Krimi

Unser Rabbi, der Killer

Falls Ihnen Ihr neuer Rabbiner irgendwie komisch vorkommt, sollten Sie Tod Goldbergs Thriller Gangsterland nicht lesen. Es könnte Sie weiter verunsichern.

Sal Cupertine ist Auftragskiller der Mafia in Chicago. Hunderte Jobs hat er bereits erfolgreich erledigt, ohne je belastende Indizien zu hinterlassen. Bis er eines Tages einen Blackout hat und in einem Hotel drei FBI-Agenten umbringt, aufgezeichnet von einer Überwachungskamera. Bei so etwas versteht das Bureau keinen Spaß. Die Mafia auch nicht. Sal muss verschwinden.

las vegas Zum Glück ist Sals Cousin Ronnie ein hohes Tier bei der Cosa Nostra. Deshalb wird der erfolglose Killer nach dem Debakel nicht, wie üblich, von den eigenen Leuten umgelegt, sondern schonend entsorgt: Ronnie bringt ihn in Las Vegas unter – als Jugendrabbiner der Synagoge Beth Israel. Die Stelle ist gerade frei geworden, weil der bisherige Amtsinhaber unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen ist.

Zwar ist Sal kein Jude. Sein Name steht kurz für Salvatore, nicht Salomo. Doch was ihm an religiösem Hintergrund fehlt, macht er durch sein fotografisches Gedächtnis wett. Binnen weniger Wochen hat er sich durch Tanach, Talmud und Midrasch gebüffelt. Und was er über Seelsorge wissen muss, lernt er von seinem Vorgesetzten, Rabbi Kales. Sal, oder wie er jetzt heißt, David Cohen, müsse sich keine Sorgen machen, versichert ihm sein Mentor. Die Gemeindemitglieder hätten von Judentum keine Ahnung. Und selbst wenn er halachisch mal komplett danebenliegen solle, sei das auch kein Beinbruch: »Wir Reformjuden sind für alle Interpretationen offen.«

Offen für vieles ist auch Rabbi Kales selbst. Seine Synagogengemeinde betreibt er als erfolgreiches Wirtschaftsunternehmen. Nicht nur großzügige, steuerabzugsfähige Spenden und exorbitante Schulgebühren für den Nachwuchs der Yuppie-Mitglieder spülen Geld in die Kasse von Beth Israel und in die Taschen des Rabbiners. Viel Einkommen generiert auch die Nutzung des jüdischen Friedhofs durch die Mafia, die dort stiekum Leichen entsorgt. Den Kontakt zur organisierten Kriminalität hat Kales’ Schwiegersohn Bennie Savone geknüpft, der, obwohl Gangster – und, noch schlimmer, Goi –, sich aktiv in das Gemeindeleben einbringt.

erpressung Sal Cupertine wird derweil in seiner neuen Rolle als Rabbi David Cohen immer sicherer. Vor allem seine Perlen talmudischer Weisheit finden großen Anklang in der Gemeinde. Keiner der »Schweinefleisch fressenden Juden«, wie Rabbi Kales sie nennt, merkt, dass es sich oft um Zitate aus Bruce-Springsteen-Songs handelt. Dumm nur, dass der suspendierte FBI-Agent Jeff Hopper auf eigene Faust Sal nachschnüffelt und ihn fast erwischt. Zum Glück besinnt der Rabbi sich im entscheidenden Moment auf die fachlichen Kompetenzen seines früheren Berufs.

Danach kann David Cohen seine weitere rabbinische Karriere planen. Rabbi Kales und Benny Savone schaltet er aus – nicht per Knarre, sondern mittels Intrigen und Erpressung. Nicht, dass der Ex-Killer plötzlich gewaltlos geworden wäre. Als neuer starker Mann von Beth Israel denkt er bereits darüber nach, wie das erfolgreiche Racket expandieren und die Konkurrenz beseitigt werden kann.

Zum Beispiel indem man das Gemeindezentrum der benachbarten konservativen Synagoge abfackelt …
Natürlich geht es in Wirklichkeit weder in jüdischen Gemeinden noch bei der Mafia so zu wie in dem Buch. Gangsterland ist eine vergnügliche, rabenschwarze Farce, reine Pulp Fiction. Wenn Quentin Tarantino Jude wäre und schreiben könnte – dieser grandios haarsträubende Thriller könnte von ihm stammen.

Tod Goldberg: »Gangsterland«. Counterpoint, Berkeley 2014, 387 S., 26 US-$

Amulette

Erfurter Ausstellung zeigt israelische Kunst

Die Galerie Waidspeicher zeigt Werke israelischer Künstlerinnen und 555 Hamsa-Amulette aus Jerusalem. Das Motiv der Hamsa in Form einer geöffneten Hand ist im Judentum, im Islam und im Christentum gebräuchlich

von Matthias Thüsing  10.03.2026

München

Ermittlungen zu Nazi-Parole gegen Fleischhauer eingestellt

Der Kolumnist bedient sich bei einem Podcast eines Slogans der Nationalsozialisten, um damit den AfD-Nachwuchs zu kritisieren. Deshalb wird gegen ihn ermittelt - jedoch nicht besonders lang

 10.03.2026

TV-Tipp

Die Puppe mit dem Hitlergruß: Das turbulente Leben der Unternehmerin Käthe Kruse

»Ich kauf‘ Euch keine Puppen - macht Euch selber welche!« Max Kruses junge Geliebte nahm diese brüske Absage wortwörtlich und wurde berühmt. Arte zeichnet die bewegte Biografie von Käthe Kruse nach

von Manfred Riepe  10.03.2026

New York

Ben Stiller: »Krieg ist kein Film«

Immer wieder nutzt die US-Regierung bekanntes Film- oder Musikmaterial für eigene Videoclips - wohl ohne zu fragen. Jetzt beschwert sich deswegen Schauspieler Ben Stiller

 10.03.2026

Comedy

Streichelzoo mit Fischen

Die Serie »JoJo & Simha: Exploring Berlin3000« erzählt auf Social Media von drei tollpatschigen jüdischen Handwerkern der Zukunft

von Pascal Beck  09.03.2026

Women’s Asian Cup

Trump fordert von Australien Asyl für iranische Fußballerinnen

Die Spielerinnen hatten sich vor dem Anstoß im Robina Stadium geweigert, die iranische Nationalhymne zu singen

 09.03.2026

Magdeburg

Auftakt für jüdische Kultur in Sachsen-Anhalt

Ministerpräsident Sven Schulze betonte als Schirmherr die Bedeutung der Kulturtage als klares Signal der Solidarität mit Jüdinnen und Juden in Sachsen-Anhalt

 09.03.2026

Sprache

»Wat willste?«

Die Autorin Lea Streisand hat ein Buch über den vielleicht schönsten Dialekt des Deutschen geschrieben, das Berlinerische. Ein Besuch zwischen »ick«, »icke« und »dufte«

von Katrin Richter  08.03.2026

Berlin/Los Angeles

Weimer lädt Chalamet in die Oper ein: »Kann mal daneben liegen«

Interessiert sich wirklich niemand mehr für Oper und Ballett? So findet es zumindest »Marty Supreme«-Star Timothée Chalamet. Wie der Kulturstaatsminister den Oscar-Anwärter umstimmen will

 08.03.2026