Literatur

Unerwartet zärtlich

»Allen Schicksalsschlägen zum Trotz«: Hans Magnus Enzensberger Foto: Getty Images

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Unerwartet zärtlich

Hans Magnus Enzensbergers neues Buch ist eine berührende Hommage an jüdische Schriftsteller

von Yaron Weiner  16.07.2018 20:59 Uhr

Vignetten» nennt Hans Magnus Enzensberger seine literarischen Porträts von «Überlebenskünstlern». Das vor allem im 19. Jahrhundert beliebte Genre belebt der Schriftsteller in seinem jüngsten Buch damit auf faszinierende Weise: Aus präzisen Miniaturgemälden werden konzise Miniaturessays.

Bereits im Vorwort kommt er darauf zu sprechen, weshalb sich unter den 99 von ihm ausgewählten Autoren und Dichterinnen so zahlreiche Juden finden. «Weil sie ein Leben führten, das gefährlicher als das der anderen war, und weil sie einem Volk angehören, das sein Überleben in der Zerstreuung dem Buch verdankt. Die Selbstverstümmlung, die sich die deutsche Intelligenz durch ihre Judenfeindschaft zufügte, hat Folgen, die bis heute spürbar sind. Auch daraus erklärt sich die hohe Zahl der jüdischen Schriftsteller, von denen hier die Rede sein wird.»

israel Obwohl Enzensberger seine Präferenzen nicht verbirgt, sind die hier auf jeweils anderthalb Druckseiten Porträtierten keinesfalls Varianten seines «Fliegenden Robert», der in dem gleichnamigen, berühmt gewordenen Gedicht vor allem Eskapismus lebt. Doch nicht zufällig zitiert er aus einem Gedicht des 1924 in Würzburg geborenen und später nach Israel emigrierten Lyrikers Jehuda Amichai, in dem es heißt: «An dem Ort, an dem wir recht haben,/ werden niemals Blumen wachsen.// Zweifel und Liebe aber/ lockern die Welt auf/ wie ein Maulwurf, wie ein Pflug.»

Die Rechthaber der Literaturgeschichte sind ihm deshalb ein arger Graus: die autoritäre, «politisch unzurechnungsfähige» Gertrude Stein oder der Egomane Elias Canetti («Die Blendung ist quälend weitschweifig und erschreckend monoton»). Auch die zum Kommunismus stalinistischer Provenienz konvertierte Anna Seghers betrachtet er mit Distanz. «Weder die Schoa noch die Gründung Israels spielen in ihrem Werk eine Rolle»; gleichwohl bleibt die Wertschätzung für die beiden großen Romane Das siebte Kreuz und Transit.

Von echter Enzensbergerscher maliziöser Lakonie dagegen das Porträt von Stephan Hermlin: «Unter seinen Kollegen trug er in der DDR den Spitznamen ›Lord Feinfrost‹. Vielleicht hätte er, frei von jeder Rücksicht auf die Tatsachen, den Roman eines fabelhaften Überlebenskünstlers schreiben sollen. Schade, dass er im eisernen Käfig der Ideologie nicht zu einer solchen Selbstüberwindung fähig war.»

Geistesverwandte Ohnehin sind Enzensbergers Geistesverwandte eher Stilisten, die das 20. Jahrhundert als ideologieresistente Individualisten überlebten: die stille Ilse Aichinger und der antitotalitäre Hans Sahl, die Romanciers Harry Mulisch und Danilo Kiš, der gänzlich unprätentiöse Imre Kertész und dessen Nobelpreis-Kollege Boris Pasternak, der für die Veröffentlichung seines Romans Doktor Schiwago vom Sowjetregime quasi in den Tod getrieben wurde.

Auch das ist verblüffend: Wie feinfühlig sich Enzensberger in das Dilemma russisch-jüdischer Schriftsteller einzufühlen vermag, die zwischen Hitler und Stalin zerrieben zu werden drohten, die fintenreich überlebten wie Ilja Ehrenburg oder aus ihren Erfahrungen skrupulöse Weltliteratur machten wie Wassili Grossman (dessen Epochenroman Leben und Schicksal vom KGB konfisziert wurde, während mit Andrej Sacharows Hilfe ein Manuskript in den Westen geschmuggelt werden konnte).

Etwas verwunderlich hingegen, dass Enzensberger ausgerechnet dem luziden Essayisten Manès Sperber bescheinigt, «kein großer Stilist» gewesen zu sein. Auch im Falle des 1938 aus Wien in die USA entkommenen Hermann Broch hätte man sich vielleicht ein paar zusätzliche Sätze über das gigantische literarische Werk gewünscht – und sei’s auch nur über Die Erzählung der Magd Zerline, für Hannah Arendt «eine der schönsten Liebesgeschichten».

Heimat Viele der überlebenden deutsch-jüdischen Autoren, die – anders als Broch – nach Kriegsende nach (West-)Deutschland zurückgekehrt waren, fühlten sich auch dort nicht mehr heimisch – existenzielle Einsamkeitserfahrungen, denen Enzensberger bei Wolfgang Hildesheimer sensibel nachspürt.

Über den heute beinahe vergessenen Hildesheimer, im Krieg Informationsoffizier der Briten in Jerusalem, heißt es: «In der ›Gruppe 47‹ fiel er durch seine Eleganz, seine Weltläufigkeit und seine Sprachkenntnisse auf, Eigenschaften, die in der hiesigen Literatur der fünfziger Jahre nicht vorherrschend waren.»

Mit vielen dieser Autoren war Hans Magnus Enzensberger befreundet oder hatte sie zumindest persönlich erlebt, wie etwa die als ausgesprochen sympathisch wahrgenommenen Carl Zuckmayer und Arthur Miller oder den charismatischen, in New York auf Jiddisch schreibenden Isaac Ba­shevis Singer. Freilich kramt hier keineswegs ein inzwischen 88-Jähriger im Anekdotenkästchen, sondern hat sich – welch ein Lesevergnügen! – auch im hohen Alter den Sinn für Widerhaken erhalten. («›Warum sprichst du so leise?‹, fragte ich Müller. ›Weil ich jedem etwas anderes erzähle.‹»)

Sowjetunion Gerade ein so flexib­ler Geist wie Hans Magnus Enzensberger macht jedoch dann keinen Hehl aus seiner Bewunderung für diejenigen – nicht zufällig vor allem jüdischen Schriftsteller –, die eben nicht jedem etwas anderes erzählten: Nelly Sachs, die er als ganz junger Mann in Stockholm besuchte, Ossip Mandelstams Witwe Nadeschda, die in ihrer Autobiografie Das Jahrhundert der Wölfe von existenzieller (und oft genug scheiternder) Überlebenskunst Bericht gab, oder den der körper- und geisttötenden Sowjetunion ästhetisch und ethisch widerstehenden Dichter Joseph Brodsky.

Es ist, beim habituell ja eher skeptischen Enzensberger durchaus überraschend, ei­ne große Zärtlichkeit in diesem Buch, eine Empathie, die kein Pathos braucht. So heißt es etwa über Nelly Sachs: «Ihre Seelenstärke und die schiere Energie, mit der sie allen Schicksalsschlägen zum Trotz an ihrer Sendung festgehalten hat, sind unbegreiflich.» Was für eine Hommage, was für ein Buch!

Hans Magnus Enzensberger: «Überlebenskünstler. 99 literarische Vignetten aus dem 20. Jahrhundert». Suhrkamp, Berlin 2018, 361 S., 24 €

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