Literatur

Uneitles Dokument

Lenn Kudrjawizki wurde 1975 in Leningrad geboren. Foto: picture alliance / Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/ZB

Sein Name geht vielen schwer über die Lippen, aber jeder Zuschauer in Deutschland kennt sein markantes, ausdrucksstarkes Gesicht mit den leuchtenden blauen Augen. Lenn Kudrjawizki war in ungezählten Produktionen zu sehen, er stand für erfolgreiche Serien wie Babylon Berlin, Vikings, Unorthodox und Jack Ryan vor der Kamera, hat mit Stars wie Kevin Costner und Kenneth Branagh gearbeitet und gehört zum festen Ermittler-Stamm der beliebten »Kroatien«-Fernsehkrimis im Ersten. Im oscargekrönten Film Die Fälscher spielte er berührend einen KZ-Insassen.

Man meint, ihn gut zu kennen, diesen 47 Jahre alten, energiegeladenen Schauspieler. Doch jetzt, mit seinem Buch Familienbande – Vom Leben, Lieben und Loslassen kommt uns der Mensch Lenn Kudrjawizki unerwartet nah. Es ist das aufrichtige, völlig uneitle und sehr persönliche Dokument eines Lebens, das durch verschiedene Kulturen geprägt ist. Keine Autobiografie, dafür ist es sicher noch zu früh, sondern ein sensibles, erstes Erkunden der eigenen Wurzeln.

KOPFKINO »Mein emotionales Gedächtnis und mein Kopfkino waren zum Überlaufen voll«, sagt Lenn. »Ich wollte auf eine Reise gehen und sehen, welche Pakete ich mit mir herumtrage. Mir ist klar geworden, dass wir auch Gepäck aus vergangenen Generationen mit uns herumschleppen, mit Dingen, die wir selbst gar nicht erlebt haben. So habe ich begonnen, zu recherchieren und mit vielen Menschen zu reden wie mit meiner Mama. Auf einmal tauchten Dokumente auf, zum Beispiel die Ernennungsurkunde meines Urgroßvaters als Apotheker des Zaren.«

Als nächstes Werk wünscht man sich einen großen Familienroman über die Kudrjawizkis, seine Recherchen gäben noch genug Material her.

Die Geschichten über diese jüdisch-russische Familie, die im alten Petersburg zu Anerkennung und Wohlstand gelangte und alles in der Revolution von 1917 verlor, gehören zu den stärksten Momenten des Buches. Als nächstes Werk wünscht man sich einen großen Familienroman über die Kudrjawizkis, seine Recherchen gäben noch genug Material her.

Lenn wurde 1975 in der Stadt seiner Vorfahren geboren, die damals Leningrad hieß. Er hat nicht nur jüdische und russische Wurzeln, sondern auch ukrainische. All diese Einflüsse beschreibt er als einen »großen Schatz«, aus dem er für sein Leben und seine Kunst schöpfen könne. Dem überzeugten, leidenschaftlichen Europäer, wie er sich selbst nennt, zerreißt es jeden Tag das Herz. Freunde und Bekannte in Russland hätten schon Stellungsbefehle erhalten und warteten auf den Einsatz an der Front. »Und ein Ende des Wahnsinns ist nicht in Sicht.«

Seine Eltern gingen mit ihm schon kurz nach seiner Geburt in die DDR, wo der Vater als Wissenschaftler und die Mutter als Dolmetscherin arbeiteten. Oft besuchten sie die Verwandten in der Sowjetunion, die meisten lebten im Kaukasus. Lenn wuchs im Lichtenberger Hans-Loch-Viertel auf, eine Ost-Berliner Kindheit im ersten größeren Neubaugebiet der Stadt. Er zog mit seiner Clique herum, spielte Fußball zwischen den Hochhäusern, fühlte sich wohl und aufgehoben.

Erst nach der Wende wird er plötzlich auf der Straße als »Russe« und »Jude« beschimpft, oft sind es die alten Freunde, die ihn nun diskriminieren und auch körperlich angreifen. »Ich habe versucht, die Ursachen zu verstehen«, beschreibt Lenn diese tiefe Verletzung. »Es kam sicher aus den völlig verunsicherten Elternhäusern. Die suchten Schuldige für all die neuen Probleme, und alte, verdrängte Vorurteile brachen hervor. Aber es tut immer noch weh.«

WEISSENSEE Mit der Mutter besuchte Lenn schon damals die Synagoge. Er liebt den alten jüdischen Friedhof in Weißensee, den er als einen friedlichen Ort der Geschichte empfindet. »Ich wurde in dieses Erbe hineingeboren, und es wird immer wichtiger für mich«, meint Lenn. »Ein Magnetismus, der mich anzieht, ein Gefühl von Zusammensein, das mir Halt gibt.« Das Schreiben, die Recherchen, die Gespräche haben dieses Empfinden für die eigene Herkunft noch verstärkt, sie rissen aber auch eine tiefe Wunde wieder auf.

Die Ehe seiner Eltern zerbrach in der DDR. Lenn Kudrjawizki erzählt davon aus der Perspektive eines kleinen, verstörten Jungen, der die dramatischen Ereignisse kaum verstand, den Streit, die heftigen Zerwürfnisse bis hin zu einer Entführung durch die Mutter, die ihn dem Vater entziehen wollte.

Er berichtet von einer langen Therapie, die er brauchte. Aber auch das Schreiben habe ihm geholfen, das Geschehen heute neu zu sehen: »Es hat in vielen Momenten sehr wehgetan, wieder in diese Situationen hineinzugehen. Ich glaube, mir fehlen Filter, die normalerweise schreckliche Erinnerungen auslöschen. Ich kann das alles noch sehr genau nachvollziehen. Die Bilder sind noch da, die Emotionen sind noch da.«

Perspektiven Aber er versuche, Perspektiven neu einzunehmen, also auch die Sicht seiner Mutter zu verstehen – und wie schmerzhaft es für sie gewesen sein muss, dass er lieber bei seinem Vater leben wollte. »Als Kind habe ich das immer einseitig empfunden. Heute sehe ich das ganz anders, darum ist das Buch ein Versuch, mit der Vergangenheit Frieden zu schließen, damit meine Zukunft und meine eigene Familie eine Chance haben.«

»Ich wollte sehen, welche Pakete ich mit mir herumtrage«, sagt der 47-Jährige.

Das künstlerische Naturtalent Lenn Kudrjawizki, heute selbst Vater zweier Kinder, ist in die Schauspielerei eher hineingewachsen. Seine erste Liebe war die Geige, er hat das Instrument von klein auf erlernt, später beim legendären Violinen-Virtuosen und Lehrer Gustav Schmahl studiert. »Die Geige begleitet mich überall hin, auch beim Drehen. Sie ist mein Seelenheil, meine Medizin. Selbst wenn ich nicht spiele, ist es schön, sie dabei zu wissen.« Manchmal steht er mit seiner Frau, die auch Künstlerin ist, auf der Bühne und musiziert gemeinsam.

In seinem Buch schildert er rückhaltlos einen Prozess der Selbsterkundung und der Heilung durch die Kunst, durch die Familie und gute Freunde. Er zeichnet liebevolle Porträts voller Verständnis und Wärme und einem unerschütterlichen Optimismus.

Lenn Kudrjawizki sagt: »Mein Vater gab mir den Leitsatz mit auf den Weg: Wenn man in allem auch das Gute sucht, wird man auch immer etwas finden. So lebe ich mit vielen Erfahrungen im Gepäck, die mir immer geholfen haben, ob als Schauspieler, bei der Lebensgestaltung, beim Umgang mit meiner Familie. Mein Leben ist so unendlich reich.«

Lenn Kudrjawizki: »Familienbande – Vom Leben, Lieben und Loslassen«.
S. Fischer, Frankfurt 2023, 272 S., 18 €

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