Bühne

»Überleben ist ein Privileg«

Jedes Jahr im Mai werden die zehn bemerkenswertesten Theaterinszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum nach Berlin zum Theatertreffen eingeladen. Mit Die letzten Zeugen des Wiener Burgtheaters hat die Jury auch eine Produktion aus Österreich ausgewählt. Das Stück wird am 13., 14. und 15. Mai im Haus der Berliner Festspiele aufgeführt. Am 17. Mai findet ein Gastspiel in Dresden statt.

Die letzten Zeugen ist ein Erinnerungsprojekt des früheren Burgtheater-Direktors Matthias Hartmann und des in Tel Aviv geborenen und in Österreich lebenden Schriftstellers und Historikers Doron Rabinovici. In dem Stück, das in Wien erstmals im vergangenen November anlässlich des 75. Jahrestags der Novemberpogrome gezeigt wurde, kommen Zeitzeugen auf der Bühne zu Wort.

In Wien war der Terror in der »Kristallnacht« 1938 schlimmer als in anderen Städten. Alle Synagogen wurden damals zerstört, nur der Stadttempel konnte wegen seiner Lage in einem Wohngebiet nicht niedergebrannt werden. Tausende Juden wurden festgenommen und nach Dachau verschleppt.

Grossaufnahme Das Besondere an den Letzten Zeugen ist, dass sechs Überlebende des Holocaust hinter einem durchsichtigen Vorhang schweigend auf der Bühne sitzen. Wenn ihre Lebens- und Leidensgeschichte von jüngeren Schauspielern vorgetragen wird, erscheinen ihre Gesichter in Großaufnahme auf der Leinwand.

Dazwischen werden Fotos aus Wien eingeblendet. Man sieht, wie die Wiener die Nazis willkommen hießen, dann folgen Bilder der Vertreibung und aus den Konzentrationslagern. Weltbekannt ist das Foto von Juden, die gezwungen wurden, mit Zahnbürsten Wiener Gehsteige zu reinigen. Dieses Gehsteigputzen entwickelte sich in Österreich zu einer »Volksbelustigung«.

Stafettenlauf In dem Stück werden die theatralen Mittel bewusst sparsam eingesetzt. Die Schauspieler treten einzeln nach vorn, um abwechselnd die Texte der »letzten Zeugen« vorzulesen. Die im Theater anwesenden Überlebenden sind zwischen 80 und 100 Jahren alt. Sie bleiben zunächst stumm und lassen die Schauspieler für sich sprechen. »Der Text steht immer im Zentrum, er wird weitergereicht, jüngere Leute, Schauspieler übernehmen ihn wie ein Vermächtnis. Es ist ein Stafettenlauf der Erinnerung«, sagt Rabinovici.

Ursprünglich hätten auf der Bühne sieben Zeugen anwesend sein sollen. Doch ein Stuhl mit einem bunten Tuch bleibt leer – als Erinnerung für Ceija Stojka, die im Vorjahr verstarb. Stojka gehörte den Lovara-Roma an. Sie war eine in Österreich bekannte Künstlerin und Schriftstellerin. Als Kind hatte sie die KZs Auschwitz, Ravensbrück und Bergen-Belsen überlebt.

So unterschiedlich ihre Schicksale sind, so sehr setzen sich die letzten Zeugen dafür ein, dass der Terror der damaligen Zeit nie vergessen wird. Vilma Neuwirth etwa erzählt, wie sie in Wien als zehnjährige »Halbjüdin« angespuckt und beschimpft wurde: »Wenn der Unterricht aus war, wurden wir Kinder vor dem Schultor von einer Meute alter und junger Nazis empfangen. Sie schlugen mit Ketten und Hundepeitschen auf uns ein.« Sie überlebte dank ihrer »arischen« Mutter, die sich trotz aller Gefahren für die Familie einsetzte.

Berührend sind auch die Schilderungen von Suzanne-Lucienne Rabinovici über die unmenschlichen Bedingungen im Ghetto von Wilna. Als das Ghetto 1943 geschlossen wurde, sortierten die Nazis junge und alte Menschen aus, um diese sofort zu ermorden. Rabinovici verdankt ihr Überleben der Mutter, von der sie im Rucksack durch die Selektion geschmuggelt wurde.

Schuldkomplex Rudolf Gelbard war acht Jahre alt, als am 9. November 1938 in Wien die Synagogen brannten. Er wurde als Kind mit seinen Eltern nach Theresienstadt deportiert. Er trauert um 19 Familienmitglieder, die in der NS-Zeit ermordet wurden. Als Gelbard 1945 nach Wien zurückkehrte, interessierten sich die wenigsten Österreicher für das Schicksal der Holocaust-Opfer.

Ari Rath ist es gelungen, 1938 mit einem Kindertransport nach Palästina auszureisen. Später wurde er Chefredakteur der Jerusalem Post. »Ich habe mein ganzes Leben meinen eigenen Schoa-Komplex, ein Schuldgefühl«, sagt Rath.

Nachdem ihre Geschichte vorgetragen wurde, steht ein Überlebender nach dem anderen auf, tritt vor den Vorhang und ergreift selbst kurz das Wort. Das ist ein besonders ergreifender Moment. Als in Wien im vergangenen Januar rechtsradikale Burschenschaftler mit der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) in der Hofburg feierten, änderte Rath sein Schlusswort: »Die Giftschlange des Rassismus, des Fremdenhasses und Rechts-Nationalismus hebt wieder ihren drohenden Kopf.« Die Gefahr sei noch lange nicht gebannt, warnte Rath.

Gespräch Nach der zweistündigen Vorstellung wird das Publikum im Foyer des Theaters zu einem moderierten Gespräch mit den Zeugen eingeladen. »Überleben ist ein Privileg, das verpflichtet«, betont Rudolf Gelbard.

Ein vergleichbares Projekt hat es im Wiener Burgtheater bislang nicht gegeben. In Österreich ist man vom Erfolg überrascht. Das Publikum reagierte nach jeder Vorstellung mit lang anhaltendem Applaus. Ursprünglich waren im November nur vier Aufführungen vorgesehen. Doch diese waren in kurzer Zeit ausverkauft. Daher nahm das Burgtheater zusätzliche Vorstellungen ins Programm auf.

Es ist eine der letzten Gelegenheiten, Holocaust-Überlebenden persönlich zu begegnen. Denn, so der frühere Burgtheater-Direktor Hartmann, »es werden immer weniger, denen wir zuhören können«.

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