Dokumentarfilm

Wie eine große Lüge die Welt rührte

Die Geschichte von Misha Defonseca über ihr Überleben der Schoa als Teil eines Wolfsrudels war Fiktion. Foto: imago/Belga

Es ist eine Geschichte, die unfassbar ist – und eigentümlich unter die Haut geht: Ein siebenjähriges jüdisches Mädchen, das während des Zweiten Weltkrieges im besetzten Belgien bei einer Pflegefamilie lebt, reißt sich los, um in Polen nach seinen verschleppten Eltern zu suchen.

BESTSELLER Zu Fuß zieht die kleine Misha, nur mit dem Nötigsten samt einem Kompass ausgestattet, über Tausende von Kilometern überwiegend durch Wälder. Dort trifft sie auf Wölfe, mit denen sie sich anfreundet und die sie schützen. Am Ende ihres Weges muss Misha erkennen, dass die Nazis Vater und Mutter ermordet haben. Es ist eine bewegende Geschichte.

Und nichts davon stimmt.

Dennoch überzeugte die 1937 geborene, in den USA lebende Belgierin Misha Defonseca 1997 damit die Welt. Gemeinsam mit einer Ghostwriterin beschrieb Defonseca die Story im Bestseller »Überleben unter Wölfen« als ihre eigene, lange verdrängte Vergangenheit. Starmoderatorin Oprah Winfrey wollte die Protagonistin damals in ihrer TV-Show haben, Disney meldete Interesse am Stoff an. 2008 brachte die französische Filmemacherin Véra Belmont »Überleben mit Wölfen« in die Kinos. Doch wenig später musste die Autorin eingestehen, dass alles Lüge war.

FAMILIENGESCHICHTE Schlaglichter auf die abgründige Story, die von menschlicher Verletzlichkeit und Schwäche, von Wahn und Gier vor dem Hintergrund des Völkermordes zehrt, wirft die Dokumentation »Misha und die Wölfe« aus dem Jahr 2020, die jetzt bei Arte in der Mediathek zu sehen ist.

Der britische Regisseur Sam Hobkinson setzt mit einer typischen Doku-Mischung aus Zeugenerinnerungen, Spielszenen und historischen Aufnahmen sowie alten Gesprächs-Ausschnitten mit der Protagonistin, die kein neues Interview gab, ein Puzzle zusammen, das frösteln lässt.

Denn obwohl die Katholikin Defonseca als Lügnerin gezeigt wird, die mit einem falschen Holocaust-Schicksal Profite machte, ist auch ihr eigenes Schicksal grausam. Ihr Vater Robert de Wael, der dem belgischen Widerstand angehörte, wurde 1941 von den Deutschen verschleppt und gefoltert. Gegen das Versprechen, dass seine Frau und seine Tochter davonkämen, nannte de Wael, der später wie seine Frau in einem Lager starb, die Namen seiner Mitstreiter.

IDENTITÄT Die kleine Monique, die unter dem Namen Misha weiterlebte, wurde von den Belgiern nach dem Krieg als »Verräterkind« beschimpft und ausgegrenzt. Eine, die den Marktwert von deren Fantasiebiografie witterte, als sie Defonseca zufällig kennenlernte, ist die amerikanische Kleinverlegerin Jane Daniel.

Sie initiierte das Buch, besorgte die Ghostwriterin, konnte bald die Rechte für Übersetzungen in 20 Sprachen verkaufen. Das gute Verhältnis zwischen Autorin und Verlegerin bekam jedoch Risse, als Defonseca sich weigerte, in die Oprah-Show zu gehen. Und es endete vor Gericht, wo die Autorin zweistellige Millionenbeträge von der Verlegerin zugesprochen bekam.

Die belgische Genealogin Evelyne Haendel, selbst eine Überlebende, hat in alten Kirchen- und Schulbüchern die wahre Identität ihrer Landsfrau herausgefunden. Und wie hat Defonseca ihr falsches Tun begründet?

»Diese Geschichte ist meine eigene. Es ist nicht die Realität, aber meine Realität – meine Art zu überleben«, sagte sie in einer frühen Stellungnahme. Später kommentierte sie: »Ich begab mich in eine Seifenblase, meine eigene Welt. Meine Welt war voller Tiere. Tiere, die mich beschützen vor den Menschen.« Defonseca war zugleich Täterin und Opfer, heißt es im Film. Das trifft es vielleicht. dpa

Die Dokumentation ist jetzt in der Arte-Mediathek zu sehen.

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