Architektur

Utopien auf kleinem Raum

Bis der frisch gebrühte Kaffee fertig ist, kann man es sich auf dem gelben Sofa bequem machen. Eine bunte Auswahl von Magazinen auf dem kleinen Beistelltisch lädt zum Lesen ein. Zugegeben, mit einer größeren Gesellschaft dürfte es hier etwas eng werden. Wer aber alleine auf ein Tässchen in das »Projektcafé Grundeinkommen« vorbeikommt, darf mit gemütlichstem Kaffeehaus-Feeling rechnen – und das auf gerade einmal 6,4 Quadratmetern Grundfläche.

»Wir brauchen gar nicht so viel Platz zum Leben, wie wir immer denken«, sagt Ronit Kory. Die 31-jährige Israelin ist für das Innendesign des »Tiny House« verantwortlich, in dem sie und ihre Mitstreiter vom Projektcafé Grundeinkommen fast täglich Kaffee und Tee servieren – und selbstverständlich über die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens für alle sprechen. »Wenn man sich nicht täglich Gedanken über seine Finanzen machen muss«, ist Kory überzeugt, »kann man ein viel kreativerer und offenerer Mensch sein.«

Das Caféhäuschen ist eines von 20 Minihäusern, die derzeit auf den Freiflächen vor dem Bauhaus-Archiv/Museum für Gestaltung in Berlin-Tiergarten stehen. Veranstalter des noch bis zum kommenden Frühjahr laufenden Projekts des Bauhaus-Campus ist die »Tinyhouse University«, ein Berliner Kollektiv aus Architekten, Gestaltern, Bildungsaktivisten und Flüchtlingen. Es wurde 2015 von dem aus Laos stammenden Architekten Van Bo Le-Mentzel mit dem Ziel gegründet, soziale Nachbarschaft auf kreative Weise zu erforschen.

experiment Unter dem Leitsatz »Wir brauchen eine neue Baukultur, die schneller, preiswerter, partizipativer und weniger korrupt ist« haben sich die unterschiedlichen Tiny Houses die Erforschung neuer und gerechterer Raum- und Lebensformen zur gemeinsamen Aufgabe gemacht. Klingt irgendwie utopisch, soll es auch sein, und genau das findet die gelernte Webdesignerin Kory so spannend. »Ich finde die Idee der Tinyhouse University interessant. Das Ganze ist ein progressives Experiment mit kreativen Menschen«, sagt die in Washington geborene Kory, die seit 2015 in Berlin lebt. Wegen der großen Künstlerszene in der deutschen Hauptstadt, wie sie sagt.

Kory hat einen israelischen und einen deutschen Pass. Ihr Großvater war in den 30er-Jahren vor den Nationalsozialisten aus Deutschland in die USA geflohen. Heute lebt ihre Familie in Israel. Warum sie sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen engagiert, begründet Kory so: »Es ist eine politische Forderung, die sinnvoll und gerecht ist und in einem Land wie Deutschland leicht umzusetzen wäre.«

Die junge Israelin versteht sich selbst als politisch links. Für sie ist das eine logische Folge aus der jüdischen Tradition. »Juden waren historisch stets an vorderster Front im progressiven gesellschaftspolitischen Kampf zu finden«, sagt Kory und verweist auf Rosa Luxemburg, Magnus Hirschfeld und Albert Einstein.

Wohnungskrise Ob die drei jüdischen Denker auch für Noam Goldstein Vorbilder sind, kann der Israeli nicht genau sagen. Einen politischen Beitrag will aber auch er mit seinem Minihaus-Projekt leisten. Sein Thema: nachhaltigen und kostengünstigen Wohnraum schaffen. »Ein mit wenig Kosten und Aufwand gebautes Tiny House kann einen Beitrag zur Lösung der Wohnungskrise in Großstädten wie Berlin leisten«, sagt Goldstein. Wenn Studenten kaum noch bezahlbare Wohnungen finden und der soziale Wohnungsbau von der Politik vernachlässigt werde, sei so ein mobiles Minihaus eine Alternative.

Der 29-jährige Goldstein ist in Kanada geboren und in Israel in einer landwirtschaftlichen Moschaw-Siedlung aufgewachsen. Seit einiger Zeit lebt er mit seiner Familie in Kleinmachnow bei Berlin. Sein Beruf hat ihn an das Konzept der »Tiny Houses« herangeführt. Als Zimmermann hat er vor einigen Jahren für Privatleute in Frankreich ein Tiny House gebaut – eine prägende Erfahrung. Zusammen mit seinem vierköpfigen Projektteam hat er nun ein ökologisches Minihaus auf dem »Bauhaus-Campus« gebaut. Es soll zeigen, wie man auf kleinstem Raum nachhaltig arbeiten und leben kann.

Doch der nachhaltige Ansatz soll laut Goldstein nicht nur auf die Minihäuser beschränkt bleiben. Ihm geht es darum, die Idee ökologischen Lebens insgesamt ins Zentrum der Debatte zu rücken. »Neben dem ökologisch-politischen Aspekt ist auch die persönliche Freiheit wichtig, die ein Tiny House verspricht«, erklärt der Israeli. »Mit einem mobilen Haus bin ich nicht starr und gebunden. Ich bin mobil und frei.«

Wenn das Projekt des »Bauhaus-Campus« im nächsten Jahr vorbei ist, wird er mit seinem Team und dem Minihaus auf Tour durch Deutschland gehen. Sein ökologisches Tiny House will Goldstein unter anderem auch auf Messen für nachhaltige Wohnkonzepte vorstellen. Das Motto: große Utopien auf kleinem Raum.

www.bauhauscampus.org

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