Frankfurter Buchmesse

Veranstalter verteidigen Entscheidung

Proteste gegen eine Veranstaltung des sogenannten neurechten Antaios-Verlags bei der Buchmesse Foto: dpa

Sie verhielten sich aggressiv, schrien und störten systematisch Interviews anderer Autoren: Auch zwei Tage nach dem Eklat durch den Antaios‐Verlag auf der Frankfurter Buchmesse sitzt der Schreck über das Verhalten der sogenannten Neurechten noch tief. In den vergangenen Tagen war es mehrfach zu Handgreiflichkeiten, Pöbeleien und verbalen Auseinandersetzungen im Umfeld der Verlage der »Neuen Rechten« gekommen.

Massive Kritik an Antaios erfolgt unter anderem von der Berliner Amadeu Antonio Stiftung, die ihren Stand in unmittelbarer Nähe zum Verlag hatte. »Es hat sich gezeigt, was passiert, wenn man der Neuen Rechten einen Raum bietet – sie versuchen, ihn mit allen Mitteln zu besetzen«, sagte Robert Lüdecke von der Stiftung. »Es wurden Pressevertreter angegriffen. Und auch wir haben über mehrere Tage eine deutliche Bedrohungssituation erlebt.«

neonazis Im Umfeld der Neuen Rechten versammelten sich nach Beobachtung vieler Buchmessenbesucher in Frankfurt nicht nur Vertreter der Identitären Bewegung, sondern auch der Kameradschaftsszene und einschlägig bekannte Neonazis. Für diese Szene wurde die Buchmesse zum Event. »Wir haben wiederholt gehört, dass sich Menschen auf dieser Buchmesse nicht mehr sicher gefühlt haben«, so Robert Lüdecke.

Nach Einschätzung der Stiftung hat der Antaios‐Verlag die Grenzen der Meinungsfreiheit weit überschritten – und dürfe deshalb auf Veranstaltungen wie der Buchmesse kein Forum erhalten. »Wenn eine Buchmesse zum Tummelplatz von Rechtsextremen wird, die sich hier unantastbar fühlen und den Raum besetzen, ist ein Verbot unumgänglich.«

Ganz ähnlich sieht das der Leiter der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel. Er fordert von der Buchmesse »eine klare Strategie gegen Rechts«. Mendel war eigentlich als Autor des Sammelbandes Fragiler Konsens. Judenfeindschaft heute – Herausforderungen für die Migrationsgesellschaft nach Frankfurt gereist, um über Strategien gegen muslimischen Antisemitismus Auskunft zu geben.

Vor Ort stellte er zu seiner Überraschung fest, dass die Buchmesse‐Organisatoren die Bildungsstätte in unmittelbarer Nähe des Antaios‐Verlags platziert hatten. »Als wir unseren Stand gebucht hatten, haben wir nicht damit gerechnet, dass wir in diesem Umfeld untergebracht sind.«

akteure »Veranstalter, Verlage und Aussteller müssen im nächsten Jahr besser vorbereitet sein, um gemeinsam ein starkes Zeichen gegen menschenverachtende Haltungen auf der Buchmesse zu setzen«, fordert Mendel. »Es kann nicht sein, dass einzelne Akteure wie Bildungsstätte Anne Frank oder Amadeu Antonio Stiftung die Stellung für die gesamte Mehrheitsgesellschaft halten müssen.«

Der Direktor der Frankfurter Buchmesse, Juergen Boos, verteidigt indes seine Entscheidung, Verlage der Neuen Rechten auf der Bücherschau zuzulassen. »Wir hatten keine Wahl. Der Tradition gemäß, in der wir uns sehen, müssen wir Meinungsäußerungen jeder Couleur zulassen.«

Boos verwies darauf, dass der Großteil der Aussteller aus dem deutschsprachigen Raum die Meinung der Buchmesse teile. Zudem habe die Veranstaltung »eine lange Tradition der Unruhe« – etwa anlässlich des Auftritts von Franz‐Josef Strauß, der Fatwa gegen Salman Rushdie oder kurdisch‐türkische Konflikte, sagte der Buchmessen‐Chef, »das müssen wir aushalten«.

kundgebung Unterdessen kritisierte Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) die Buchmesse, weil sie dezidiert rechte Verlage zulässt. Er verurteilte es, dass man damit völkischem Denken eine Bühne gebe. Zuvor hatte er an einer Kundgebung gegen den Antaios‐Verlag teilgenommen.

Bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an die Autorin Margaret Atwood in der Paulskirche sagte er am Sonntag: »Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus haben in unserer Stadt keinen Platz.« ppe/epd

Lesen Sie mehr dazu in der kommenden Ausgabe.

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