Kultur

Uraufführung des Oratoriums »Annes Passion«

Als junges und unschuldiges Mädchen verkörpert Anne Frank das ideale Symbol für die Unterdrückung durch totalitäre Systeme, sieht sich aber auch einer umstrittenen kulturellen Vereinnahmung ausgesetzt Foto: picture alliance / ANP

Wenn man heute die Geschichte von Anne Frank auf eine Bühne bringt, wer kann dann ihre Stimme sprechen? Eine einzelne Person jedenfalls nicht, würde Evgeni Orkin sagen. Der ukrainische Komponist hat die weltberühmten Tagebücher des jüdischen Mädchens in einem Oratorium vertont, das am 30. Januar in der Tübinger Stiftskirche uraufgeführt wurde. Anlass war der 80. Todestag Anne Franks.

Mit dabei: Die Sopranistin Johanna Pommranz, der Schauspieler Jürgen Herold und der Akademische Chor der Universität Tübingen. Sie alle verleihen Anne Frank ihre Stimme, indem sie Sätze aus den Tagebüchern rezitieren. »Eine wirkliche Freundin habe ich noch nie gehabt«, sagt Pommranz mit gesenktem Blick. »Bei Jopie dachte ich erst, sie könnte es werden«, entgegnet der Chor, »aber es ist schiefgegangen«.

Schon bald überlagern sich die verschiedenen Stimmen. Vor dem inneren Auge des Zuhörers entsteht ein Tagebucheintrag mit Pfeilen, Ausrufezeichen und Kritzeleien. Die Notizen eines Mädchens, das sich trotz Judenfeinden und Kriegsnachrichten irgendwie eine heile Welt bewahrt. Das Schlagwort, das Anne schließlich aus der Fassung bringt, lautet weder »Krieg« noch »SS« - sondern »Versteck«.

Vor 80 Jahren starb Anne Frank

Zwei Jahre lang harrte Anne Frank in einem kleinen Hinterhaus in Amsterdam aus, bis sie verraten wurde und Anfang 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen starb. Bei ihrem Untertauchen war Anne Frank 13 Jahre alt. Die Tagebücher wurden in dieser Zeit zu ihren Gesprächspartnern für alles, was ein pubertierendes Mädchen eben so bewegt: Konflikte mit den Eltern, Jungs, die erste Periode.

»Das ist einzigartig in der Literaturgeschichte«, sagt Orkin. Die Intimität von Anne Franks Aufzeichnungen habe ihn tief bewegt und auch dazu beigetragen, dass er seine Vertonung als Oratorium umgesetzt hat. Klassische Oratorien erzählen eigentlich das Leiden und Sterben Jesu nach, die berühmtesten Beispiele sind die Passionen von Johann Sebastian Bach (1685-1750). »In der Mitte steht eine tiefsinnige, unschuldige Figur, die unter den Umständen der Welt um sie herum leidet«, erklärt Orkin, der selbst Jude ist. Diese Form passe auch gut zur Geschichte von Anne Frank.

Welche Motive zu einer Darstellung von Anne Frank gehören, was hinzugefügt und was weggelassen werden darf - darüber streiten Historiker und Autoren seit mindestens 70 Jahren. Damals, 1955, wurde am New Yorker Broadway zum ersten Mal ein Theaterstück über Anne Frank gezeigt. In nur zwei Jahren lockte es gut eine Million Zuschauer an. Aber auch die Kritik war heftig. Die jüdische Publizistin Hannah Arendt etwa bezeichnete das Stück als »billige Sentimentalität auf Kosten der großen Katastrophe«.

Barbara Hanke, Historikerin an der Universität Tübingen, hat die Kontroverse untersucht. Die Kritiker sagten beispielsweise, dass eine der Botschaften des New Yorker Theaterstücks - »Trotz allem glaube ich an das Gute im Menschen« - zu universalistisch sei. Damit sei eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Holocaust nicht möglich, erklärte Hanke in einem Vortrag.

Darstellungen als japanische Comicheldin, palästinensische Freiheitskämpferin und christliche Märtyrerin

In den folgenden Jahrzehnten tauchte Anne Frank als japanische Comicheldin auf, wurde als palästinensische Freiheitskämpferin oder christliche Märtyrerin dargestellt. Als junges und unschuldiges Mädchen verkörpert sie das ideale Symbol für die Unterdrückung durch totalitäre Systeme, erläuterte Hanke weiter. Ihre jüdische Herkunft und ihr Tod im Holocaust fielen dabei öfter weg.

Anders ist es im Oratorium von Orkin. Brandbomben englischer Kriegsflugzeuge und die Todesnachrichten jüdischer Verwandter dominieren das letzte Drittel des Oratoriums. Jeder dieser Schicksalsschläge wird von den Trommeln und Kontrabässen der Württembergischen Philharmonie Reutlingen mit einer solchen Wucht untermauert, dass in der Tübinger Stiftskirche die Holzbänke vibrieren.

Ganz zum Schluss wird es dann nochmal still. »Ich habe ein starkes Verlangen nach allein sein« steht in der letzten Aufzeichnung Anne Franks, die Orkin für sein Stück ausgewählt hat. Sie klingt fast so, als spürte die 15-jährige Jüdin schon in ihrem Tagebuch, welch ungeheure Aufmerksamkeit ihre Leidensgeschichte einmal bekommen würde.

Mainz

Neue Ausstellung erinnert an Synagogen, Rabbiner und Matzenbäcker

Vom uralten Grabstein bis zum KI-generierten Rabbiner-Avatar reicht die Spannweite. Die Ausstellung »Shalom am Rhein - 1000 Jahre Judentum in Rheinland-Pfalz« im Landesmuseum Mainz präsentiert so umfangreich wie nie das jüdische Erbe im Land

von Karsten Packeiser  15.01.2026

Los Angeles

Sängerin Gracie Abrams gibt ihr Filmdebüt

Zuletzt machte sie mit Taylor Swift Musik, jetzt wagt sich die 26-jährige Bardin erstmals vor die Filmkamera. Für ihr Spielfilmdebüt hat sie eine gefragte Regisseurin gefunden

 15.01.2026

Streaming-Serie

»Teheran«: Ist dieser israelische Iran-Mehrteiler die Serie der Stunde?

Was als Spionagefiktion begann, wirkt plötzlich hochaktuell. In der neuen Staffel der israelischen Serie »Teheran« zeigt sich: Die politische Realität ist beunruhigend schneller als jedes Drehbuch

von Robert Messer  15.01.2026

Ausstellung

Landesmuseum Mainz zeigt jüdisches Erbe von Rheinland-Pfalz

Die erhaltenen Spuren der mittelalterlichen jüdischen Gemeinden von Speyer, Worms und Mainz sind schon seit 2021 offiziell Weltkulturerbe. Nun rückt auch das Landesmuseum Mainz das Judentum in Rheinland-Pfalz stärker in den Blickpunkt

 14.01.2026

Fernsehen

Dschungelcamp 2026: Gil Ofarim soll Rekord-Gage kassieren

Der 43-jährige Sänger bekommt laut »Schlager.de« für seine Teilnahme an der in Australien gedrehten Show mehr Geld als je ein Teilnehmer zuvor

 14.01.2026

Potsdam

Zentrum für Jüdischen Film geplant

Die Gründungsveranstaltung soll am 4. März dieses Jahres stattfinden

 14.01.2026

Programm

Lesung, Führung, Erinnerung: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 15. Januar bis zum 22. Januar

 14.01.2026

Berlin

»Wie es wirklich war«: Schoa-Überlebende als Hologramme  

Wie es mit dem Erinnern an die NS-Verbrechen weitergeht, wenn diejenigen, die aus erster Hand berichten können, nicht mehr da sind, wird bei einer Konferenz in Berlin erörtert

von Leticia Witte  14.01.2026

Wissenschaft

Studie: Gedanken an andere Partner sind kein Treuebruch

Eine neue Studie der Universität Tel Aviv stellt gängige Vorstellungen von Monogamie und Treue grundsätzlich infrage

 14.01.2026