Wuligers Woche

Untertan 2.0

Heinrich Manns Roman »Der Untertan« erschien zuerst 1918. Foto: Ullstein Bild

Wuligers Woche

Untertan 2.0

Die vermeintlich höhere Moral eines ARD-Kommentars

von Michael Wuliger  30.01.2020 12:03 Uhr

Den deutschen Großkotz hat keiner je besser beschrieben als Heinrich Mann in seinem Roman Der Untertan. Diederich Heßling, der Protagonist des Buches, ist ein Schwächling, der versucht, seine Unsicherheit durch hurrapatriotisches Imponiergehabe zu kompensieren. Im natio­nalen Kollektiv findet er die Stärke, die er als Individuum nicht hat.

Der Untertan erschien 1918. Das ist jetzt mehr als 100 Jahre her. Doch der Typus des teutonischen Herrenmenschen, der sich kraft seines Deutschtums für besser als die Angehörigen aller anderen Völker hält, hat die Zeiten unbeschadet überstanden. Anders als in Kaiserreich und Nationalsozialismus bezieht er seine eingebildete Überlegenheit jetzt aber nicht mehr aus Blut und Eisen, nachdem das zweimal danebenging. Heute schöpft er sie aus vermeintlich höherer Moral.

Jerusalem Und er kann auch eine »sie« sein. Diederich Heßling heißt inzwischen Sabine Müller. Die Redakteurin im ARD-Hauptstadtstudio war vorige Woche in Jerusalem beim »World Holocaust Forum« zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Es hat ihr dort offenbar nicht gefallen. Zwar hatte sie als Deutsche keinen Anlass, sich zu schämen: »Vieles war würdig und überzeugend, und dazu hat der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beigetragen.

Er wurde den Erwartungen an den ersten Redeauftritt eines deutschen Staatsoberhauptes in Yad Vashem gerecht und hielt als Vertreter des Landes der Täter eine beeindruckend einfühlsame und klare Rede – und das auf Englisch, wohlgemerkt!«

Ja, im Gedenken sind wir Deutsche Spitzenklasse. Sogar in Fremdsprachen. Davon könnten andere Völker sich eine Scheibe abschneiden. Die haben sich nämlich, fand Frau Müller, ziemlich daneben benommen: »Unwürdig war dagegen, wie Israel und Russland diesen Gedenktag teilweise kaperten. Wie sie vor der offiziellen Veranstaltung sozusagen ihre eigene politische und erinnerungspolitische Privatparty feierten.«

Blockade Die »Privatparty«, das nur zur Information, war unter anderem die Einweihung eines Denkmals für die Opfer der deutschen Blockade Leningrads im Zweiten Weltkrieg. Bei der Belagerung durch die Wehrmacht kamen mehr als eine Million Zivilisten ums Leben, die meisten durch Hunger.

Doch bei den Nachkommen der Opfer ist das Gedenken offenbar in schlechten Händen. Die nutzen es, so Frau Müller, bloß für »egoistische Auftritte«. Wo es doch um »internationale Einheit« geht statt »nationale Eigeninteressen«. »Wie damals bräuchte es auch heute eine konzertierte, gemeinsame Anstrengung gegen neuen Antisemitismus«, mahnt die ARD-Radiojournalistin.

Am besten wahrscheinlich unter deutscher Federführung. Schließlich hält dieses Land das Copyright an Auschwitz. Ohne Deutsche gäbe es nichts zu feiern. Und wie Steinmeiers Rede wieder einmal bewies, hat Deutschland bei der Gedenkkultur eine Meisterschaft erreicht, »die bestimmt niemals und von niemandem – er sei, wer er sei! – wird überboten werden können!«. Ups, das war jetzt Diederich Heßling. Entschuldigung, Frau Müller!

Internationale Holocaust Gedenkstätte

Rabbinerkonferenz weist Kritik an deutschen Yad-Vashem-Standorten zurück

Die geplanten Außenstellen von Yad Vashem in Deutschland stoßen auch auf Skepsis. Doch die Orthodoxe Rabbinerkonferenz warnt davor, die Arbeit der Gedenkstätte zum Gegenstand politischer Abrechnungen zu machen

 31.05.2026

TV-Tipp

»Robert Lembke - Wer bin ich?« -Doku-Drama über die TV-Legende

»Robert Lembke - Wer bin ich« ist ein kluger Film über Verdrängung, Volksbildung und das Schweigen einer TV-Legende über die eigene Vergangenheit

von Jan Lehr  31.05.2026

Literatur

»Sie verdichten, was zu zerfallen droht«

Die Schriftstellerin Yasmina Reza ist mit dem Frank-Schirrmacher-Preis 2026 ausgezeichnet worden. Wir dokumentieren die Laudatio von Christian Berkel

von Christian Berkel  31.05.2026

Zeitreise

Historische Frankfurter Judengasse wird virtuell erlebbar

In den Alltag von Jüdinnen und Juden im Jahr 1864 in Frankfurt am Main eintauchen, sich als Passant in der historischen Judengasse bewegen und mit Bewohnern sprechen: Das Jüdische Museum Frankfurt hat eine internetbasierte Zeitmaschine entwickelt

von Jens Bayer-Grimm  29.05.2026

TV-Tipp

Kultfilm »Harry und Sally« - immer wieder was fürs Herz

Die Komödie des vor Kurzem ermordeten Regisseurs Rob Reiner avancierte zum Kultfilm

von Jan Lehr  29.05.2026

Konzerte

Doja Cat kommt mit »Ma Vie World Tour« nach Hamburg und Berlin

Ihren Durchbruch feiert sie über SoundCloud, bevor sie mit dem viralen Hit »Mooo!« erstmals weltweite Aufmerksamkeit bekommt

 29.05.2026

Meinung

Kein Boykott – nur Abscheu

Die irische Schriftstellerin Sally Rooney möchte ihren neuesten Roman doch auf Hebräisch übersetzen lassen. Zuvor sortiert sie aber Israelis aus - und das Mitgefühl gleich mit

von Sabine Brandes  29.05.2026

Warnung

Steven Spielberg will keine KI nutzen

Der Filmemacher sieht einen Platz für KI in der Medizin und in der Forschung.

 28.05.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Imanuel Marcus  28.05.2026