Geschichte

Tun, was getan werden muss

Die Landschaft Het Gooi, in der Janny und Lien Brilleslijper sich versteckt hielten Foto: Ullstein

»Dieses Haus ist größer als wir«, stellt Roxane van Iperen im Vorwort zu ihrem Buch ’t Hooge Nest (wörtlich: Das hohe Nest) respektvoll fest. Passend zum Gedenken an den Beginn der deutschen Besatzung der Niederlande vor 80 Jahren und das Kriegsende vor 75 Jahren ist das Buch jetzt auf Deutsch unter dem Titel Ein Versteck unter Feinden erschienen. Van Iperen erzählt darin faktenbasiert bis ins Detail die Geschichte der Geschwister Brilleslijper während der NS-Zeit.

Roxane van Iperen, Juristin und Mutter dreier Kinder, beschloss 2012, mit ihrer Familie in den Speckgürtel von Amsterdam zu ziehen. Het Gooi, eine Landschaft bei Naarden zwischen Amsterdam und dem IJsselmeer, sollte es werden. Die Wahl fiel auf ein großes Haus, von Bäumen verdeckt, mitten im Wald.

Noch während der Renovierungsarbeiten entdeckte die Familie hinter Wandvertäfelungen und in hohlen Holzböden Kerzenstummel, Notenblätter und Widerstandszeitungen aus dem Zweiten Weltkrieg. Schnell wurde klar, dass sich hinter diesem alten Gemäuer etwas Ungeheuerliches abgespielt haben musste.

Die Schwestern verstecken sich in der Villa von Bekannten.

Roxane van Iperen begann, Nachbarn und Nachkommen zu befragen, persönliche Unterlagen, Briefwechsel und gefilmte Zeitzeugenaussagen zu studieren. Außerdem recherchierte sie in niederländischen und israelischen Archiven, etwa in Yad Vashem, sowie der Shoah Foundation von Steven Spielberg.

Sechs Jahre später hat sie die Puzzlestücke sortiert und zu einem Ganzen zusammengefügt. Auf fast 400 Seiten rekonstruiert die Autorin spannend und anschaulich die Geschichte des Hauses, das mitten im Krieg als jüdischer Zufluchtsort diente. Ihr besonderes Augenmerk liegt auf den Schwestern Janny (1916–2003) und Lien Brilleslijper (1912–1988), die im jüdischen Viertel von Amsterdam aufwachsen und zunehmend unter den Repressalien gegenüber Juden zu leiden haben.

UNTERGRUND Während Lien eine Laufbahn als Tänzerin und Sängerin einschlägt und bald schon mit dem deutschen Musiker und Kommunisten Eberhard Rebling liiert ist, wendet sich Janny dem Untergrund zu. Sie weigert sich, den Gelben Stern zu tragen, druckt gemeinsam mit ihrem späteren Mann Bob Flugblätter und verbreitet illegale Publikationen. Regelmäßig ist sie unterwegs, um gefälschte Pässe in Umlauf zu bringen und Lebensmittelmarken zu besorgen.

Als es aufgrund ständiger Razzien in Amsterdam zu gefährlich wird, vermittelt Jan Hemelrijk vom Widerstand Janny und ihrem niederländischen Ehemann das Sommerhaus eines Geschwisterpaares in Naarden. Mitten in einem exklusiven Wohngebiet erweist sich die Villa als ideales Versteck.

Kaum als offizielle Mieter im »Hohen Nest« gelandet, holen sie den Rest der Familie nach. Nach und nach wird das Haus zu einem Hort für Menschen auf der Flucht vor den Nationalsozialisten.

Es gelingt der Gemeinschaft, fast eineinhalb Jahre unentdeckt zu bleiben, trotz ständiger Angst, aufzufliegen. Immerhin leben sie in Nachbarschaft von Nazi-Größen wie dem niederländischen »Führer« Anton Mussert, der in Naarden ein Liebesnest unterhält. Selbst das kulturelle Leben findet zu neuer Blüte: Im Schutz der isolierten Lage wird auf dem Höhepunkt der Judenhatz 1943 jiddisch gesungen, musiziert und rezitiert.

Immer wieder geben sich hier Geflüchtete die Klinke in die Hand. Am Ende sind es 17 Personen, die den harten Kern des Hauses bilden. Jaap, der jüngere Bruder von Janny und Lien, erweist sich dabei als genialer Erfinder und Handwerker. So installiert er ein Warnsystem aus kleinen Lämpchen in jedem Zimmer, die bei Gefahr von außen leuchten sollten.

Außerdem konstruiert er ein Radio, mit dem sie BBC-Nachrichten hören, in der stetigen Hoffnung, dass der Spuk bald vorbei sei. Schließlich ist auch er es, der die Luken in den Böden anlegt. Zigmal proben die Bewohner, sich im Ernstfall binnen 30 Sekunden hierin unsichtbar zu machen. Und schließlich ist da noch die chinesische Vase in einem der Fenster im ersten Stock. Solange die an ihrem Platz steht, kann man sich dem Haus gefahrlos nähern.

VERRAT Doch vor Verrat schützen solche Vorkehrungen nicht. Und so wird die Gemeinschaft im Sommer 1944, als das Land offiziell schon als »judenrein« gilt, von einer unter Druck gesetzten Informantin verraten. Es gelingt den Schwestern noch, ihre Kinder in die vorläufige Obhut einer ortsansässigen Arztfamilie zu geben, danach folgen tagelange Verhöre bei der Amsterdamer Sicherheitspolizei und der Transport nach Westerbork, dem niederländischen Durchgangslager Richtung Osten.

Über diese 1939 ursprünglich für jüdische Flüchtlinge aus Deutschland eingerichtete Auffangstation werden sie am 3. September mit dem letzten Zug nach Auschwitz und Bergen-Belsen deportiert. Dort treffen sie auf Margot und Anne Frank, denen Janny später bis zu ihrem Tod an Fleckfieber im Februar 1945 zur Seite steht.

17 Personen leben in dem Haus – in der Nachbarschaft von Nazis.

Am Ende des Krieges werden es 107.000 sein, rund drei Viertel der niederländischen Juden, die in die Vernichtungslager verbracht wurden. Nur 5000 von ihnen kehrten zurück. Darunter, mit viel Glück und eisernem Überlebenswillen, Janny und Lien, deren Eltern und Bruder in Auschwitz ermordet wurden. Nach dem Krieg ist es Janny, die mithilfe des Roten Kreuzes Otto Frank ausfindig macht, um ihm die Todesnachricht seiner Kinder zu überbringen.

Während Lien mit ihrem Mann – ihrer kommunistischen Ideale wegen – in den 50er-Jahren nach Ostdeutschland übersiedelt und unter dem Namen Lin Jaldati als Sängerin Bekanntheit erlangt, beginnt für Janny und Bob Brandes-Brilleslijper ein neues Leben in ihrer Heimatstadt Amsterdam. Einmal befragt über ihr mutiges Handeln während der Nazi-Zeit, antwortete Janny wie selbstverständlich: »Wir haben getan, was wir tun mussten, was wir tun konnten. Nicht mehr und nicht weniger.«

Roxane van Iperen: »Ein Versteck unter Feinden«. Hoffmann und Campe, Hamburg 2020, 400 S., 24 €

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