Kino

Traurige Teenies

Nach jüdischen Themen musste man auf dem Filmfestival von Cannes in diesem Jahr nicht lange suchen. Mal ging es um die Politik Israels und verschiedene Facetten des Nahostkonflikts. Andere Regisseure griffen religiöse und spirituelle jüdische Motive auf. Am beeindruckendsten aber waren zwei Filme, die sich mit zwei sehr unterschiedlichen Seiten des Aufwachsens in jüdischen Familien beschäftigten – und das auch in sehr unterschiedlichem Stil.

Fromm verklemmt In seinem Debüt The Wanderer (»Ha’ Meshotet«), das in der Nebenreihe Quinzaine lief, erzählt der bisher nur als Experimentalfilmer bekannte Avishai Sivan von dem 16‐jährigen Isaac, der in einer ultraorthodoxen Familie aufwächst: Man lernt einen schüchternen, scheuen Jungen kennen, der mit sich selbst spürbar nicht im Reinen ist; nicht mit seinem Körper, nicht mit seiner Sexualität, aber auch nicht mit dem religiösen Lebensentwurf seiner Eltern, der Isaac zu einem Außenseiter unter seinen Altersgenossen macht, und zum Objekt von deren Spott. Unfähig zu kommunizieren, brütet der Heranwachsende in sich hinein. Oder er vagabundiert durch die Straßen, still, in sich verschlossen, wie gefangen in einem unsichtbaren inneren Käfig.

Hemmungen Isaacs Eltern sind liebevoll und fürsorglich, aber unfähig, mit ihrem Sohn echten Kontakt aufzunehmen. Es sind die inneren Hemmungen durch religiöse Gebote, die Sprachlosigkeit einer Familie, deren Leben in unzählige Rituale zerfällt, vor allem aber die uneingestandene Repression des frommen Alltags, die der Regisseur hier zum Thema macht. Und die er recht plakativ verurteilt. Sehr bald erfährt man, dass Isaac unter regelmäßigen Schmerzen im Unterleib leidet. Ihre Ursache scheint unerklärlich, zunächst tippen die Ärzte auf Nierensteine, dann auf eine Hodeninfektion.

Dem Zuschauer aber drängt sich bald der Verdacht auf, dass das Leiden psychosomatischer Natur ist. Verschiedene, scheiternde Versuche, mit dem anderen Geschlecht Kontakt aufzunehmen – sogar eine Prostituierte weist Isaac rüde zurück, weil er sich weigert, ein Kondom überzuziehen –, münden schließlich in einen schockierenden Moment: Isaac vergewaltigt eine betrunkene Zufallsbegegnung. Schon zuvor arbeiteten viele Bilder mit Schock durch Ekel, und stilistisch machen es die zähen Einstellungen – die natürlich auch die Ödnis von Isaacs Dasein zum Ausdruck bringen sollen, dem Zuschauer schwer. Man sieht den Willen des Regisseurs zur Kunst; jedoch fehlen Avishai Sivans rigidem Minimalismus der Humor und die Humanität, die seine Vorbilder Tsai Ming‐Liang oder Abbas Kiarostami immer an den Tag legen.

erster sex Völlig anders, und ungleich zugänglicher ist Belle Épine (»Schöne Dorne«) von Rebecca Zlotowski, der in der Reihe Semaine de la Critique Première hatte. Dies ist ein wilder Film, der immer wieder unerwartete Wendungen nimmt, und ganz von den Sehnsüchten der jungen weiblichen Hauptfigur beherrscht wird Sehnsucht – nach der unbekannten Freiheit der Bikerszene, nach erstem Sex, nach Liebe. Prudence Friedmann ist 17. Sie hat gerade ihre Mutter verloren, der Vater ist für ein paar Wochen in Übersee, um das Erbe zu regeln, und die ältere Schwester schaut nur gelegentlich vorbei. Den Schock des Mutterverlusts hat der Teenager noch nicht verarbeitet. Sich selbst überlassen, schwänzt sie die Schule, lernt eine Motorradgang kennen, die nachts verbotene Rennen fährt, bekommt in der härteren, selbstbewussteren Marilyne eine neue Freundin, die ihr doch eigene Erfahrungen nicht abnehmen kann.

Verführung Auch die übrigen Verwandten bieten Prudence keine Hilfe: Einmal ist sie übers Wochenende bei ihrem Onkel und dessen Familie. Man feiert zusammen, doch diese Familie hat ihre eigenen übermächtigen Probleme, und ist ratlos, wie sie der traurigen Prudence helfen können. Ihr Cousin, der schwul ist, was sein Vater nicht wahrhaben will, erzählt ihr die biblische Geschichte von Abigail und deren Verführung durch König David. Das Mädchen versteht die Anspielung auf ihre Situation, Hilfe bietet ihr aber die Tradition auch nicht. Sie muss sich selbst helfen.

Naturalismus und Klarheit des Hinsehens lassen bei diesem Film an Regisseure wie Dardennes und Pialat, auch an Sautet denken. Aber mehr noch erinnert Belle Épine in seiner melancholischen Verbindung von Trauer und Liebe, seinem Romantizismus der Verlorenheit an das US‐Kino der 70er‐Jahre: Monte Hellman, Cassavetes, der frühe Scorsese. Für manche Beobachter war dieses Debüt sogar der in diesem Jahr beste französische Film in Cannes. Die 30‐jährige Rebecca Zlotowski ist eine Regisseurin, die man von nun an im Auge behalten wird. Das gilt auch für ihre großartige Hauptdarstellerin Léa Seydoux, die von Christophe Honoré entdeckt wurde, und derzeit in Lourdes und Robin Hood zu sehen ist. Zlotowskis Film ist ganz auf Seydoux zugeschnitten, die den großen Raum jederzeit mit Präsenz und Intensität ausfüllt – ein neuer aufsteigender Stern unter den französischen Darstellern.

Bibelmotive Motive aus der Tora griffen zwei andere Filme auf. Der deutsche Regisseur Christoph Hochhäusler versetzt in Unter Dir die Stadt die Geschichte von David und Bethesda – David verliebt sich in die Verheiratete, schickt ihren Mann in den Krieg, wo er fällt, und wird dafür von Gott gestraft – ins Frankfurter Bankenmilieu. Und Jean‐Luc Godard, der Altmeister der Nouvelle Vague, erzählt die Geschichte von Abraham und Isaak noch einmal, auf seine eigene Art. Seine Produktion Film Socialisme ist ein Kino‐Essay, der in Form eines Bewusstseinsstroms das Erbe des 20.Jahrhunderts reflektiert: Die mörderischen Diktaturen, die Schoa und der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern kommen prominent vor. Godard vermeidet dabei klare politisch Aussagen. Eindeutig aber ist er in seinem Abgesang auf Europa, in seiner Trauer über verpasste Chancen und den Verfall von Kultur und Politik, wie in seiner Weigerung, zu resignieren.

Terror Die 70er‐Jahre, als Godard noch zu den engagierten Sympathisanten der militanten Linken zählte, waren die große Zeit von Carlos. Der venezolanische Bürgersohn war der erste Global Player des Terrors, ein internationaler politischer Auftragskiller und damit auch ein Artist in der Zirkuskuppel der Medien. Die OPEC‐Geiselnahme 1975 war sein größter Coup. Olivier Assayas erzählt jetzt in fünfeinhalb Stunden das Leben von Carlos. Das gleichnamige Dokudrama wird wahrscheinlich im Fernsehen als Mehrteiler zu sehen sein, eine kürzere Fassung soll im Herbst ins Kino kommen. Dieser exzellente, grandios inszenierte Biopic lässt die Zeit des Kalten Krieges wiederauferstehen, die blutigste Phase des linken Terrors gegen Israel. Eine gespenstische Szene zeigt, wie der spätere UdSSR‐Staatschef Andropow, seinerzeit KGB‐Boss, den Auftrag gibt, den ägyptischen Präsidenten Sadat nach dessen Friedensmission in Israel zu töten. Das illustriert Assayas’ bis heute brisante Haupt‐ these: Jeder Terrorismus ist staatlich, auch hinter Carlos über 20 Jahre währendem Wirken standen immer Regierungen, die Aufträge gaben, finanzierten, zumindest duldeten.

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