Debatte

Unser Wagner

Ja, der Komponist war Antisemit – seine Musik ist dennoch genial

von Stephen Tree  07.01.2013 20:28 Uhr

Geht ins Ohr: Richard Wagner in einer zeitgenössischen Karikatur

Ja, der Komponist war Antisemit – seine Musik ist dennoch genial

von Stephen Tree  07.01.2013 20:28 Uhr

Ausgelöscht sein aus der Menschen/Angedenken hier auf Erden,/Ist die Blume der Verwünschung – Nicht gedacht soll seiner werden!» (Heinrich Heine)

Er hätte es zweifellos verdient: Richard Wagner (1813–1883), dessen 200. Geburtstag dieses Jahr im Mai ansteht. Nicht wegen der maßlosen Selbstbezogenheit, mit der er alle und jeden, der in seinen Dunstkreis geriet, für seine Zwecke auszunutzen versuchte, nicht wegen seines Bestrebens, sich und seine Musik in den Mittelpunkt eines religionsähnlichen Kults zu stellen, bei dem er als Oberpriester und Idol auftrat. Sondern weil Richard Wagner dem Judentum sehr öffentlich Böses, nämlich «den Untergang!», zudachte.

Marcus Dick hat in der vorigen Ausgabe viel Richtiges und Unerfreuliches zu Wagners Person und Gedankenwelt gesagt (prelive.juedische-allgemeine.de/article/view/id/14835); alles ebenso wahr wie bedrückend. Der Fluch, den Richard Wagner gegen die Juden aussprach, ist, wie in seinen Opern, auf ihn als Urheber zurückgefallen.

bahnbrechend Doch während die groteske Gedankenwelt des politischen Denkers und Rassentheoretikers in der Tat «aus der Menschen Angedenken ausgelöscht» gehört, ist der geniale Komponist Richard Wagner, der sich bei Tannhäuser und Der fliegende Holländer bei Heinrich Heine (für Wagner ein «sehr begabter dichterischer Jude, der sich zum Dichter log») bedient hat, aus unserer Kultur nicht wegzudenken, ob man seine Musik mag oder nicht. Er ist als Erfinder des Gesamtkunstwerks Wagner-Oper Teil unserer modernen Zivilisation. Mahlers Symphonien und der Herr der Ringe, Thomas Manns Joseph-Tetralogie und Conan der Barbar wären ohne ihn und seine bahnbrechenden Schöpfungen undenkbar.

Wagners vormythischer Opernkosmos, der von barbarischen, in ihrer Macht beschränkten Göttern bestimmt und von barbarisch-heroischen Gesetzen unterworfenen Figuren belebt ist, die zugleich einen menschlichen Makel aufweisen, der ihre Bemühungen scheitern lässt, hat schon immer viele und prominente jüdische Interpreten und Bewunderer gehabt. Auch in der christlichen Ausprägung, in der sich der Protestant Wagner in frühmittelalterlichem Zauber- und Wunderglauben ergeht.

jüdische fans Hermann Levi (1839–1900), der seit seinen Anfängen den damals hochmodernen und extrem schwierigen Wagner leidenschaftlich gern und berühmt gut dirigierte, der erfolgreich dessen letzte Oper Parsifal uraufführte, in deren Mittelpunkt die Taufe als Erlösung steht, war ein Rabbinersohn, der trotz der nachdrücklichen Forderung des verehrten «Meisters» nicht bereit war, sich passend zur Oper taufen zu lassen.

Eine Beziehung, die in vielem beispielhaft erscheint: Solange Richard Wagner lebte, bestand für Levi ein labiles Gleichgewicht zwischen Verachtung seiner jüdischen Herkunft und Anerkennung seiner Dirigierbegabung und Organisationsfähigkeit, das nach dem Tod des Komponisten in plumpe Judenfeindlichkeit um- schlug. Hermann Levi konnte sich im inneren Wagnerkreis nicht mehr halten und starb, 61-jährig, müde und erschöpft, ein frühes Opfer des postumen rassistischen Wagner-Kultes.

Theodor Herzl, der als junger Student wegen öffentlicher antisemitischer Äußerungen bei der Trauerfeier für Richard Wagner aus seiner Studentenverbindung austrat, blieb dennoch Wagner-Liebhaber. Er ließ sich bei der Niederschrift seines Judenstaats von Wagner-Musik inspirieren und den Zweiten Zionistenkongress mit der Tannhäuser-Ouvertüre eröffnen.

Der Auschwitz- und Buchenwald-Überlebende Imre Kertész beschreibt in seiner Erzählung Die englische Flagge, wie er als junger Journalist im stalinistischen Budapest nur einen Zufluchtsort und Rückzugsraum fand: die Wagner-Aufführungen an der Budapester Oper, die von 1947 bis 1950 vom jüdischen Dirigenten und Amerika-Rückkehrer Otto Klemperer dirigiert wurden.

selbstbehauptung Juden haben stets beides gewollt und gelebt: das Festhalten an der eigenen Identität, und das Sich-Einbringen in die sie umgebende Kultur und Welt. Eine jüdische Beschäftigung mit Wagner scheint mir dem Vorgehen der chassidischen Gruppe Chabad Lubawitsch vergleichbar, die in Berlin, der früheren Reichshauptstadt der Nazis, eine Jeschiwa gründet und betreibt, was diese stark in der Tradition verwurzelte Bewegung als Erfüllung des Gebots des Weiterlebens und jüdischen Sieg begreift.

Wenn Daniel Barenboim Wagner grandios dirigiert, wird Wagner dadurch ebenso wenig freigesprochen wie das öffentliche Anzünden des Chanukkaleuchters vor dem Brandenburger Tor den dortigen Fackelzug der Nazis von 1933 aufhebt.

Juden haben sich, nach den Massakern des Ersten Kreuzzugs wied er in den Städten des Rheinlands niedergelassen, wo man sie verraten und ermordet hat, genauso wie sie nach den Nazimorden in Deutschland blieben oder nach Deutschland gezogen sind, als Verwaltung und Politik noch von Nazi-Karrieristen wie Globke besetzt waren. Das gilt in Übertragung auch für den jüdischen Umgang mit Richard Wagners Musik, die, der judenfeindlichen Ideologie ihres Schöpfers ungeachtet, dem gehört, der sie gut interpretiert und/ oder sich an ihr erfreut.

zeichen setzen Doch genauso, wie Globke in der Schweiz zur unerwünschten Person erklärt wurde, als er dort seinen komfortablen Ruhestand verbringen wollte, kann man, und sei es nur, um ein Zeichen zu setzen, in Israel auf öffentliche Aufführungen von Wagner-Musik verzichten, wobei man daran denken sollte, dass dies zulasten der israelischen Musiker geht, die ihn, eben weil er musikalisch so bedeutend ist, gerne spielen würden. Man darf Richard Wagners 200. Geburtstag feiern – solange einem klar ist, wen man hier preist. Vergessen wird, kann und soll man ihn nicht.

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