»Pussy«

Triumph der Dummheit

»Tourette-Syndrom bloß ohne Tourette«: US-Präsident Donald Trump hat Howard Jacobson zu seinem neuen Romanhelden inspiriert. Foto: dpa

Einen Tag vor der Wahl schreckte Howard Jacobson mitten in der Nacht schweißgebadet auf. »Es war, als würde mir ein Kobold auf der Brust sitzen, etwas Böses wie bei einem Gemälde von Goya.« Er habe ein verdammt schlechtes Gefühl, sagte er zu seiner Frau Jenny und wusste nicht, wie er seine Frustration genau ausdrücken sollte. »Schreib doch einen Roman darüber«, entgegnete seine Frau.

Zurück ins Bett gegangen sei er dann nicht mehr; er habe Kaffee getrunken, sich um fünf Uhr in der Früh an den Computer gesetzt und losgeschrieben. Am Abend war es dann Gewissheit: Donald Trump war tatsächlich zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt worden.

Vereidigung In den Wochen darauf schrieb Jacobson wie ein Berserker, getrieben von der Angst, die Geschichte könnte ihn überholen. »Ich dachte, Trump wird erschossen oder angeklagt vor seiner Vereidigung. Dann befürchtete ich, dass jeder Autor auf der Welt noch vor mir etwas zu Trump veröffentlicht haben würde.«

Wenig später hatte Jacobson die Arbeit an dem Roman mit dem Titel Pussy beendet, der nun auch auf Deutsch erschienen ist. Als handelte es sich um einen klassischen Entwicklungsroman, erzählt das Buch des Briten von der Sozialisation des Prinzen Fracassus (frei übersetzt: »Verarsch uns«), der in Urbs‐Ludus (»Stadt der Spiele«) als Sohn eines reichen Großherzogs im goldenen Käfig aufwächst.

Weil die Eltern keine Zeit für ihn haben, muss dieser »wunderschöne Junge mit dem Hautbild eines Cherubs und gesponnenem goldenen Haar« sich die Zeit im höchsten Turm des Landes allein vertreiben. Er hat eine Vorliebe für zuckrige Getränke, Pros­tituierte und Gladiatorenkämpfe und schaut den ganzen Tag Fernsehen; weil er immer alleine ist, hat er nie gelernt, auf andere einzugehen. Vollständige Sätze bilden kann er auch nicht.

Sonderling Seine Lieblingsserie ist Nero, und von dem römischen Imperator schaut Fracassus sich auch ab, wie er mit Frauen umgeht. Seiner Lehrerin Yoni Cobalt guckt er lieber unter den Rock, als sich von ihr den Unterschied zwischen aktiven und passiven Verben erklären zu lassen. Als er gefragt wird, welche Assoziationen er beim Wort Frau habe, antwortet er nur: »Pussy«. Da wird selbst dem Vater klar, dass etwas nicht stimmt.

»Unser Sohn ist ein Sonderling. Er ist der kommende Mann. Aber es ist schwer, sich vorzustellen, dass er, so wie er jetzt ist, Aktionäre beruhigt oder Interessengruppen besticht«, sagt der Vater. Die Ärzte attestieren ihm ein »Tourette‐Syndrom bloß ohne Tourette«. Hilfe soll Professor Kolskeggur Probrius bringen, der im Institut für Phonoethics die »Bedeutung von Sprache für ethisches Denken« untersucht. Schnell sieht Probrius ein, dass er auf verlorenem Posten steht.

Howard Jacobson erzählt in seinem Roman vom Triumph der Dummheit und zeichnet nach, wie es zu diesem Trump‐Supergau kommen konnte. Er nimmt die liberalen Eliten aufs Korn, denen es schwerfällt, die Leere in den Köpfen der Ignoranten zu ertragen. »Je intellektueller wir selbst sind, desto mehr haben wir das Gefühl, auch einem Narren Intellekt zubilligen zu müssen.«

Jasager Die Demokratie zerstört sich selbst. Irgendwann wächst das Monster seinem Erzieher Probrius über den Kopf, und er befindet sich in einem Dilemma: Gesteht er ein, dass seine Erziehung versagt hat, riskiert er den gut bezahlten Job. Also wird er es tunlichst vermeiden, dem Vater zu beichten, dass Fracassus keinen Fortschritt macht. So etabliert sich allmählich ein Hofstaat aus Jasagern, wie ihn auch Michael Wolff in seinem Enthüllungsbuch Feuer und Zorn gerade beschrieben hat.

Auf der anderen Seite steht das einfache Volk, das diesen reichen Krösus allein schon wegen seines Geldes bewundert. »Ich sage«, legt Jacobson seinem Helden Probrius in den Mund, »das Geheimnis liegt im Versagen der Menschen, die zu ihm aufsehen. Sie wollen einen Helden, der nicht existiert.« Egal, ob er das Blaue vom Himmel herunterlügt, egal, wie viele seiner Unterstützer abspringen: Das Volk sieht gerade in seiner Isolation einen Beweis seiner Authentizität.

Sicher, es gibt nette und zuweilen auch geniale Passagen in dem Buch. Enthusiasmus aber will bei der Lektüre über weite Strecken nicht aufkommen. Das liegt daran, dass keine Parodie der Welt es mit Trumps Realsatire aufnehmen kann. Täglich sorgt er für Kopfschütteln, sodass man glauben möchte, dieser Präsident sei nur eine Erfindung der news‐hungrigen Medien.

Tweets Alles ist über Donald Trump schon gesagt worden. Jeder Tweet, jede skandalöse Äußerung wurde schon kommentiert. Jacobson kann dem nichts Neues hinzufügen. Es hat fast den Anschein, als sei dem 1942 in Manchester geborenen Schriftsteller, der in Interviews schon mal beteuert, er halte seinen Hund für 100‐mal intelligenter als Trump, das Lachen im Hals stecken geblieben und er habe es auch mit seiner spitzen Feder nicht hervorkitzeln können.

Boris Johnson, Nigel Farage und Wladimir Putin waren Paten für die Figuren im Roman. Nur selten schimmert wie in Jacobsons Bestseller Die Finkler‐Frage (2011) oder zuletzt in seiner Shakespeare‐Adaption Shylock (2016) sein bissiger Humor auf, für den der Brite eigentlich berühmt ist. Aber wenn die besten Komödien auf der politischen Bühne aufgeführt werden und nicht im Theater, haben Satiriker es schwer.

Howard Jacobson: »Pussy«. Tropen, Stuttgart 2018, 267 S., 16 €

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