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Traditionspflege mit Schatten

Ernst von Weizsäcker (M.) mit seinen Kindern Richard, Heinrich, Adelheid und Carl Friedrich (v.l.) Foto: Ullstein Bild

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Traditionspflege mit Schatten

Hans-Joachim Noack legt eine neue Familienbiografie über die Weizsäckers vor

von Wolf Scheller  18.01.2020 17:30 Uhr

Seit Theodor Heuss haben die Deutschen wohl keinen Bundespräsidenten so sehr geschätzt wie Richard von Weizsäcker. Dessen Rede im Plenarsaal des Bonner Parlaments am 8. Mai 1985, dem 40. Jahrestag des Kriegsendes, wurde von vielen in Ost und West als befreiend empfunden. Hier sprach einer, der die historischen Abläufe klar benannte, die Schuld der Deutschen nicht relativierte und sich gegen jedwede Schlussstrichmentalität verwahrte.

Der so eindeutig wie unpathetisch ethische Maßstäbe für den Umgang mit der Vergangenheit zu setzen verstand, stammte aus einer der prominentesten Familien Deutschlands, die immer wieder herausragende Persönlichkeiten hervorgebracht hat. Der Journalist Hans-Joachim Noack hat dieser Familie eine Biografie gewidmet, die sich gut lesen lässt – nicht nur wegen der unprätentiösen, leichtfüßigen Schreibe des Autors. Beeindruckend ist die sichere Handhabung seiner Recherchen, die auch durch die Wiedergabe persönlicher Gespräche mit Richard von Weizsäcker gestützt sind.

DYNASTIE Über dieser genealogischen Erkundungsreise könnte die Frage stehen: Wie ist diese Familie zu dem geworden, was sie heute ist? Am Anfang ein schlichtes Müllergeschlecht in Diensten des Fürsten von Hohenlohe, später vom letzten württembergischen König geadelt, schließlich als »die Weizsäckers« »eine Dynastie hoch qualifizierter Diener, die sich einzuordnen und den herrschenden Verhältnissen anzuwandeln versteht« (Noack) – evangelisch nobilitiert durch frühes Engagement in Kirche und Wissenschaft –, aber: »möglichst nahe den Zentren der Macht«, propagieren sie seit alters her einen »christlichen Pazifismus«, wie das der Atomphysiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizäcker, der ältere Bruder des Bundespräsidenten, genannt hat.

Richard von Weizsäcker verteidigte seinen Vater in Nürnberg.

Auch dieser, Richard, leitet seine politische Karriere als Präsident des Evangelischen Kirchentages ein, gewissermaßen ein Brückenschlag zur öffentlichen Einflussnahme in der bundesdeutschen Gesellschaft. Frei von Schatten ist die Geschichte der Weizsäckers freilich nicht. Da ist das Bild des Vaters, Ernst von Weizäcker, der als Staatssekretär im Ribbentrop’schen Außenministerium zum Chefdiplomaten Hitlers avancierte, auch er in der Dynastie ein hoch qualifizierter Diener eines – allerdings ungeliebten – Regimes. Was hat er von den Gräueln und den Verbrechen des Systems gewusst und bewusst verschwiegen, um sich nach dem Krieg einer härteren Strafe zu entziehen? Richard von Weizsäcker, der 1945 am Beginn seines juristischen Studiums stand, im Krieg als junger Soldat verwundet wurde, verteidigt im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess den Vater, der mit sechs Jahren Haft relativ milde davonkommt. Erst sehr viel später tauchen Akten auf, aus denen hervorgeht, dass Ernst von Weizsäcker sehr wohl über das Geschehen in den Konzentrationslagern und den millionenfachen Judenmord mehr wusste, als er zugegeben hatte.

ANSEHEN Und doch werden seine beiden Söhne – ein dritter ist beim Beginn des Polenfeldzugs gefallen – nicht müde, das Ansehen des Vaters ihr Leben lang zu verteidigen.

Carl Friedrich bedauerte, nicht ausreichend Flagge gezeigt zu haben.

Das gehörte gewissermaßen zur Raison d’être der Familie. Der Bibliograf geht behutsam, aber klar und eindeutig mit dem heiklen Thema um, vielleicht aus Respekt vor den Lebensleistungen dieser Familie. Auch der Friedensforscher Carl Friedrich von Weizsäcker bedauerte nach 1945, im Dritten Reich nur unzureichend Flagge gezeigt zu haben. Seit 1936 ist er Professor und kann im Dienst des Chemikers Otto Hahn 1938 aus nächster Nähe die Kernspaltung verfolgen. Hat er darin »nie eine Option« für den Kriegsfall gesehen – wie er später versicherte? In den USA macht Albert Einstein Präsident Roosevelt darauf aufmerksam, »dass der Sohn des deutschen Staatssekretärs von Weizsäcker dem Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin zugeteilt wurde, wo gewisse amerikanische Uranarbeiten jetzt wiederholt werden«. Angesichts dieser bedrohlichen Konstellation sei die Einrichtung eines eigenen Nuklearprogramms leider unvermeidlich.

HEILKUNDE Und da gibt es in diesen Jahren eben auch noch den Onkel der beiden Weizsäcker-Brüder – den Neurologen und führenden Psychosomatiker Viktor von Weizsäcker. Der achtet in Heidelberg darauf – wie Noack schreibt –, »dass seine zunehmend beargwöhnte Heilkunde bei den zuständigen Parteigenossen nicht allzu sehr in Misskredit gerät«. Onkel Viktor schwärmt für Martin Heidegger, der nach dem Krieg sein Faible für Hitler mit dem schönen Satz zu entschuldigen versuchte, er habe nur »den Führer führen wollen«.

Als Anthropologe und Leiter eines anatomischen Instituts in Breslau war Viktor von Weizsäcker in der neuropathologischen Forschung tätig und wurde nach dem Krieg von Kollegen beschuldigt, als »Wegweiser einer nationalsozialistischen Vernichtungsmedizin« gearbeitet zu haben. Seine Reaktion: Es sei natürlich Mord, vermeintlich »lebensunwertes Leben« zu töten, ein »Mord wie jeder andere« – nur habe er nichts damit zu tun gehabt.

Der Biograf sieht einen »Hang zur Selbstüberschätzung«.

Es sind ebensolche Einlassungen, die – vom Biografen zitiert – Zweifel an einer nachgetragenen Aufrichtigkeit aufkommen lassen. Noack sieht darin auch einen »Hang zur Selbstüberschätzung« in der Familie. Richard von Weizsäcker wird sich später zum Kreis um den Hitler-Attentäter Stauffenberg zählen. Sein Vater wird von sich behaupten, er habe »keine Zweifel an der Moralität der Entscheidung, der Tyrannis mit Gewalt entgegenzutreten«. Sein ältester Sohn – Carl Friedrich – interpretiert sich selbst nach dem Krieg als »naturwissenschaftlich-religiöser« Konservativ-Liberaler, der an der freiheitlich-demokratischen wie ökonomischen Grundordnung in der Bundesrepublik nur wenig auszusetzen habe.

Sein jüngerer Bruder, der spätere Bundespräsident, will gleichfalls zu den treibenden Kräften zählen, »im Zentrum Europas eine sattelfeste und zukunftsfähige Demokratie zu installieren«. Ist es aber zutreffend, in Richard von Weizsäcker einen Vordenker der Brandt’schen Ostpolitik zu sehen, wie Noack schreibt? Dass er mit seiner Rede vom 8. Mai 1985 als Staatsoberhaupt Maßstäbe gesetzt hat, wurde von seinem Parteifreund Helmut Kohl nur mit mühsam unterdrücktem Widerwillen zur Kenntnis genommen. Die Abneigung beruhte offensichtlich auf Gegenseitigkeit. Aber das ist eine andere Geschichte.

Hans-Joachim Noack: »Die Weizsäckers. Eine deutsche Familie«. Siedler, München 2019, 429 S., 28 €

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