

Die Nationalsozialisten sahen in der 1,40 Meter hohen Skulptur Freundlichs eines von vielen Werken, die sie »undeutsch« nannten. In neun Räumen des Archäologischen Instituts der Universität in den Hofgartenarkaden München standen mehr als 120 Künstler mit ihren Exponaten am Pranger – heute hochverehrte Vertreter des Kubismus, des Expressionismus, des Impressionismus, des Surrealismus oder der Neuen Sachlichkeit.

Wahnsinn Der Präsident der NS‐Reichskammer der bildenden Künste, Adolf Ziegler, hatte die Ausstellung Entartete Kunst mit den Worten eröffnet: »Wir sehen um uns herum diese Ausgeburten des Wahnsinns, der Frechheit, des Nichtskönnertums und der Entartung. Uns allen verursacht das Erschütterung und Ekel.« Doch zwei Millionen Besuchern schreckte das nicht ab. Sie kamen innerhalb von nur vier Monaten.

Der Angriff auf die Moderne betraf alle Großen der Zeit: neben Otto Freundlich auch Max Beckmann, Otto Dix, Max Ernst, George Grosz, Paul Klee, Ernst Barlach, Karl Schmidt‐Rottluff und Käthe Kollwitz ebenso wie viele eher unbekannte oder wegen der Nazis in Vergessenheit geratene Künstler. Zu sehen bekamen die Bürger knapp 700 Arbeiten, die Ziegler in nur zehn Tagen mit einer fünfköpfigen Kommission in 32 Sammlungen in 23 Städten konfisziert hatte. Bis heute ist die genaue Zahl der beschlagnahmten Werke unklar, ebenso wie der Verbleib rund der Hälfte der Bilder und Skulpturen.

»Extrem dichte Hängung in engen und halbdunklen Räumen erzeugte den Eindruck von Chaos«, schreibt der Koblenzer Kunstprofessor Christoph Zuschlag über die Ausstellung Entartete Kunst. Fast überall klebten diffamierende Hinweise: »Bezahlt mit den Steuergroschen des arbeitenden deutschen Volkes«. Die Folge: »Die Stimmung wurde aufgeheizt und der Hass der Besucher gegen Künstler und Kritiker, Händler und Museumsleiter gerichtet«, erläutert Zuschlag. Während die Schau anschließend in veränderter Form in zwölf weiteren Städten in Deutschland und Österreich zu sehen war, ging der staatlich organisierte Kunstraub in unvorstellbarem Ausmaß weiter: Bei »Säuberungsaktionen« in 101 Museen wurden rund 21.000 Werke von etwa 1400 Künstlern beschlagnahmt.

Kulturkanon Um diese Kunstwerke zu würdigen und in den Fokus zu rücken, erinnert das Zentrum für verfolgte Künste im Kunstmuseum Solingen bis zum 10. September mit der Ausstellung Vor 80 Jahren: Die NS‐Aktion »Entartete Kunst« an die Propagandaschau der Nazis. Mit der neuen Ausstellung öffnet das Zentrum den Blick auf über 200 Kunstwerke bekannter wie unbekannter Künstler. Im Mittelpunkt stehen Arbeiten, die die »Bürgerstiftung für verfolgte Künste« mit Hilfe von Bundesmitteln neu erworben hat.

»Mit der Ausstellung wollen wir an die kunsthistorisch wichtigen Werke erinnern und ihnen ein Forum geben«, betonten die Kuratoren des Museums vor der Eröffnung. »Denn die Nachkriegsgesellschaft versäumte es, die Künstler und ihr Schaffen in den deutschen Kulturkanon zurückzuholen.«

Doch Tausende einst als »entartet« diffamierte und später geraubte Arbeiten werden wohl für immer verschwunden bleiben. Es gibt indes auch glückliche Zufälle, die sie wieder ans Tageslicht bringen: In der Nähe des Roten Rathauses in Berlin wurden 2010 bei einer archäologischen Grabung 16 bis dahin vermisste Bronzeskulpturen entdeckt. Der Fund in den Kellerräumen der früheren Königstraße war für die Kunstwelt eine Sensation. Unter den Skulpturen befand sich auch ein beschädigtes Werk aus dem Jahr 1925: der Große Kopf von Otto Freundlich.

www.verfolgte-kuenste.de

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