Tagung

Unter Träumern

Ideen reißen Mauern ein: Weizmann-Präsident Daniel Zajfman Foto: Dirk Michael Deckbar

»Es ist fantastisch zu hören, wovon die anderen Träumer träumen«, sagt David Harel. Der vielfach preisgekrönte Computer-Experte des Weizmann-Instituts im israelischen Rehovot spricht auf der Konferenz »Falling Walls« in Berlin. Sein Traum ist es, biologische Systeme mit den Instrumenten der Informatik zu erfassen. So ließen sich Laborversuche an lebenden Organismen ersetzen. Als Modell hat der 62-jährige Wissenschaftler den Fadenwurm C. elegans gewählt. Funktionen und Verhalten dieses knapp 1000-zelligen Organismus sind bereits gut untersucht, sodass die Qualität der Simulation beurteilt werden kann.

In zehn bis 15 Jahren will das interdisziplinäre Team am Weizmann-Institut den Wurm aus Computerchips nachgebaut haben. Dann ließen sich Experimente auf zellulärer und molekularer Ebene simulieren. Harel hofft, die Ergebnisse auch auf evolutionär verwandte Arten übertragen zu können. Die Computerwissenschaft wird im 21. Jahrhundert eine zentrale Rolle spielen und so manche Mauer in der Forschung zu Fall bringen, ist der Experte überzeugt.

Denkbarrieren zu überwinden und Mauern wissenschaftlicher Konventionen abzureißen, war das Motto der Konferenz, die zum vierten Mal in Berlin stattfand. Etwa 500 Forscher, Künstler, Politiker und Medienvertreter waren ins Radialsystem gekommen, eine zum Veranstaltungsgebäude umgebaute denkmalgeschützte Pumpstation an der Spree. 20 Referenten waren eingeladen, ungewöhnliche Ideen zu präsentieren und die Grenzen ihres Faches zu überschreiten. Für solche Ziele sei der Tag des Berliner Mauerfalls das geeignete Datum, wie der Veranstalter und Werbeprofi Sebastian Turner betont.

Fadenwurm Doch am 9. November jährte sich auch zum 74. Mal der Tag, an dem Nazis jüdische Bürger in Deutschland terrorisiert, Schaufenster eingeworfen, Synagogen angezündet haben. »Die Kristallnacht und der Mauerfall, beides hatte große Auswirkungen auf unser Leben als jüdische Israelis«, sagt David Harel im Gespräch nach dem Vortrag. Es sei für ihn ein tief ambivalentes Gefühl, ausgerechnet an diesem Tag in Berlin zu sein. Als 1989 die Mauer fiel, habe er gerade seine Oma besucht, ein paar Wochen vor ihrem Tod. Als Kind habe sie mit der Familie vor dem Naziterror aus der Ukraine fliehen müssen. Vom Zufluchtsort England aus half sie Flüchtlingen aus Polen und Deutschland nach Kräften.

David Harel wurde 1950 in England geboren, mit sieben Jahren kam er nach Israel. Nach dem Militärdienst studierte er Mathematik und Computerwissenschaft, machte 1976 an der Universität von Tel Aviv den Abschluss, bevor er am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) promovierte. Nach zweijähriger Arbeit im IBM-Forschungszentrum kehrte er 1980 nach Israel zurück. Seitdem forscht er am Weizmann-Institut, wo er die William-Sussman-Professur für Mathematik innehat. Er hat den Israel-Preis erhalten und zählt zu den weltweit führenden Computerwissenschaftlern.

Auch der Präsident des Spitzeninstituts bei Tel Aviv, Daniel Zajfman, war zur »Falling Walls«-Konferenz gekommen, um die Festrede zu halten. Das problematische Datum belastet den 53-jährigen Physiker nicht. »Ich fühle mich gut in Berlin«, sagt er im Gespräch. Es sei passend, eine solche Konferenz am Jahrestag des Mauerfalls zu machen. Denn Wissenschaft sei die treibende Kraft für Veränderungen. Die »Reichskristallnacht« sei ein schreckliches Verbrechen gewesen, und man dürfe diese Vergangenheit nie vergessen. Es sei aber wichtig, vorwärts zu schauen. Zajfman betont die intensive Kooperation zwischen israelischen und deutschen Forschungseinrichtungen, die die Beziehungen zwischen beiden Nationen verändert habe. Heute sei Deutschland das Land, mit dem Israel die engsten wissenschaftlichen Beziehungen pflege.

Ionenfalle Das Weizmann-Institut und die Max-Planck-Gesellschaft machten in den 1950er-Jahren den Anfang. Die Wissenschaftler bauten die Brücke, sagt Zajfman. Er selbst hat maßgeblich daran mitgearbeitet. 1959 in Belgien geboren, wanderte er 20-jährig nach Israel aus, studierte Physik am Technion in Haifa, wo er auch promovierte. Nach zwei Jahren als Postdoc im Argonne National Laboratory bei Chicago ging er 1991 an die Fakultät für Teilchen- und Astrophysik des Weizmann-Instituts. Er wurde dort Professor und schließlich 2006 mit 47 Jahren der bisher jüngste Präsident des Instituts, an dem auch Ada Yonath, die Chemie-Nobelpreisträgerin von 2009, forscht.

Zudem engagierte sich Zajfman am Heidelberger Max-Planck-Institut für Kernphysik, wo er 2005 Direktor wurde. Bei seiner Forschung interessiert er sich unter anderem dafür, was sich in den Weiten des Weltalls abspielt. Positiv geladene Teilchen und Elektronen stoßen zusammen. Atome und Moleküle bilden sich, die durch ihre Schwerkraft weitere Materie anziehen, schließlich entstehen Sterne.

Doch wie kann man diese Mechanismen untersuchen? Zajfman dachte sich eine spezielle Apparatur aus, eine Ionenfalle. Doch dabei musste er sich gegen wissenschaftliche Konventionen durchsetzen. Nach den physikalischen Gesetzen könne seine Idee nicht funktionieren, argumentierten die Kritiker. Doch der Forscher ließ nicht locker. »Mit meiner Ionenfalle habe ich auch eine Mauer überwunden«, sagt er lächelnd. Seine Erfindung funktioniere und werde heute in vielen Laboren angewandt.

In Berlin setzt er sich vehement dafür ein, der Forschung ausreichend Freiraum zu lassen. Grundlagenforschung sollte stärker gefördert werden, ohne gleich auf mögliche Anwendungen zu drängen, meint der Physiker: »Die Elektrizität wurde aus Neugierde entdeckt und nicht, weil man dachte, man brauche elektrischen Strom.«

München

Simon Rattle bleibt bis 2033 Chef des BR-Symphonieorchesters

»Symphonischer Hoagascht« oder »Singen mit Sir Simon« hießen Projekte, die Sir Simon Rattle eingeführt hat. Die Arbeit mit dem Symphonieorchester des BR und seinem Chor sagt dem Chefdirigenten zu. Er hat nun verlängert

von Barbara Just  08.10.2026

Adania Shibli

Plattitüden in Romanform

Auch das zweite auf Deutsch erschienene Buch der palästinensischen Autorin weist einen holzschnittartigen Charakter auf

von Enno Stahl  08.10.2026

Prag

Spätes Debüt

Der Schriftsteller Eli Beneš gilt als bekannteste literarische Stimme der Juden in Tschechien. Sein Roman über einen Schoa-Überlebenden machte ihn zum preisgekrönten Autor. Eine Begegnung

von Kilian Kirchgeßner  08.10.2026

Literatur

»Es gibt zwei Seiten«

Zur Frankfurter Buchmesse ruft die israelische Autorin Orna Landau gegen den Boykott von Büchern auf: »Entscheidet euch für Wissen«

von Ayala Goldmann  08.10.2026

Literatur

Geistige Freiheit

Tschechien ist Ehrengast der Buchmesse. Unser Autor erinnert an die Zeit nach dem Prager Frühling, als Bücher in seiner Heimat als »Samisdat« im Untergrund erschienen

von Jan Faktor  08.10.2026

Nahost

Die Geschichte eines Krieges

Shahrzad Eden Osterer und Richard C. Schneider analysieren den Konflikt zwischen Israel und Iran – und die Rolle der involvierten Proxy-Armeen

von Eva M. Grünewald  08.10.2026

7. Oktober

Maxim Biller und die Barbaren

In »Schwarze Samstage« kämpft der Schriftsteller mit den Folgen des Massakers in Israel – und zieht eine harte Linie zwischen Juden und »Gojim«

von Tobias Kühn  07.10.2026

TV-Tipp

»Phoenix« - herausragender Film über eine Holocaust-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  07.10.2026

Programm

Musikalische Crossovers, Kontroverse, Krimi und Krav Maga: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 8. Oktober bis zum 14. Oktober

 07.10.2026