3. August 2014

»Unsere Sprache ist nicht gemacht für diese Art von Verbrechen«

»Die fehlende Empathie mit Opfern von Islamismus setzt sich auch beim 7. Oktober fort«: die Schriftstellerin Ronya Othmann (31) Foto: Uwe Steinert

3. August 2014

»Unsere Sprache ist nicht gemacht für diese Art von Verbrechen«

Ronya Othmann über den Genozid an den Jesiden und einen dokumentarischen Roman

von Ayala Goldmann  31.07.2024 10:50 Uhr

Frau Othmann, ab dem 3. August 2014 wurden Tausende Jesiden im Norden des Irak von Kämpfern des »Islamischen Staates« (IS) ermordet. Sie sind in Deutschland aufgewachsen und haben mit »Vierundsiebzig« einen Roman über Ihre Auseinandersetzung mit dem Genozid geschrieben. Wie erinnern Sie sich an diesen Tag?
Ich kann mich an die Bilder im Fernsehen erinnern. Die Islamisten haben sich immer weiter ausgebreitet, eine Stadt nach der anderen wurde erobert. Aber als es dann passierte, war es ein Schock. Ich konnte zuerst nicht glauben, dass es jetzt wirklich geschah. Das, wovon mein Vater und meine Großmutter mir oft erzählt hatten, ist Realität geworden. Die Vergangenheit wurde Gegenwart. Das Heftigste war, dass die IS-Terroristen dort einfach einfallen konnten und niemand sie zurückhielt …

… weil die Jesiden keinen Staat haben, keine Armee – und die Peschmerga, die sie teilweise verteidigt hatten, abgezogen waren.
Einzelne kurdisch-muslimische und natürlich die jesidische Peschmerga sind geblieben und haben noch gekämpft. Fakt ist aber, dass viele weggegangen sind und die Jesiden schutzlos waren. Ich habe auch mit Menschen geredet, die damals am 3. August kämpften – nicht mehr, um den IS zurückzuhalten, sondern nur, um möglichst viele Leute in Sicherheit zu bringen. Sie waren schlecht ausgerüstet, und der IS hatte modernste Waffen.

Ihr Vater ist Jeside und nach Deutschland ausgewandert, aber schon Ihre Vorfahren haben unter Verfolgung gelitten.
Ja, die Familie meines Vaters stammt eigentlich aus dem Gebiet der heutigen Türkei, aber nach Überfällen auf jesidische Dörfer waren sie nach Shingal geflohen, ein Teil dann weiter nach Syrien. Mein Urgroßvater wurde von kurdischen Muslimen ermordet, weil er nicht zum Islam konvertieren wollte.

Ihr Roman heißt »Vierundsiebzig«. Warum?
Wir nennen die genozidalen Massaker »Ferman«. Der Begriff kommt aus dem Osmanischen Reich und bedeutet Befehl oder Erlass. Als der 73. Ferman gilt ein Anschlag in Shingal von 2007 von Al Qaida auf zwei jesidische Ortschaften. Mehr als 700 Menschen kamen dabei ums Leben und über 1500 wurden verletzt. »74« ist der Genozid an den Jesiden 2014.

Ihre Großmutter, die Mutter Ihres Vaters, war im Sommer 2014 noch in Syrien. Konnten Sie mit ihr telefonieren oder anderweitig Kontakt aufnehmen?
Ja, wir hatten immer Kontakt, und wir haben schon vor dem 3. August versucht, sie herauszubekommen, auch meinen Onkel und seine Frau und die Kinder. In den Nachrichten sah man damals diese Landkarten, die schwarz gefärbt waren an den Orten, die der IS schon eingenommen hatte. Wir wussten nicht, in welche Richtung sich diese schwarzen Flecken ausbreiten würden, die IS-Kämpfer waren teilweise mit Motorrädern unterwegs. Gott sei Dank wurde dieser kleine Fleck, das Dorf meiner Oma an der Grenze zur Türkei, nie eingenommen. Und irgendwann haben wir es geschafft, sie über eine Kontingent-Liste nach Deutschland zu holen.

Sie waren damals 21. Haben Sie manchmal darüber nachgedacht, wie Ihr Leben verlaufen wäre, wenn es diesen Genozid am 3. August 2014 nicht gegeben hätte?
Ich glaube, ich würde anders auf die ganze Welt blicken. Ich habe meinen Glauben in sehr vieles verloren. Und ich sehe, dass sich das auch beim 7. Oktober 2023 fortsetzt – diese fehlende Empathie mit Opfern von Islamismus. Bei den Jesiden war es so, dass viele nicht wussten, wer die überhaupt sind. Und der IS, das nahm man nicht so ernst, das wirkte vor allem verrückt – junge Männer, die in Videos mit Computerspiel- und Blockbuster-Ästhetik Leute hinrichten.

Hatte Ihre Umgebung Verständnis für Sie?
Einige waren sehr empathisch. Aber es war für viele einfach weit weg. Und dann gibt es natürlich eine Verharmlosung von Islamismus in Deutschland. Ich habe auch oft gehört: Wenn man so viel über Islamismus spricht, dann schürt das antimuslimischen Rassismus. Und dann kommen diese ganzen ideologischen Vorstellungen, der Globale Süden, und man sieht nur den Kolonialismus. Der Genozid an den Jesiden passte nicht in ein antikoloniales Schema, und es gab keine Helden. »Nicht weiße« Täter will man nicht sehen, und die »nicht weißen« Opfer passten hier vermutlich auch nicht ins Bild.

An einer Stelle schreiben Sie: »Ich möchte mich aus der Geschichte streichen, ich möchte nur das Tonband sein.« Aber das haben Sie nicht getan. Warum nicht?
2018 bin ich hingefahren. Ich war bei Verwandten, die selbst nicht aus Shingal sind, aber es gab ein Camp, wo sie mehrmals die Woche hinfuhren und Leute besuchten. Dort lebten Menschen, die aus der Gefangenschaft freigekommen waren, die mitansehen mussten, wie Angehörige vor ihren Augen getötet wurden. Ich dachte: Ich bin keine Zeugin des Genozids, aber eine Zeugin der Trümmer. Ich wollte erst eine Reportage schreiben, aber ich konnte es nicht.

Hätten Sie gern über etwas anderes geschrieben?
Ich wünschte, all das wäre nicht passiert. Ich würde alle meine Bücher gern zurückgeben. Aber so war es nicht. Das, was ich gesehen und gehört habe, musste ich aufschreiben. Und sehr vieles habe ich zusammen mit meinem Vater herausgefunden …

… der bei vielen Reisen dabei war.
Es war auch sein Projekt, und an viele Orte hätte ich ohne ihn nicht kommen können. Man braucht das Vertrauen der Menschen, der Verwandten. Und als Frau ist es einfacher, nicht allein unterwegs zu sein.

Sie nennen das Buch trotz allem Roman.
Daraus, was man wie anordnet, wo man anfängt, wo man aufhört, in welcher Sprache, in welchem Rhythmus, entsteht die Fiktion. Ich würde es einen dokumentarischen Roman nennen. Unsere Sprache ist nicht gemacht für diese Art von Verbrechen. Es gibt diese Stelle, in der eine Frau davon berichtet, wie ein Kind gekocht wird. Diese Brutalität ist so jenseitig, dass man das schwer in eine Erzählung bringen kann. Es geht nicht nur darum, Leute einfach umzubringen, sondern auch darum, wie. Ich kenne viele dieser Geschichten, die fiktional wirken, obwohl sie Realität sind. Deshalb konnte ich keinen fiktionalen Roman daraus machen. Und dann gibt es ja noch diese IS-Propaganda, die auch schon eine Überformung des Genozids ist. Sie haben ja nicht nur gemordet und gemetzelt und vergewaltigt, sondern das auch nach außen gezeigt, und das ist Teil der Gewalt und des Verbrechens – diese Medienteams, mit mehreren Kameras, die Videos, die Erzählung der Mörder. Auch deswegen ist mein Buch nicht fiktional geworden.

Sie fragen im Buch, wie weit die Solidarität reicht zwischen Juden, Armeniern und Jesiden.
Es gibt Ähnlichkeiten, aber der Genozid an den Armeniern ist nicht dasselbe wie der Genozid an den Jesiden. Und der Holocaust ist ein singuläres Verbrechen. Man muss differenzieren, aber ich hoffe, dass es zumindest eine gegenseitige Anerkennung verschiedener Verbrechen bei unterschiedlichen Gruppen geben kann.

Als Jeside gilt traditionell, wer zwei jesidische Eltern hat. Falls Sie einen Mann heiraten möchten – würden Sie sich für einen Jesiden entscheiden oder sagen: Nein, das ist mein Leben?
Es ist mein Leben, ich lebe ohnehin ein wenig außerhalb dieser Regeln, da ich eine deutsche Mutter habe. Aber diese Identitätsfragen können auch heute noch sehr brutal sein. Am brutalsten ist es sicher für die Frauen in Gefangenschaft, die Kinder durch Vergewaltigung bekommen haben. Sie müssen sich zwischen den Kindern und der Rückkehr in die jesidische Gemeinschaft entscheiden. Es gibt Waisenhäuser in Syrien, die voll mit diesen Kindern sind, aber es spricht niemand darüber. Manche Mütter gehen sogar zurück zu den IS-Familien, weil sie ihre Kinder so sehr vermissen. Bei den Jesiden müsste es dahingehend eine Reform geben, dass alle Kinder von jesidischen Müttern auch als Jesiden gelten. Aber das passiert nicht.

Wofür sollte Deutschland sich einsetzen, damit die Situation der Jesiden sich verbessert?
Es gab ja Kontingente für Überlebende in Baden-Württemberg und in Brandenburg. Ich kenne einige Menschen, die mit diesem Kontingent gekommen sind, und Kinder, die das Schlimmste erlebt haben. Sie studieren oder sind in Ausbildung. Ich sehe den Unterschied zu den Menschen vor Ort, die in Camps leben und keine Perspektive haben. Dort gibt es viele Suizide. Wir bräuchten noch ein Kontingent für Frauen, die ihre Kinder aus Vergewaltigungen nicht zurücklassen wollen. Und: Nach Shingal wird abgeschoben. Auch Überlebende. Ich war vor Ort, und ich kann sagen: Die Sprengfallen sind nicht geräumt. Es gibt Kämpfe zwischen Milizen und türkische Drohnenangriffe. Über Nacht waren Männer zu IS-Terroristen geworden, über Nacht wurden sie wieder Zivilisten und haben sich die Bärte abgeschnitten. Es ist dort nicht sicher. Man müsste darauf einwirken, dass die Jesiden eine Art Selbstverwaltung bekommen. Und man müsste auch nach den Tausenden jesidischen Frauen und Kindern suchen, die immer noch verschwunden sind.

Der Islamismus hat durch das Massaker der Hamas in Israel am 7. Oktober Aufschwung bekommen …
Auch in Europa ist die Gefahr islamistischer Anschläge größer geworden. In Syrien wird der IS gerade wieder stärker. Und der Irak ist in der Hand iranischer Proxy- Milizen. Das Problem ist komplex, es gibt zahlreiche Gruppen und Akteure. Von der Muslimbruderschaft, den Terrormilizen bis hin zum iranischen Staatsislamismus, der auch exportiert wird.

Was muss zehn Jahre nach dem Genozid an den Jesiden noch passieren?
Es muss Gerichtsprozesse geben. Es kann nicht sein, dass Menschen foltern, vergewaltigen, morden, und dann gehen sie nach Hause und leben ihr Leben weiter. Und manchmal kocht es hoch. Dann kann man auf Social Media lesen: Macht euch auf den nächsten Genozid gefasst. Unter Fotos von jesidischen Frauen werden Witze gepostet, wen man als Nächstes verschleppen will. Diese Ideologie ist ja nicht weg.

Mit der Autorin und Journalistin sprach Ayala Goldmann.

Ronya Othmann: »Vierundsiebzig«. Roman. Rowohlt, Hamburg 2024, 512 S., 26 €

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