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Tuttle will bei Berlinale bleiben - ist der Streit vorbei?

Tricia Tuttle am 13. Februar bei der Vorstellung der Internationalen Jury der Berlinale Foto: picture alliance/dpa

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Tuttle will bei Berlinale bleiben - ist der Streit vorbei?

Die US-Amerikanerin Tricia Tuttle leitet das renommierte Filmfestival seit 2024. Nach Vorwürfen und Kontroversen legt sie sich fest: Sie will weitermachen. Aber längst nicht alle Fragen sind geklärt

von Verena Schmitt-Roschmann, Sabrina Szameitat  03.03.2026 16:05 Uhr

Das kam nach dem Hin und Her der vergangenen Tage überraschend: Tricia Tuttle will Berlinale-Chefin bleiben. »Ich bin sehr stolz auf mein Team und das Festival und möchte die gemeinsam begonnene Arbeit in vollem Vertrauen und mit institutioneller Unabhängigkeit fortsetzen«, sagte die 55-jährige US-Amerikanerin.

Vor einer weiteren Krisensitzung zur Zukunft des renommierten Filmfestivals am Mittwoch (11.30 Uhr) im Kanzleramt gibt es damit eine klare Ansage. Und Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) gibt sich zuversichtlich. »Wir sind auf einem guten Weg, die Berlinale zukunftsfest aufzustellen«, sagte der Beauftragte für Kultur und Medien. Doch ist die Kontroverse über das mit Steuergeld geförderte Festival, über die Freiheit der Kunst und die Grenzen staatlichen Einflusses damit wirklich ausgestanden?

Die Vorgeschichte ist kompliziert. Während des Festivals hatten Filmschaffende kritisiert, die Leitung habe sich nicht eindeutig genug an die Seite der Palästinenser im Gaza-Krieg gestellt. Bei der Abschlussgala warf der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib der Bundesregierung vor, Partner eines angeblichen »Völkermords« im Gazastreifen zu sein. Israels Regierung weist den Völkermord-Vorwurf strikt zurück, ebenso wie die Bundesregierung. Umweltminister Carsten Schneider (SPD) verließ die Gala aus Protest. Auch Weimer und Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) verurteilten die Aussagen.

»Vergiftete Atmosphäre«

Wenige Tage später meldete »Bild«, Tuttle solle als Intendantin abberufen werden. Dies löste wütende Reaktionen in der Kulturszene aus, viele Kulturschaffende solidarisierten sich mit der Festivalchefin. Weimer sagte dann am Wochenende der »Rheinischen Post«, Tuttle habe von sich aus ihre Zukunft bei der Berlinale infrage gestellt und von einer »vergifteten Atmosphäre« gesprochen.

Tuttle selbst schwieg tagelang, äußerte sich aber jetzt ausführlich in einem dpa-Interview. Sie habe sich selbst die Frage gestellt, ob sie weiter effektiv arbeiten könne »in einem Umfeld, in dem meine Führungsrolle und die Integrität der Berlinale öffentlich ernsthaft in Zweifel gezogen wurden«. Mit Weimer habe sie »die Möglichkeit meiner einvernehmlichen Kündigung« diskutiert. »Noch bevor diese Gespräche vollständig abgeschlossen waren, erschien in der Presse die Nachricht von einer Aufsichtsratssitzung, in der über die Zukunft der Berlinale beraten werden sollte«, fügte sie hinzu.

Die Reaktionen aus der Kulturszene seien beachtlich gewesen. »Die breite Resonanz unterstrich, dass es in der Debatte nicht um eine einzelne Preisverleihung, eine Festivalwoche oder eine Person ging, sondern um das allgemeine Prinzip, dass kulturelle Einrichtungen darauf vertrauen können müssen, innerhalb demokratischer und rechtlicher Rahmenbedingungen agieren zu können. Das ist eine starke Botschaft.« Das habe »auch meine eigene Klarheit nach einigen schwierigen Wochen wiederhergestellt«.

Rückhalt von Kollegen

Tuttles Aussagen kann man so verstehen, dass sie selbst schwankte, sich aber durch den Rückhalt von Kollegen bestätigt fühlte. Und dass sie sich bei der Führung des Festivals auch künftig nicht allzu sehr von der Politik reinreden lassen will.

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Zwar sagte sie der dpa: »Wir sind rechenschaftspflichtig für die öffentlichen Mittel, die etwa 40 Prozent unseres Budgets ausmachen. Diese Rechenschaftspflicht umfasst Transparenz, gute Führung der Organisation und wirtschaftliche Effizienz.« Doch sei die Berlinale auch ein Wirtschaftsmotor mit 100 Millionen Euro an »wirtschaftlichem Gesamteffekt«.

»Ein gesunder Dialog mit unseren Stakeholdern darüber ist unerlässlich«, sagte die Festivalleiterin. »Aber ebenso wichtig ist die Unabhängigkeit in der Programmgestaltung und der institutionellen Leitung, und ich glaube, dass wir uns mit unseren Partnern und Zuwendungsgebern darüber einig sind.«

Gegenseitige Unterstellungen

Auf die Frage nach den Grenzen der Meinungsfreiheit auf der Bühne sagte Tuttle: »Wir leben in einer Welt, die zutiefst polarisiert und emotional aufgeladen ist. Aber wir handeln strikt innerhalb des geltenden gesetzlichen Rahmens.«

Es sei völlig legitim, dass Menschen mit dem, was auf der Bühne gesagt werde, nicht einverstanden seien. Bisweilen kochten Emotionen hoch. »Aber diese Art von Meinungsverschiedenheiten sollte nicht zu einer institutionellen Krise oder Richtlinie führen«, so die Berlinale-Chefin.

Liegt sie damit auf einer Linie mit der Bundesregierung? In die Debatte hatte sich nicht nur Weimer eingebracht, sondern - über seinen Sprecher - auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). »Die im Raum stehenden Vorwürfe müssen ausgeräumt werden und gegenseitige Unterstellungen müssen unterbleiben«, sagte Merz-Sprecher Sebastian Hille am Freitag.

Einfache Frage

Es gehe nicht um Eingriffe in Kunstfreiheit. Doch müsse die einfache Frage beantwortet werden: »Was soll und darf auf der Bühne der Berlinale stattfinden?« Es könne wenig Zweifel daran geben, dass »Aussagen, die der Bundesregierung eine Beteiligung an einem Völkermord unterstellen und auch noch Drohungen beinhalten, nicht an einem solchen Ort stattfinden sollen«.

Was wiederum die Frage aufwirft: Wie soll oder kann so etwas künftig unterbunden werden? Sicherlich ein Punkt, der bei der Krisensitzung eine Rolle spielen dürfte.

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