Andrzej Wajda

Trauer um polnische Regie-Legende

Andrzej Wajda (1926–2016) Foto: dpa

Mein ganzes Leben lang war ich wild entschlossen, unabhängig zu sein», heißt es in Andrzej Wajdas autobiografischem Dokumentarfilm Soll und Haben aus dem Jahr 1999. Seine Karriere umfasste sechs Jahrzehnte, in denen er bahnbrechende Filme drehte: kritische und differenzierte Auseinandersetzungen mit Geschichte und Gegenwart Polens. Am Sonntagabend starb der Filmemacher im Alter von 90 Jahren in Warschau.

Das Internationale Auschwitz Komitee würdigte das Werk des Regisseurs mit den Worten: «Mit Schmerz und Dankbarkeit verabschieden sich Auschwitz-Überlebende in aller Welt von Andrzej Wajda, dem großen Künstler, der in seinem filmischen Werk Polen und Europa mit den Schmerzen seiner Vergangenheit konfrontierte und seinen Platz immer auf der Seite der Opfer wusste», sagte Christoph Heubner, Exekutiv-Vizepräsident des Auschwitz-Komitees. Wajdas Blick auf die Ursachen von Krieg, Zerstörung und gesellschaftlichen Konflikten sei ebenso entlarvend wie kompromisslos, aber stets von der Liebe zur Welt und zu seinen Mitmenschen geprägt gewesen.

werke Mit Filmen wie Korczak über den von den Nazis ermordeten polnischen Pädagogen Janusz Korczak, Asche und Diamant, Alles zu verkaufen, Landschaft nach der Schlacht bis hin zu Korczak und Das Massaker von Katyn trug Wajda entscheidend zum internationalem Renommee des polnischen Kinos bei. Vielfach wurde er ausgezeichnet, erstmals 1957 in Cannes mit einem Sonderpreis der Jury für Der Kanal. Es folgten unter anderem: ein Oscar für sein Lebenswerk, ein Goldener Ehrenbär der Berlinale sowie ein Goldener Löwe in Venedig.

Geboren wurde Andrzej Wajda 1926 in Suwalki, nahe der russischen Grenze. Für den Sohn einer Lehrerin und eines Berufsoffiziers war die Kindheit schlagartig zu Ende, als mit dem deutschen Überfall auf Polen 1939 der Zweite Weltkrieg begann. Der Vater verschwand 1940 spurlos. Später stellte sich heraus, dass er Opfer des sowjetischen Geheimdienstes NKWD wurde, der insgesamt mehr als 20.000 polnische Offiziere und Zivilisten ermordete.

Am bekanntesten wurde das Massaker von Katyn, wo mehr als 4000 Menschen starben. Gewissheit über das Schicksal seines Vaters bekam Wajda Mitte der 50er-Jahre, als in exilpolnischen Kreisen Listen mit den Namen der Opfer auftauchten. Aber erst mit dem Ende der kommunistischen Systeme 1990 wurden die Massaker offiziell belegt.

Wajda arbeitete sein biografisches Trauma mit dem Spielfilm Das Massaker von Katyn 2007 auf. «Es gibt Stalins Unterschrift auf dem Tötungsbeschluss. Ich wollte zeigen, dass Katyn von einem verbrecherischen System verursacht wurde, auf Befehl Stalins – nicht von ›den Russen‹», sagte er nach der Veröffentlichung des Werks im Interview mit dem «Spiegel».

okkupation Der junge Wajda erlebte die Okkupation in Krakau, lernte in einer Schlosserei harte körperliche Arbeit kennen, zeichnete und malte. Nach dem Krieg studierte er erst an der Kunstakademie, dann an der neu gegründeten Staatlichen Filmschule in Lodz. «In meiner Jugend habe ich gehofft, man könnte die Welt verändern – und verbessern. Der Film (...) sollte eines der wirksamsten Mittel dazu sein.»

Einer seiner Mitstudenten war Roman Polanski. Mehrmals stand er für Wajda als Schauspieler vor der Kamera, so auch in dessen Regiedebüt Eine Generation (1954). Der Film thematisiert den Widerstand gegen die deutsche Besatzung. In Der Kanal flüchtet sich eine Gruppe von Widerstandskämpfern nach dem Scheitern des Warschauer Aufstands in das labyrinthisch verzweigte Kanalsystem und geht tragisch zugrunde.

Zu Wajdas großen internationalen Erfolgen gehört Der Mann aus Marmor (1976), gefolgt vom Mann aus Eisen (1981). Der Mann aus Marmor entlarvt die legendäre Superleistung eines Maurers als Propagandalüge, während Der Mann aus Eisen sich vor dem Hintergrund des Danziger Hafenarbeiter-Streiks 1980 für mehr Demokratie und Menschenrechte einsetzt.

Solidarnosc Im Jahr 2013 entsteht Walesa – der Mann aus Hoffnung, ein Porträt des populären Solidarnosc-Kämpfers und späteren Staatspräsidenten Lech Walesa. 1989 war Wajda als Kandidat der Solidarnosc in den polnischen Senat gewählt worden.

Er mischte sich immer politisch ein, auch wenn ihm das zu Zeiten des Kriegsrechts in Polen ab 1981 quasi Berufsverbot einbrachte und er nur im Ausland arbeiten konnte. Dort drehte er Danton (1982) und Eine Liebe in Deutschland (1983), die Liebesgeschichte zwischen einem polnischen Zwangsarbeiter und einer deutschen Gemüsehändlerin.

Immer wieder eckte Wajda an. In Polen brach er etwa ein Tabu, als er in seinem Film Das Urteil über Franciszek Klos einen Kollaborateur der deutschen Besatzer vorstellt. Auch Das Massaker von Katyn wurde kritisiert. Die Nationalisten warfen ihm vor, er habe Geld aus Moskau bekommen, «der Film war ihnen nicht antirussisch genug», beschreibt es Wajda.

In seinem letzten Film Nachbilder, der im Januar Premiere hat, geht es um die Grenzen, die das politische System einem Künstler setzt. Er erzählt, wie ein polnischer Maler im kommunistischen Polen gebrochen wird, weil er sich nicht an die offizielle Kunstdoktrin halten will.

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